Wider der „Political Correctness“

Donald Trump ist nun tatsächlich US-Präsident und die Linke vollzieht Manöverkritik. Einige haben das angebliche Problem ausgemacht: Political Correctness. So forderte Winfried Kretschmann kürzlich, „Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben.“ Auch in den USA wird Trumps Erfolg dem backlash dagegen zugeschrieben. Trump ist der Beweis, dass die Linke einfach zu viel gefordert hat. Der Widerspruch fällt erwartungsgemäß aus: So vergleicht die amerikanische Feministin Lindy West, den Vorwurf damit, die US-Bürgerrechtsbewegung für die Rassentrennung verantwortlich zu machen. Handelt es sich also um wichtige Selbstkritik, oder zerfleischen wir uns selbst? Wenn man sich den Begriff „Political Correctness“ansieht, wie es Matthias Dell vor einigen Jahre gemacht hat, wird schnell klar: Es handelt sich um einen Kampfbegriff der Rechten. Der Autor dekonstruiert diesen überzeugend. Niemand schreibt sich selbst Political Correctness auf die Fahnen. Es handelt sich zum eine Zuschreibung der Gegenseite. Vorwürfen haben sie dabei nichts entgegenzusetzen, außer dem Konter, man würde bevormunden. Menschen haben halt Fehler, man kann nicht von ihnen erwarten, immer alles richtig zu machen. Diese Logik findet leider großen Anklang bei der neuen und alten Rechten. Der Eindruck, von einem linken Meinungsmainstream diktiert zu bekommen, was man sagen (geschweige denken) darf, wird gezielt befeuert. „Gutmensch“ ist ein ähnlicher Begriff. Wenn man inhaltlich nichts entgegenzusetzen hat, dann wirft man eben das Engagement als solches vor. Ein sogenannter conversation killer. Political Correctness als Ausdruck zu dekonstruieren ist allerdings die eine Sache, diejenigen zu überzeugen, die diese als reale Bedrohung empfinden, eine andere.

Man könnte sagen, die Linke hat zwar die culture wars gewonnen, aber nicht die hearts and minds. Wie soll man dem begegnen? Hierzu gibt es zwei wichtige Feststellungen: Erstens ist der Begriff „Political Correctness“, wie oben beschrieben, eine Erfindung der Rechten, die einzig und allein dazu dient, linke Meinungen abzuwerten. Man kann den Begriff nicht positiv benutzen. Wenn wir ihn als Diskussionsgrundlage nehmen, geben wir der Rechten damit Bestätigung, indem wir ihre Sprache benutzen. Dies ist ein Fehler, der leider häufig gemacht wird, wie die Forscherin Elisabeth Wehling beschreibt. Ein Begriff bringt einen gewissen Erwartungshorizont mit sich, in der Sprachwissenschaft „Frame“ genannt, an den Bewertungen geknüpft sind. Political Correctness erweckt dadurch automatisch immer den Eindruck unbegründeter Bevormundung. Der eigentliche Inhalt tritt dabei in den Hintergrund. Wenn wir bei unser Selbstkritik die Sprache der Rechten übernehmen, dann signalisieren wir damit, dass ihre Logik vor vorneherein richtig war. Außerdem werden sie dadurch salonfähig. Das ist nicht sinnvoll. Der Begriff Political Correctness sollte daher tunlichst vermieden werden. Wir brauchen ihn auch nicht.

Ein zweiter Punkt ist allerdings ebenso wichtig. Wir müssen in der Selbstkritik zwei Ebenen unterscheiden: meinen wir Form oder Inhalt? Ist es falsch zu viel Gleichberechtigung zu fordern oder hätten wir vielleicht lieber doch weniger Menschen aus Mittelmeer retten sollen? Nein, diese Punkte sind — wie viele andere — gut und richtig. Aber möglicherweise haben wir unsere Ideen schlecht kommuniziert. Hier sollte unsere Selbstkritik ansetzen. Möglichweise waren wir zu oft zu schnell dabei, Menschen als Rassisten oder Sexisten zu beschimpfen und damit darauf zu reduzieren. Einfach gesagt: Der Zweck heiligt nicht die Mittel. Was wir als Rassismus oder Sexismus empfinden (und auch begründen können), wird von vielen Menschen als „normal“ empfunden. Die diversen „-ismen“ sind strukturelle Probleme, die unser Denken prägen, ob wir wollen oder nicht. Es muss nicht unbedingt eine Überzeugung sein. Es gibt Menschen, die sich selbst als Rassisten bezeichnen — die meisten tun es nicht. Ausdrücke wie „Asylant“ oder „Ausländer“ kritisch zu reflektieren ist voraussetzungsreich. Nicht jeder hat das Privileg, sich damit beschäftigen zu können. Menschen deshalb als „Rassisten“ abzustempeln erhöht sicher nicht deren Bereitschaft, sich selbst kritisch zu reflektieren. Stattdessen funktioniert ein solches Wort ebenso als conversation killer wie andere Begriffe, die ich jetzt nicht wiederhole. Ein kurzer Selbstversuch kann schon helfen. Wir reagiere ich, wenn mich jemand als Rassist bezeichnet? Kann nicht sein, einige meiner besten Hip Hop-CDs sind von Schwarzen. Ich ein Sexist? Lächerlich, ich habe Geisteswissenschaften studiert. Derartige Bezeichnungen schließen Menschen aus. Das mag teilweise auch gut so sein, bei harten Neonazis zum Beispiel. Wenn aber nicht zwangsläufig böser Wille dahintersteht, dann ist das sicherlich nicht hilfreich. Eine Null-Toleranz-Politik funktioniert nicht. Die Rentnerin aus Sachsen, die Angst vor Geflüchteten hat, mit dem vorbestraften Hammer-Skin begrifflich in einen Topf zu werfen, ist vollkommen kontraproduktiv. Man wertet damit nicht nur die Rentnerin ab, sondern verharmlost auch den überzeugten Rassisten. Vor allem verändert man mit Verallgemeinerungen keine Überzeugungen. Es lassen sich damit super Witze machen, hilfreich für die politische Konversation ist das aber nicht. Der amerikanische Autor German Lopez hat dazu sehr lesenswerte Vorschläge gemacht und untermauerte diese mit wissenschaftlichen Studien. Vorurteile abzubauen ist wesentlich erfolgsversprechender, wenn man ein unaufgeregtes Gespräch führt und sich eben nicht zu Beschimpfungen hinreißen lässt — auch wenn man sich moralisch dazu berechtigt fühlt. Muss man die Ängste „besorgter Bürger“ nun also ernst nehmen, obwohl man schon beim Gedanken daran seine Mate gegen das Macbook werfen möchte? Nein, muss man nicht, aber vielleicht sollte man ihnen trotzdem zuhören und das Gespräch weiterführen. Jeden und jede, die wir ausgrenzen, nehmen die echten Neonazis nur zu gerne auf. Überzeugen wir sie stattdessen!