Künstliche Intelligenz im Design

Lösen selbstlernende Maschinen Designer ab?

Innerhalb der letzten Jahre hat die Entwicklung selbstlernender, intelligenter Maschinen extreme Fortschritte gemacht. Im März vergangenen Jahres gelang es dem von Google DeepMind entwickelten Computerprogramm „AlphaGo“, den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol im asiatischen Strategie-Brettspiel zu besiegen. (1) DeepMind-Gründer und AlphaGos Entwickler Demis Hassabis hat sich nun zum Ziel gesetzt, einen Algorithmus zu erarbeiten, der jede Aufgabe lösen und in allen Bereichen eingesetzt werden kann, von der Medizin über Verwaltung bis hin zu Nachrichtendiensten. Aber wie verhält es sich mit Berufsfeldern mit kreativen Aufgaben? Werden Maschinen bald kreativ sein und den Designer in Zukunft ablösen?

Tatsächlich wächst das Interesse innerhalb der Design-Community an Algorithmen, neuronalen Netzwerken — wie sie AlphaGo verwendet — und KI, kurz für künstliche Intelligenz. Auf verschiedene Weise nähern sich beide Bereiche nach und nach an, aus denen unterschiedlichste Ideen und Innovationen hervorkommen. Dabei stellt sich sich stets die Frage, wie viel Arbeit von Programmen selbstständig übernommen werden kann und welchen Part der Designer im Entwicklungsprozess noch einnimmt.

Inzwischen gibt es bereits erste Ansätze, den Designer vollkommen durch auf KI basierende Programme zu ersetzen. Das Content-Managing-System „The Grid“ versucht dabei, Vorreiter zu sein und kreierte ein Tool zur Website-Erstellung, mit dem Laien und Unerfahrene auf simpelste Weise eigene Homepages erstellen können. Mithilfe bestimmter Angaben zu Ziel und Nutzen der Seite, welche der Eigentümer zuvor festlegt, programmiert und gestaltet das Tool eine fertige Website, in die schließlich nur noch manuell Inhalte hineingeladen werden müssen. (2) Für jeden Designer klingt das zunächst nach einem wahr gewordenen Albtraum: Der Designer wird nun überflüssig, da jeder ohne Vorkenntnisse und mit kleinem Budget eine auf ihn zugeschnittene Website generieren kann. Beim Betrachten der Ergebnisse von The Grid kann der Designer jedoch wieder aufatmen. Die Netzgemeinde beschreibt die generierten Homepages als eintönig und uniform, man habe das Gefühl, jemand hätte eine PDF-Datei in eine Website umgewandelt. (3) Der ausbleibende Erfolg von The Grid bedeutet allerdings nicht, dass man sich zukünftig nicht darauf einstellen müsse, dass solche Arbeiten von Algorithmen übernommen werden — verbessert sich der Algorithmus, so verbessern sich auch die Ergebnisse.

Die erfolgreiche Integration und Verwendung von künstlicher Intelligenz im Designbereich zeigen Firmen wie Adobe und Autodesk. In den letzten Versionen der Adobe-Suite wurden einzelnen Programmen, darunter Photoshop, intelligente Funktionen hinzugefügt. Die Bildbearbeitungssoftware bietet nun beispielsweise die Option an, freie Flächen entsprechend dem vorhandenen Bildmaterial zu füllen, was zuvor manuell korrigiert werden musste. Dadurch ermöglicht das Programm eine enorme Zeitersparnis. (2) Neben Erleichterung der Bedienung und dem Einsparen von Zeit, beweist Autodesk mit ihrem Project Dreamcatcher, wie KI bei der Entwicklung und Gestaltung eines Produkts in Berücksichtigung bestimmter Parameter aushelfen kann. Bei Dreamcatcher handelt es sich um eine Software, die unzählbar viele Designvarianten durchspielt und alle Ergebnisse auf ihre unterschiedlichen Stärken und Schwachstellen testet. Zu Beginn legt der Designer bestimmte Vorgaben sowie Anforderungen an das Produkt fest und definiert anschließend die Optimierungsziele, zum Beispiel minimales Gewicht bei maximaler Stabilität. (4) Die intelligente Software errechnet dann alle potenziellen Lösungen, auf die der Designer allerdings im Laufe der Entwicklung nach wie vor Einfluss nehmen kann, aus Gründen der Ästhetik oder Ähnlichem. Anwendung findet dieses System bereits in der Erstellung von Möbeln, Kleidern oder großen Projekten, wie Brücken oder Hochhäuser. Der Shanghai Tower in China erhielt seine geschwungene Form durch die Berechnungen eines Computers, bei der minimaler Energie- und Materialverbrauch Zielsetzung waren. (5)

Bisher zeigt die Erfahrung, dass künstliche Intelligenz vor allem dann erfolgreich ist, wenn sie den Designer im Gestaltungsprozess unterstützt, anstatt ihn zu ersetzen. Momentan befinden sich die Algorithmen noch auf einem Stand, in dem die Leitung durch einen Designer notwendig ist. Das liegt hauptsächlich daran, dass die intelligenten Softwares klare Grundlagen brauchen, auf denen sie aufbauen können. Diese Grundlagen sind jedoch oft nicht gegeben und die Aufgabe des Designers besteht häufig darin, zahlreiche Entscheidungen treffen zu müssen, die oft keinem klaren Prozess folgen — gerade dann, wenn einkommende Aufträge nicht korrekt oder nicht ausreichend definiert sind.

Darüber hinaus bleiben Algorithmen nach wie vor begrenzt — sie bestehen aus von Menschen festgelegten Regeln, auch nachdem diese durch selbstständiges Lernen der Maschine mit Daten überhäuft werden. Der Designer hingegen kann Regeln schaffen und brechen, besonders in Hinblick auf Fragen der Ästhetik. Was als ästhetisch gilt, wird sich wie bisher ständig verändern. Ist es möglich, dass ein Algorithmus von selbst auf solche Veränderungen reagiert? Und falls ja, wird er gleichermaßen Veränderungen initiieren können?

Der Autodesk-Cheftechniker Jeff Kowalski beantwortet die Frage in einem Interview mit brand eins nach der künstlichen Kreativität folgendermaßen:

„Wenn es um Ästhetik geht, ist der Rechner nach wie vor abhängig von den Einfällen eines Designers. Mit der Zeit aber, da bin ich mir sicher, werden Computer auch Dinge wie Stil und Ästhetik erlernen und menschliche Fähigkeiten wie Intuition und Kreativität simulieren. (…) Das System lernt zunächst von allen Designs, die es bereits gibt. Dann lernt es von seinen menschlichen Partnern, welchen Geschmack diese haben. Und dann testet es aus, was gut ankommt und was nicht. Die Evolution ist ein Prozess von Versuch und Irrtum. Diesen Prozess können Computer imitieren und schneller ablaufen lassen, als ein Mensch das je könnte.“ (6)

Nach dieser Aussage stellt sich nun die Frage, ob Intuition und simulierte Intuition kein Widerspruch in sich sind. Der momentane Wissensstand zur Funktionsweise und Entstehung von Intuition im menschlichen Gehirn ist zu gering, um dies vorab beantworten oder mutmaßen zu können. Letzten Endes lässt sich diese Kontroverse auch auf die allgemeinen Leitfragen zu künstlicher Intelligenz übertragen: Wird es irgendwann gelingen, intelligente Maschinen zu entwickeln, die Empfindungsfähigkeit simulieren? Und wo befindet sich dann der Unterschied zwischen Simulation und Sein?

Zweifellos wird sich der Beruf des Designers mit den fortschreitenden Erkenntnissen über Algorithmen und selbstlernende Maschinen verändern. Allerdings beschränkt sich diese Veränderung nicht nur auf ein bestimmtes Berufsfeld, sondern auf die gesamte Gesellschaft und vermutlich auch auf unser Verständnis vom Sein. Mit welchem Gefühl man auch auf diesen Wandel blickt — wie sich die Technik fortan entwickelt, bleibt unvorhersagbar.

(1) Süddeutsche Zeitung, Mirjam Hauck & Haken Tanriverdi: “Demis Hassabis — Dieser Mann will die ultimative künstliche Intelligenz entwickeln”, unter: http://www.sueddeutsche.de/digital/demis-hassabis-dieser-mann-will-die-ultimative-kuenstliche-intelligenz-entwickeln-1.3335109 
(abgerufen am: 20.02.2017)

(2) Smashing Magazine, Yury Vetrov: “Algorithm-Driven Design: How Artificial Intelligence Is Changing Design”, unter: https://www.smashingmagazine.com/2017/01/algorithm-driven-design-how-artificial-intelligence-changing-design/ (abgerufen am: 20.02.2017)

(3) reddit, web_design: “Finally got to see thegrid.io sites. I think your jobs are safe.”, unter: https://www.reddit.com/r/web_design/comments/49djg6/finally_got_to_see_thegridio_sites_i_think_your/ (abgerufen am: 21.02.2017)

(4) O’Reilly, Jon Bruner: “Artificial intelligence and the future of design — how algorithms will optimize everything.”, unter: https://www.oreilly.com/ideas/artificial-intelligence-and-the-future-of-design (abgerufen am 20.02.2017)

(5) ZDF-Dokumentation: “Schöne neue Welt”, unter: https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation/schoene-neue-welt-120.html (abgerufen am 19.02.2017)

(6) brand eins, Thomas Ramge: “Wir züchten uns ein Haus”, unter: https://www.brandeins.de/archiv/2016/digitalisierung/autodesk-jeff-kowalski-im-interview-wir-zuechten-uns-ein-haus/ (abgerufen am 21.02.2017)

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