Oh, du fröhliche Konfliktfreude

Journal européen

In Frankreich symbolisieren neongelbe Westen derzeit Chaos, Zerstörung und Hass. Doch hinter all der Zerstörungswut steckt mehr. Sie ist Ausdruck der enormen Ungleichheit einer auf gläsernen Decken errichteten Gesellschaft.

Vier Menschen sind tot. Unter ihnen eine 80-jährige Frau aus Marseille, die von einer Leuchtgranate im Gesicht getroffen wurde — in ihrer eigenen Wohnung im vierten Stock. Ein Demonstrant liegt im Koma. Die Szenen vom Samstag erinnern an Bürgerkrieg. Es sind verstörende Bilder. Sie machen Angst und vor allem sprachlos.

Durch enthemmte Gewaltaktionen der #GiletsJaunes, einer in Frankreich seit mehreren Wochen aktiven Protestbewegung, wütet in Paris und weiten Teilen Frankreichs derzeit ein hasserfüllter Flächenbrand, der vergangenen Samstag seinen traurigen Höhepunkt fand. Pure Zerstörungswut entlud sich auf von Wasserwerfern nassgespritzem Kopfsteinpflaster im Herzen von Paris. Schaufenster wurden zerstört, Geschäfte geplündert und Straßen blockiert.

Auf der bekannten Flaniermeile zwischen der Place de l’Étoile und der Place de la Concorde steigerte sich die Gewaltbereitschaft in den letzten Wochen sukzessive, auch an den beiden Samstagen davor war bereits gewaltsam protestiert worden. Zu einer neuen Eskalation war es jedoch vergangenes Wochenende gekommen. Wo sonst vorweihnachtliches Shoppinggetummel herrscht, ragten in Sichtweite des Präsidentenpalasts Rauchschwaden in den Himmel und knallten Feuerwerkskörper. Die Polizei setzte zur Abwehr der Demonstranten auch Tränengas ein.

Der Pariser Bürgermeistern Anne Hidalgo zufolge kommen die Sachschäden in der Hauptstadt auf bis zu vier Millionen Euro. Einige Hundert Tausende davon werden allein für die Säuberung des Arc de Triomphe aufgewendet werden müssen, den Demonstranten mit Graffitis beschmiert hatten.

Unkoordiniert, diffus, unberechenbar

Infolge dieser schwer definierbaren Protestbewegung, die sich spontan, ohne klares politisches Ziel und Koordination via Social Media organisiert, oszillieren nun die Einordnungsversuche zahlreicher Beobachter zwischen vorsichtiger Bewunderung und schockierter Empörung. Klar ist, dass sich das Wutbürgertum in den gelben Warnwesten vor allem gegen den unbeholfenen Versuch von Präsident Emmanuel Macron richtet, seine politische Bevorzugung der oberen 10.000 mit dem Kampf gegen den Klimawandel zu kaschieren: Die Einführung einer neuen Steuer auf Diesel und Benzin, die einer der Auslöser für die Proteste ist, bittet jene zur Kasse, die wegen der in vielen ländlichen Gegenden fehlenden Infrastruktur auf das Auto angewiesen sind. Deshalb auch die gelben Westen. Die Steuer soll drei Milliarden Euro in das Budget spülen. Gleichzeitig nimmt die von Macron zuvor abgeschaffte Vermögenssteuer den Reichen die exakt identische Steuerlast von den Schultern. Ein Schelm, wer dabei Heuchlerisches denkt.

Immerhin erklärt dieser Umstand, weshalb Umfragen zufolge bis zu 70 Prozent der Franzosen die randalierenden “gelben Westen” befürworten, trotz der gewaltsamen Ausschreitungen vom Wochenende. In den Tiefen der französischen Gesellschaft scheint es — einmal mehr — zu brodeln.

Aux armes, aux armes

Am Arc de Triomphe, einem Monument, das wie kaum ein anderes an die glorreiche Nation, an égalité, fraternité und die von Napoléon Bonaparte gewonnene Schlacht von Austerlitz über Österreich erinnert, bezeugen nun laienhafte Graffitis und ausgebrannte Autos die latente Schieflage der französischen Gesellschaft. Es brennt nicht nur in der Hauptstadt. Es brennt überall: Toulouse, Marseille, auch hier in Strasbourg. Und wenn nicht wahrhaftig, dann zumindest in den Herzen der Teilnehmer.

Brennende Herzen gab es in der Geschichte Frankreichs schon reichlich. Und bei manchen dürften die chaotischen Szenen tatsächlich das eine oder andere Bild der Erstürmung der Bastille in Erinnerung rufen. Wie damals, 1789, drangen die Wutbürger zu Tausenden aus den Provinzen in die Straßen ihrer Hauptstadt vor. Viele der am Samstag Festgenommenen leben hunderte Kilometer von Paris entfernt. Der Pathos ist deutlich: Der Hass führte sie nicht auf die Place de la Bastille oder die Place de la République, auf der 2016 in den Nächten der #NuitDebout hunderte Menschen über Monate kampierten. Die “Gilets Jaunes” treibt es unentwegt in die Nähe des Präsidenten an die Champs Élysées und zum Triumphbogen. Das Monument steht auch heute für den französischen Stolz, den heldenhaften Kampf für das Vaterland und den Sieg über die Feinde der grande Nation. Ein Symbol der Eliten, ohne Zweifel.

Und eben dieser sagen die “Gilets Jaunes” den Kampf an. Doch nur einige wenige von ihnen suchen dabei Gewalt und Terror. Eine Mehrheit der Demonstranten will den friedlichen Konflikt, die Provokation, die Auseinandersetzung. Typisch französisch, könnte man sagen. Denn Frankreich liest sich vor allem auch als Antithese zur germanischen Kompromissgesellschaft: Sozialpartnerschaft, Interessensausgleich und Verhandlungstische stehen in Frankreich selten hoch im Kurs.

Sozialpartnerschaftliche Abkommen gibt es zwar auch hier, doch bedingt das präsidiale Regierungssystem eine viel stärkere Machtkonzentration auf den Präsidenten und macht sozialpartnerschaftlichen Ausgleich schwieriger. Die Folge: Regelmäßige Streiks. Diese werden weniger als “letztes Mittel“ zur Durchsetzung politischer Ziele, sondern ganz allgemein als politisches Kampfinstrument eingesetzt. Zudem hat sich die verklärt-heroische Sichtweise auf die Geschichte der Königsmörder und Revolutionäre seit 1789 fest im kollektiven Bewusstsein verankert und stärkt das bürgerliche Selbstbewusstsein. Soziale Errungenschaften, Zugeständnisse an die Bevölkerung, Entmachtung der Regierenden — in Frankreich wurden diese meist auf der Straße erkämpft.

Das merkt man spätestens, wenn man in Frankreich lebt. Streiks und Proteste finden hier nicht ausnahmsweise, sondern regelmäßig statt. Die eigenen Rechte werden selbstbewusst eingefordert. Da kann es schon einmal vorkommen, dass wütende Gewerkschafter dem Chef von Air France die Kleider am eigenen Leib zerfetzen, aufgebrachte Continental-Mitarbeiter Reifen vor dem Firmensitz anzünden und von tiefen Milchpreisen gequälte Bauern Gülle vor dem Eingang eines Molkereikonzerns verspritzen.

Der Unterschied dieser “typisch französischen” Protestaktionen zu jener der “Gilets Jaunes” liegt in ihrer Vorhersehbarkeit. Sie waren oftmals mehr oder minder abgesprochene Inszenierungen, die in Gespräche am runden Tisch mündeten. Die Polizei stand lethargisch daneben, akzeptierte das Treiben der Krawallmacher. Denn im Vorhinein war meist abgesprochen, was geht und was nicht. Ob randalierende Bauern, tobende Gewerkschafter oder frustrierte Studenten — Gewalt gegen Menschen war tabu.

In der aktuellen Situation ist das anders. Nicht eine spezifische, organisierte und koordinierte Gruppe demonstriert für klar artikulierte Interessen. Die Bewegung versammelt die unterschiedlichsten Akteure und Motive. Der Protest richtet sich in eine Richtung, nämlich gegen die Elite und ihren Repräsentanten Macron. Ein klares Ziel hat sie aber nicht. Die frustrierende Gesamtsituation reicht aus, um an den Ausschreitungen teilzunehmen. “Einige Elemente erinnern an bestimmte große Volkskämpfe seit dem Mittelalter”, sagt Gérard Noiriel, Experte für Volksgeschichte und Direktor der École des hautes études en sciences sociales der “Libération”. Bei den “Gelben Westen” handle es sich um “eine Bewegung, die relativ spontan beginnt, weder eingerahmt ist noch strukturiert.” Gewalt sei ein wichtiges Element, ebenso wie die Würde, die eine zentrale Rolle spiele.

Im Widerspruch vereint

Die Demonstranten in den gelben Westen sind heterogen, widersprüchlich und setzen sich aus Arbeitern, Studenten und Angestellten zusammen. Die einzigen identitätsstiftenden Merkmale, die sie einen, sind der Hass auf die Regierung und ihr Kampf um Würde. Ihre Diffusität hingegen ist es, die sie so unberechenbar macht. Denn erstmals sind es nicht die Gewerkschaften, die die Menschen auf die Straßen treiben. “Es gibt eine parallele Krise der gewerkschaftlichen Repräsentation und des Anstiegs der Macht von Medien und Internet, die es der Bewegung erlauben, sich zu koordinieren”, sagt Noiriel. Und so stellt sie sich, dem Zeitgeist folgend, gegen eine konstruierte Elite.

In Frankreich wird diese von niemandem so treffend verkörpert wie vom aktuellen Präsidenten, dem das Verständnis für die Mittelschicht völlig fehlt. Macron gilt als abgehoben, elitär und arrogant. Doch woher auch sollte das Mitgefühl für diese Menschen kommen? Als Sohn zweier Ärzte in Amiens aufgewachsen, absolvierte Macron das Elitegymnasium Lycée Henri IV. in Paris. In seinem akademischen Lebenslauf reihen sich mit der ENA (École nationale d’administration), der ENS (École normale supérieure) und der Sciences Po die renommiertesten Unis des Landes aneinander.

Sein Werdegang führte Macron von Beginn an in goldig tapezierte Salons und Antichambres von Ministerien, Botschaften und Konsulaten. Er war Investmentbanker und Manager bei Rothschild und arbeitete 2012 an einer der größten Übernahmen des Jahres von Pfizer durch Nestlé. Sein Weg in das Zentrum der Macht war vorherbestimmt. Vom Leben in der Mittelschicht hat er keine Ahnung. “Es handelt sich nicht wirklich um Verachtung, sondern um Blindheit gegenüber der Klasse”, sagt Noiriel. Und gewählt werden musste er bisher nur einmal: “Er (Macron, Anm.) machte niemals die Erfahrung eines politischen Abgeordneten.”

L’enfer, c’est les autres

Die zuweilen heuchlerisch anmutende Politik Macrons ist lediglich Ausdruck einer extrem ungleichen Chancenverteilung in der Gesellschaft. Frankreich ist und bleibt ein Land der sozialen Diskrepanz, in dem sich seit langer Zeit ein großes Ungleichgewicht zwischen den oberen und unteren Polen der Gesellschaft relativ frei reproduzieren kann. Und das ist nicht die Schuld Macrons. In vielen Bereichen herrschen beinahe amerikanische Zustände. Kaum ein Ort in Europa, an dem der Keil zwischen arm und reich, Elite und Unterschicht, Geld und Armut so fest in sämtlichen Lebensbereichen verankert ist wie hier. Man muss sie suchen, eine Gesellschaft, die auf ähnlich vielen gläsernen Decken gebaut ist wie diese.

In Frankreich hängt es mehr noch als andernorts vor allem von der Herkunft (und dem Geschlecht) ab, wie weit nach oben die Reise geht. Geburtsort, Schule, Universität — ein Blick auf den Lebenslauf genügt meist, um in eine Schublade zu passen. Aus eigener Erfahrung und durch Erzählungen von Dozenten während meines Studiums weiß ich, dass ein wenig angesehener Geburtsort genügt, um einen Job nicht zu bekommen, an einer Uni nicht genommen zu werden. Warum? Weil es in Frankreich nicht egal ist, wie die Stadt heißt, aus der man kommt.

Wer aus den banlieues, den sozialen Brennpunkten in den Vorstädten der französischen Ballungszentren stammt, hat vom Leben selten viel zu erwarten. Ländliche Gegenden sind ebenfalls eher unvorteilhaft, weil bäuerlich geprägt. Sie gelten als unterentwickelt. Selbst der Beruf der Eltern kann von Bedeutung sein. Die persönliche Herkunft bedeutet Stigmatisierung. Sie wirkt als Stempel, den man selten los wird.

Nicht umsonst ist die wissenschaftliche und literarische Auseinandersetzung mit der Dekonstruktion von Subjekt, Identität und Klasse von Autoren wie Michel Foucault, Simone de Beauvoir oder Jacques Derrida hier auf so fruchtbaren Boden gestoßen. Die grande Nation ist zuweilen eben auch eine grande prison — zumindest, was die eigenen Aufstiegschancen anbelangt. Wer es wirklich schaffen will, muss ohnehin in die Hauptstadt. Nur hierher führen alle Wege. Paris ist das exklusive Zentrum des Landes, intellektuell und politisch. Doch die Mieten dort muss man sich erst einmal leisten können.

Final Countdown

Ein Ausweg aus der aktuellen misère schein weit entfernt. Wie die Demonstranten an den Verhandlungstisch bekommen, wenn sie sich gegenseitig misstrauen, bedrohen und widersprechen? Wie den Volkszorn beruhigen, wenn er sich durch diffuse Kanäle entlädt? Wie die Ungleichheit ausgleichen, wenn sie so tief verankert ist? Für den Historiker Noiriel ist es klar: “Wenn er (Macron, Anm.) damit weitermacht, den Franzosen zu erklären, dass sie ihn falsch verstanden haben, wird sich die Diskrepanz noch verschlimmern.” Doch mit der bloßen Rücknahme der Benzin- und der Wiedereinführung der Vermögenssteuer ist es nicht getan.

Allerdings wird bereits von allen Seiten versucht, auf die Bewegung Einfluss zu nehmen. Marine Le Pen betonte wiederholt, sich mit den Demonstranten zu solidarisieren, und in Berlin wurden am Samstag Demonstranten einer Pegida-Protestaktion dazu aufgerufen, gelbe Westen zu tragen. Als Zeichen der Solidarität. Wenn eine planlose Masse von Wutbürgern versucht, sich ohne klare Forderungen gewaltsam Gehör zu verschaffen, droht ihr die universale Vereinnahmung. Jeder kann sich in ihr wiederfinden, vom linksextremen Antifaschisten bis zum rechtsextremen Burschenschafter. Ein Anfang vom Ende.

In die Karten spielt Macron sicherlich die (Jahres-)Zeit. Mit jedem Tag, den es länger dauert, die Bewegung an den Verhandlungstisch zu bekommen, gewinnt er Zeit. Zeit, die das von den Franzosen geliebte Weihnachtsfest näher rücken lässt. Spätestens am vierten Adventwochenende wird der Spuk sein Ende finden. Denn nicht einmal die Franzosen sind dermaßen konfliktfreudig, um den Aufstand über die Feiertage durchzuziehen. Auf das allseits heißgeliebte foie gras und ein Häferl vin chaud unter dem Weihnachtsbaum kann wohl auch der hartnäckigste Demonstrant nicht verzichten. Eisigkalte Nächte auf den nassen Straßen von Paris wirken daneben wenig verlockend. Wenn die Franzosen etwas mehr lieben, als sich dem Konflikt hinzugeben, dann dem Genuss. Und auch darin sind sie ziemlich radikal.