|Die Waggons der Zufriedenheit|

Tag 15. Monat 10. Jahr 2016

Gerade habe ich gedacht, dass ich als Johanna, so viele verschiedene Bedürfnisse in mir trage, die zwischengelagert sind in dem unüberschaubarem Konstrukt der Fliesen meines Ichs.

Wenn ich meinen Koffer in der Stadt so umherschiebe, stelle ich mir vor ich sei eine Reisende und neu hier in der Gegend. Dass Gefühl, alles um mich herum noch erkunden zu können, die Vorstellungen in der Zukunft ständig an anderen Orten zu sein stellt mich zufrieden. Aber diese Vorstellungen sind immer nur kurze Impulse.

Wie es wirklich ist, wenn ich dann weg wäre, weiss ich nicht. Ich kann immer nur für den Moment reagieren. Spüren, was ich will. Und zum Zufriedensein gehört so viel. Es ist wie die UBahn an deren Vorderteil weitere Waggons hängen. Ich sehe von vorne nur den Fahrer, aber nicht wie viele Waggons dahinter sind. Und genau das ist das, woraus ich hinaus will:

Das zu allen Bedürfnissen und Zufriedenen Gefühlen so viel dazu gehört. Es ist eine Verkettung. Ich meine, ich stelle mir das immer so idealistisch vor, diese Ideen von einem anderen Leben, meinem Leben in der Zukunft. Aber die Dinge, die mich befriedigen und zufrieden stellen, sind nicht überall sofort gegeben. Man muss Künstler sein und ein ganz feines Näschen für sich haben, um an neuen Orten relativ schnell zufrieden sein zu können. Und immer sind es die sozialen Beziehungen, jemand der mich wirklich versteht, jemand mit dem ich mich vertieft über meine Erlebnisse, Eindrücke, Gedanken und Verwunderungen austauschen kann. Das macht jeden Ort lebensreich. Und mit diesem verstehen, meine ich nicht nur das akustische oder sprachliche “verstehen”, sondern das Gefühl, was entsteht wenn man sich beim Sprechen erreicht. Wenn mein Gegenüber, so viel an Emotionen und Eindrücken aufsaugen und empfangen kann, wie ich in der Lage bin zu versenden. Wenn ich meine Sprachcodes abschicke, mache ich die Erfahrung, dass dieser Code nicht bei jedem in der Form ankommt wie ich ihn versendet habe. Manchmal ist es sogar so, dass meine Worte auf der Strecke bleiben, wie ein Auto das nach und nach Benzin verliert. Es ist, wie wenn mein Gegenüber eine Wand vor sich hat, an dem alles, was ich meine und sage abprallt. Diese Form der Kommunikation ist schleppend und auch ein bisschen anstrengend. Darum meide ich solch einen Austausch für gewöhnlich.

Natürlich weiß jeder Mensch etwas, dass ich nicht weiß. Aber das bedeutet nicht, dass ich für alles ein offenes Ohr haben muss. Ich filtere meine Gespräche nach Erreichbarkeit und einer gewissen persönlichen Verständnisebene.

Den echten Austausch, das wirkliche Teilen der erlebten Zustände braucht es an diesen neuen Orten. Und das am liebsten so kompatibel wie möglich. Also mit einer Person, die in ihrem Wesen in großer Übereinstimmung mit meinem ist. Diese Person kann 10 Jahre jünger, oder 10 Jahre älter sein. Das spielt keine Rolle, weil es ein Gefühl ist.

Alles zu Teilen wird jedoch unmöglich. Denn schon in dem Wort “alles” liegt die eigentliche Grenze. Es ist uns als Individuum nicht möglich in “alles” was in uns geschieht einzugreifen. Oder gar dies zu reflektieren. Also werde ich auch niemals mit einer Person all mein innerstes, meine Gedanken, meine Gefühle und Erlebnisse, Teilen können. Weil Erstens nur ich selbst das erlebt habe, in dem wie ich bin und weil es Zweitens, so viel gibt, das ich selbst nicht mal mitbekommen habe, vielleicht sogar niemals mitbekommen werde. Das Unterbewusstsein ist ein faszinierendes Ding. Und diese Unvollständigkeit gehört zum Sein. Und es ist okay. Umso schöner ist es, dass es trotzdem diese Menschen gibt, mit denen man so viel Teilen und intensivieren kann.

Und wie spannend, dass ich dadurch das ich mein Zimmer untervermietet habe und nun einen längeren Schulweg wie gewöhnlich hatte, dazu gezwungen war, mal mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Was das Gefühl zu schreiben in mir angetrieben hat. Wie Benzin für das Auto, damit es nicht auf der Strecke bleibt. Wenn ich im Bus sitze oder der S-Bahn, entwickle ich das Bedürfnis mich abzugrenzen, von dem Gewusel, was um mich herum passiert. Dann kann ich erst richtig im Schreiben abtauchen und muss jedes Mal aufpassen, dass ich nicht die Stationen verpasse.