Sklave 1.2

Ich stand gebückt im Schlamm und bearbeitete mit einer Holzharke den Untergrund. Die Reisfelder mussten umgepflügt werden, um sie für die frischen Setzlinge vorzubereiten. Es war eine harte Arbeit. Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Rücken schmerzte. Auf meiner Haut hatte sich eine dunkelbraune Kruste gebildet.

Liù Jiàn war auch hier. Selbstverständlich nicht mit uns Sklaven im Schlamm, sondern trockenen Fußes auf einem nahen Damm, von dem aus er unsere Arbeit beobachtete. Mit 16 Jahren war er schon voll in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Dazu zählte auch die Inspektion der Felder. Wenn es zu heiß war, ließ er sich in einer Sänfte vor die Tore der Stadt tragen. Heute aber war das Wetter angenehm, so dass er einen Ausritt auf seinem Pferd gemacht hatte. Mit seiner schwarzen Hose und dem dunkelroten Oberteil aus Seide machte er eine hervorragende Figur. Die langen schwarzen Haare waren hochgesteckt. An seinem Gürtel hing ein Dolch aus Jade. Während er mit dem Aufseher, einem grobschlächtigen Mann mit bloßem Oberkörper, und seinem Sekretär sprach, ließ er das Pferd verschiedene Kunststücke machen. Er redete und handelte mit der Selbstsicherheit eines Menschen, der die Gunst der Götter auf seiner Seite wusste.

Ich war noch ein Kind, als ich in das Haus der Familie Liù kam. Damals hatte ich Liù Jiàn als scheuen Jungen kennengelernt, dem es fast peinlich schien, Diener um sich zu haben. Doch nach dem Krieg schlug sein Vater seine Klauen in ihn und brachte sein verdorbenes Inneres zum Vorschein. Er wurde stolz und grausam im Umgang mit anderen, so dass ich seine Anwesenheit zu fürchten begann. Während ich mit der Harke die Erde bearbeitete, hoffte ich, seine Aufmerksamkeit nicht auf mich zu ziehen. Glücklicherweise war er aber so sehr in die Besprechung mit seinem Sekretär vertieft, dass er uns Sklaven nicht beachtete.

Da trat ein alter Mann mit weißem Bart und kahl rasiertem Kopf auf die Männer zu. Er war in ein braunes Tuch gehüllt und trug auf dem Rücken ein zusammengeknotetes Bündel. In der Hand hielt er einen langen Stab und ich schloss daraus, dass er von außerhalb des Tals gekommen sein musste. Wer auch immer der Wanderer war, er musste eine Person von Rang sein. Zunächst hatte ihn Liù Jiàn kritisch von seinem Pferd herab beäugt, doch beeilte er sich plötzlich, abzuspringen. Dann verbeugte er sich tief vor dem Fremden. Ebenso zogen sich der Sekretär und der Aufseher diskret in den Hintergrund zurück. Der fremde Mann war mächtig.

Ein Gespräch entspannte sich zwischen dem alten Mann und dem jungen Sohn des Gouverneurs. Liù Jiàn machte eine ausladende Geste, die dem Fremden wohl das Ausmaß der familiären Besitztümer verdeutlichen sollte. Der alte Mann nickte anerkennend und ließ seine Augen über die Reisfelder schweifen. Als er mich sah, wurde sein Blick plötzlich starr. Dass ein Mädchen Männerarbeit machte, schien ihn zu verwundern. Er runzelte die Stirn und stellte eine Frage. Der Blick Liù Jiàn wanderten in meine Richtung und mein Herz sank. Eine Diskussion über meine Person schien sich zu entwickeln. Die Arbeit mit der Harke hatte mich in die Nähe des Damms geführt, so dass ich Teile ihres Gesprächs verstehen konnte.

Zudem schien Liù Jiàn zu wollen, dass ich seine Worte hörte. Laut sprach er: “Wir haben sie von einem Bauern aus einem der Dörfer bekommen, weil er seine Schulden nicht begleichen konnte. Ein schlechtes Geschäft.” Er warf einen abschätzigen Blick auf mich, dann wandte er sich wieder an den alten Wanderer. “Als Sklaven geborene lernen von klein auf, zu dienen. Sie stellen keine Fragen und haben keine Ansprüche. Diese da musste erst lernen, zu gehorchen.” Ein bösartiges Lächeln schlich sich in sein Gesicht. “Wollt Ihr wissen, wie man einem Sklaven Gehorsam beibringt?” Ohne die Antwort seines Gegenübers abzuwarten, befahl er mich zu sich. Ich unterbrach das Umpflügen und stieg den Damm hoch. Er packte meinen linken Arm und hielt dem Fremden meine Hand hin, der ein Teil des kleinen Fingers fehlte. “Schmerz ist der beste Lehrmeister, lautet das Sprichwort. Nicht wahr?”

Ich starrte zu Boden, denn eines der wichtigsten Gebote für Sklaven besagt: “Sieh deinem Herren niemals in die Augen, ausser es wird dir befohlen!” Eine Welle ohnmächtigen Zorns durchströmte mich. Doch auch wenn es nur von kurzer Dauer war, das Aufflammen des Ungehorsams in meinem Gesicht entging Liù Jiàn nicht. Er riss mich herum und rief: “Aber trotzdem bleibt sie eine schlechte Sklavin!” Schon erhob er seinen Arm, um mich zu bestrafen.

Aber bevor er seinem Impuls nachgeben konnte, wurde er von dem alten Mann unterbrochen: “Die Diener des Herren müssen dumm sein, damit er nicht faul wird.”

Liù Jiàn glotzte ihn überrascht an und ließ den Arm sinken. Der Fremde setzte fort: “So lautet ein Sprichwort aus meiner Heimat. Es bedeutet, dass der Herr davon profitiert, wenn er einen beschränkten oder rebellischen Diener im Hause hat. Denn so verfällt er nicht in Bequemlichkeit, bleibt gerissen und ist immer auf der Hut.”

“Ist das so?” sagte Liù Jiàn mehr zu sich selbst, als zu seinem Gegenüber.

Der Wanderer nickte und lenkte seine Aufmerksamkeit gegen die Stadt. “Ich sehe, dass Ihr sehr beschäftigt seid und möchte euch nicht weiter mit meinen Fragen belästigen. Könnt ihr mir vielleicht eine Gaststätte oder einen Tempel für die Nacht empfehlen? Ich habe gehört, Tiánwǔ soll eine sehr reizvolle Stadt sein.”

Mein junger Herr beeilte sich zu antworten: “Werter Meister, es wäre mir eine Ehre, Euch im Hause der Familie Liù willkommen heißen zu dürfen! Einer unserer Sklaven hat im Wald Perlhühner gefangen und der Wein aus unseren Krügen ist süß. Gönnt uns die Freude, euch zu bewirten! Ich lasse Euch sofort eine Sänfte kommen.”

Sein Gegenüber hob die Hand. “Die Sänfte muss ich ablehnen. Das Geschaukel behagt mir nicht, so dass ich lieber zu Fuß gehe. Eure Einladung nehme ich aber gerne an!”

Liù Jiàn erstrahlte und auf seinen Ruf hin kam der Sekretär gelaufen. “Eile nach hause, damit alles für die Ankunft unseres Gastes vorbereitet wird!”, kam der Befehl und der Mann machte sich sogleich in Richtung der Stadt auf. Der Fremde bedankte sich, was Liù Jiàn mit einer erneuten Verbeugung quittierte. Dann klopfte der Wanderer einmal mit seinem Stab in den Straßenstaub und wandte sich der Stadt zu. Mein Herr nahm sein Pferd am Zügel, um ihm zu folgen. Im Fortgehen machte er eine Geste zum Aufseher. Dieser knurrte mich an: “Pack dich fort!” und gab mir einen Stoß, so dass ich den Damm hinab in das schlammige Wasser stürzte. Schnell erhob ich mich und nahm die Harke wieder auf, um meine Arbeit fortzusetzen.

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