Kirchensteuer finanziert meinen Egoismus

Wie jedes Jahr liegt in diesen Tagen der Umschlag mit den Steuerunterlagen in den Schweizer Briefkästen. Und mit ihm beginnt das kollektive Klönen über die Abgaben, die jeder von uns bezahlen muss. Immer eine heiss diskutierte Frage: «Bezahlst du noch Kirchensteuer?»

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Schliessen wir Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen aus, kann ich mich nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal in einer Kirche war. Möglicherweise an meiner Konfirmation. Ich habe weder ein schlechtes, noch ein gutes, noch irgendein Verhältnis zur reformierten Kirche. Ausser, dass ich Kirchensteuer zahle. Dass ich das gerne mache, wäre übertrieben zu sagen — wer bezahlt schon gerne Steuern? — aber ich hinterfrage den Betrag auf meiner Steuerrechnung mittlerweile nicht mehr.

Eine Kirche schenkt nicht nur Traubensaft aus

Aufgewachsen in einem grösseren Dorf mit weltoffenem Pfarrer und einer fortschrittlichen Kirchgemeinde, erlebte ich während des obligaten Religionsunterrichts die vielfältigen Aktivitäten einer reformierten Kirche. Es war mehr als die Sonntagspredigt, Bibellesungen und Chorgesang. Die Kirchgemeinde engagierte sich für Soziales, organisierte Mittagstische für Senioren, setzte sich für Kinderbetreuung ein, startete Arbeitslosenprojekte und förderte die Integration.

Mein Bild von damals scheint heute noch zu stimmen: Im Jahresbericht der reformierten Gesamtkirchgemeinde Bern geht hervor, dass nebst dem Personal- und Sachaufwand über 60 % der Gelder ausserhalb der Ökumene für die vielfältigsten Aufgaben und Projekte eingesetzt wurden.

Gutmensch oder Egoist?

Natürlich habe auch ich in den vergangenen Jahren die Kirchensteuer hinterfragt: Schliesslich könnte ich das Geld für anderes ausgeben und gläubig bin ich auch nicht wirklich. Obwohl ich an «irgendetwas» glaube, dafür jedoch weder Kirche noch Pfarrer benötige.

Ich bezahle den Beitrag, da ich das Engagement der Kirchgemeinde für ein aktives Gemeindeleben und in sozialen Aufgaben unterstützungswürdig finde.

Natürlich könnte ich das ebenfalls in anderer Form tun: Nichtreligiöse Organisationen finanziell unterstützen oder mich in meiner Freizeit selber ehrenamtlich engagieren. Dafür bin ich aber zu egoistisch. In meiner freien Zeit haben andere Themen eine höhere Priorität.

Mit meinem Handeln verstehe ich mich nicht als «Gutmensch», egoistisches Handeln ist wohl passender. Mit Geld alleine hat schliesslich noch niemand die Welt verbessert. Vielleicht bewirken engagierte Menschen mit meinem Beitrag aber eine Verbesserung im Leben anderer.

Dieser Text ist nicht als Verteidigung der Kirche in irgendeiner Art zu verstehen. Er soll eine mögliche Perspektive aufzeigen, um die Kirchensteuer nicht nur als Finanzierung von «Traubensaft und Bibelpsalmen» zu verstehen.