Heute wird ein leicht verdaulicher Brei serviert … und morgen auch … und übermorgen sowieso (Quelle: Pixabay Bild: blueocar)

Wenn #merkelstreichelt

Traurige Bilanz unserer Gesellschaft

Wenn Merkel streichelt, regen sich alle auf und emotionale Teilnahme gewinnt die Oberhand … und bestimmt das Denken. Empörte Kommentare, scharfe Kritik, bitterböse Meinungsbekundungen: All das sprudelt nur so raus aus den erhitzten Gemütern der Leute. Im Netz ist dies besonders “schön” zu beobachten.

Schlimm ist das nicht, denn wir, Menschen, sind nun mal so: Wir lassen uns gerne von unseren Gefühlen lenken und können manchmal auch nicht anders, weil Gefühle so stark mit unserer prähistorischen Entwicklung verbunden sind — auf nahezu körperlicher Ebene. Vermutlich waren Gefühle in dieser grauen Vorzeit überlebenswichtig. Sie halfen uns dabei, schnell eine Meinung zu bilden und zu handeln, denn früher hing davon das eigene Leben ab. Heute ist das etwas anders. Heute geht es höchstens ums soziale Überleben — und das freilich nicht auf einer Primärebene. Gefühle oder auch Emotionen sind in der heutigen Zeit also eher Überbleibsel unseres archaischen Ursprungs.

Schaut man sich allerdings um, so wird man eines Besseren belehrt.

Überall werden die Sachen emotional angegangen. Die Medien sind dabei ein gutes Beispiel: Sie spiegeln in gewisser Weise die gesellschaftlichen Tendenzen wider. Medienübergreifend findet man massenweise Überschriften und diesen Überschriften gerechte, emotional polarisierende Beiträge allerlei Formats — von Meldungen bis hin zu Reportagen. Man wundert sich beinah, warum unter diesen Beiträgen keine “Qualitätssiegel” wie “100% Emotionsgehalt” stehen. Womöglich aber bald. Wenn der falsch verstandene Content-Marketing zu einer Content-Hysterie wird und Verlage anfangen, ein Maximum aus dieser trendigen Praktik herauszuholen.

Es geht mir hier aber nicht darum, die Bösen zu markieren und auch nicht um eine mit Pessimismus getränkte Gesellschaftskritik. Die Unterteilung in Gut und Böse fand ich nie gut ( :D ), und um die Gesellschaft zu kritisieren, muss man erst bei sich selbst anfangen ( und das ist eine rein persönliche Angelegenheit, die womöglich keine schönen Perspektiven offenbaren wird). Es geht mir hier vielmehr um die Sensibilisierung für die beschriebene Problematik, die sich als eine Tendenz Richtung “Weg von Information, hin zu Emotion” benennen lässt.

Warum ist diese Tendenz eigentlich so besorgniserregend?

Um diese Frage zu beantworten, muss man sich etwas mit der Medienwirkungsforschung befassen. Konkret: Sich das Elaboration Likelihood Model angucken.

Grob zusammengefasst, geht es in diesem Model um zwei Wege der Informationsverarbeitung, die zu einer Einstellungsänderung führen können und um die Faktoren, die diese im Prozess beeinflussen.

Nach diesem Model werden Informationen entweder elaboriert (also tiefgehend, gründlich) oder peripher (affektiv, emotional) verarbeitet. Faktoren wie Involviertheit, Vorwissen, Kompexität der Botschaft (und viele andere) spielen dabei eine wichtige Rolle und entscheiden darüber, auf welchem der beiden Wege die vermittelten Informationen verarbeitet werden.

Im Fall von #merkelstreichelt begünstigten viele Faktoren die oberflächliche, periphere Verarbeitung: die Botschaft war simpel, emotional aufgeladen, erforderte keine gedanklichen Leistungen seitens des Rezipienten. Irgendwelches Vorwissen wurde auch nicht vorausgesetzt: Flüchtlingspolitik hin oder her auskennen muss man sich damit nicht, denn schließlich ging es ja um eine böse, mächtige Frau, die ein Kind zum Weinen gebracht hat. Da ist man doch emotional voll dabei!

Wie viele hat es berührt? Wohl einige! Wie viele haben sich ernsthaft mit dem Thema auseinandergesetzt? Hm, ich denke, eher nur wenige. Und gerade das macht mich etwas besorgt über die Tendenz unserer Gesellschaft, sich von oberflächlichen Stimuli leiten zu lassen. Von irgendwelchen, ich sage fast schon animalischen, Instinkten aus unserer Urgeschichte als Höhlenmenschen.

Schaut man genauer hin, dann wird man feststellen, dass der Großteil der heute angebotenen Informationen aus leicht verdaulichen Zutaten besteht, die mundgerecht portioniert sind und dem Rezipienten kaum was an gedanklicher Leistung abverlangen.

Und ich muss sagen, das macht mich schon irgendwie traurig! Die Zeit der Aufklärung mit Kants “Sapere aude” ist längst vorbei, jetzt erlebt “Brot und Spiele” ein Revival. Also: Lassen wir es uns schmecken!

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