Sklave 1.1

Ich verspürte einen brennenden Schmerz, als der heiße Tee in mein Gesicht spritzte. Mit einem Schrei bedeckte ich meine Augen, dann sank ich weinend auf die Knie. Eine Stimme herrschte mich an: “Roten wollte ich, nicht schwarzen! Hör’ beim nächsten Mal genauer zu, wenn man dir etwas befiehlt, du nutzloses Stück Schweinedreck!”

Das hatte ich. Er hatte schwarz gesagt.


Es war weithin bekannt, dass Liù Jiàn, der älteste Sohn der Familie Liù, die Sklaven des Hauses hässlich behandelte. Aber das machte nicht viel, denn was sonst konnte sich ein Sklave erwarten? Die Familie Liù war nicht nur die reichste und mächtigste in der Stadt Tiánwǔ, sondern im gesamten Tal der hundert Brücken. Der Kopf des Sippe, Liù Róng, war der vom König eingesetzte Gouverneur dieses Gebiets. Jeden Tag empfing er zahlreiche Gesandte, Händler, Bauern und andere Bewohner. Er legte fest, an wen und für wie viel Geld er welches Stück Land verpachtete. Er bestimmte fällige Abgaben und welche Quoten zu erfüllen waren. Jeden Monat ging er mit seinen drei Söhnen zum Tempel von Caishen, um zum Gott des Reichtums zu beten, auf dass er sein Vermögen bewahre und weiter wachsen lasse. Regelmäßig brachte er am Tempel der Familie Opfer für seine Ahnen. Sein prächtiges Haus hatte drei Stockwerke und lag inmitten eines weitläufigen Gartens, der von einer mannshohen Mauer umschlossen war. Dieses Anwesen war Wohn- und Amtssitz in einem und beheimatete nicht nur ihn und seine Familie, sondern auch seine vier Konkubinen und die Familien seiner zwei Brüder. Im Schatten des mächtigen Hauses befand sich ein kleiner, heruntergekommener Bau, der als Schlafplatz für die 12 männlichen und weiblichen Sklaven der Familie diente.

Ich war eine von ihnen. Eine yā​tou, ein Sklavenmädchen. Unser Leben war hart und nichts wert. Jeden Tag mit dem Hahnenschrei verließen ich das Bett, das ich mit Lilie teilte. Wasser wurde gekocht und die Schüsseln entleert, in denen die Mitglieder der Familie in der Nacht ihre Notdurft verrichtet hatten.

“Wo bleibt der Tee? Mach schneller, du faules Luder, bringe dem Meister seine Pfeife!”

Die glücklicheren unter uns durften in der Küche aushelfen, denn es musste Congee als Frühstück zubereitet werden. Frischer Reis und Gemüse für die Mitglieder der Familie Liù. Wenn der Herr es wünschte, dann auch mit etwas Fleisch darin. Lilie hatte einen Platz in der Küche ergattert und musste deswegen nur selten hungern. Ab und zu brachte sie mir ein Schüsselchen, das sie unbemerkt zur Seite geschafft hatte. Meistens aber gab es für uns nur Weggeworfenes. Schimmliges Brot oder faulen Fisch von letzter Woche.

“Reinige unsere Ohren! Zuerst die von Großmutter. Dann massiere mir die Füße!”

Oft kam es aber auch vor, dass wir morgens nichts zu essen bekamen. Dann konnte man sein Glück am Trog im Stall hinter dem Haus versuchen. Vielleicht fanden sich dort ein paar vertrocknete Salatblätter oder abgekaute Knochen, die die Hühner und Schweine übersehen oder verschmäht hatten.

“Onkel hat wieder Verstopfung. Hilf ihm und hole den Kot mit deinen Fingern aus seinem Anus!”

Sofern ich bei der Hausarbeit nicht unabkömmlich war, musste ich nach Sonnenaufgang auf die Felder. Ob zur Regenzeit, wenn tagelang unablässig Wasser vom Himmel fiel, oder im Sommer, wenn die Sonne das Gras verbrannte. Für uns Sklaven gab es auf den Feldern immer etwas zu tun. Neue Reispflänzchen mussten eingesetzt, Lotuswurzeln geerntet, oder die Erde umgegraben werden. Der Rohrstock des Aufsehers sorgte dafür, dass immer fleissig gearbeitet wurde. Bei Sonnenuntergang marschierten wir zurück in die Stadt. Aber der Tag war für uns noch nicht vorbei.

“Wasch die Kleidung des jungen Herren! Hänge die Chilischoten zum Trocknen auf! Singe Lieder für die Gäste des Meisters!”

Selbst nach einem kargen Abendmahl, wenn der Mond schon hoch am Himmel stand, durften wir unsere erschöpften Körper nicht ruhen lassen. Denn manche der weiblichen Sklaven hatten auch spät in der Nacht noch Verpflichtungen, wenn sie den Männern der Familie Liù im Bett Gesellschaft leisten mussten. Lilie mit ihrer schneeweißen Haut war eine häufig gefragte Partnerin und fast jede Nacht kam sie erst nach mir ins Bett gekrochen. Mir blieb dieser Teil erspart. Die Feldarbeit hatte meine Haut dunkel werden lassen, so dass keiner der Männer Verlangen nach meinem Körper verspürte.


Der Tee brannte mir in den Augen und mein Blickfeld war verschwommen. Ich versuchte mit meinen Händen die Umgebung zu ertasten, erhielt aber einen Stoß in die Brust. Liù Jiàn schrie: “Fass mich nicht an! Scher’ dich fort und bringe mir endlich meinen Tee! Wie lange willst du mich noch warten lassen?” Leichte Schritte kamen auf mich zu und ein Arm legte sich beruhigend um meine Schulter — Lilie. “Habt einen Augenblick Geduld, Herr”, flötete sie, worauf Liù Jiàn verächtlich schnaubte. Sie führte mich rasch aus dem Raum. Wimmernd begleitete ich sie in ein Nebenzimmer, um meinem jungen Herren den roten Tee zu bereiten.

Lilie holte eine handvoll Teeblätter aus einem Behälter und stellte eine frische Kanne mit Wasser auf den Ofen. Sie versuchte mich zu trösten, während ich mich sammelte. “Der junge Herr ist von der vielen Verantwortung angespannt. Wenn die Erntezeit beginnt, wird es besser werden.” Ihre Worte gaben mir Kraft. Doch sie konnten nicht über meine Lage hinwegtäuschen. Es war ein Tag, wie jeder andere. Nicht unbedingt schlechter, als die meisten. Denn Drohungen, Prügel und Misshandlungen gehörten für uns Sklaven zur Normalität.

Mit der Kanne in der Hand trat ich durch die Tür. Mein junger Herr ignorierte mich und las in einem Manuskript. Ich kniete mich neben ihn, verbeugte mich und schenkte ihm behutsam ein. Liù Jiàn nahm die Tasse und warf einen prüfenden Blick auf die Flüssigkeit, deren Oberfläche in der Sonne wie Öl glänzte. Dann hob er die Tasse zum Mund, blies sanft, und nahm schließlich einen Schluck. Er sah mich kühl an. “Warum nicht gleich so?”

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