Hinter jedem Gewehr steht ein menschliches Wesen

In Battlefield 1 schickt uns DICE diesmal nicht auf moderne oder sogar futuristische Schlachtfelder, sondern zeigt uns die Grausamkeiten und die Sinnlosigkeit des ersten Weltkrieges. Nach der Kampagne wissen wir, warum Battlefield 1 kein normaler Ego-Shooter ist.

„Du wirst vermutlich nicht überleben“

Battlefield 1 schmeißt uns sofort und ohne Vorwarnung ins Schlachtfeld. Keine aufmunternden Worte. Kein Pathos. Stattdessen werden wir direkt mit der erschreckenden Grausamkeit des Krieges konfrontiert. Sterben wir, erscheint eine kurze Einblendung mit Namen, Geburts- und Sterbedatum. Der Schrecken des Krieges erhält so einen Namen. Kurz, knapp und hart zeigt das Spiel, wie viel im ersten Weltkrieg ein Menschenleben wert war. Dieser Krieg war der industriell geführte Massenkrieg. Niemals zuvor kämpften so viele Armeen gegeneinander. Battlefield 1 zeigt das grausame Massensterben im Schützengraben ungefiltert. Obwohl es sich um ein Computerspiel handelt, dass in erster Linie Spass bringen soll, merkt man schnell, dass die Entwickler uns auch ein wenig zum Nachdenken bringen möchten. Die Protagonisten der einzelnen Episoden wollen nur eins — den Krieg überleben.

Kriegsgeschichten

Battlefield 1 bietet keine durchgängige Story, sondern fünf unabhängige Kampagnen, die sofort in beliebiger Reihenfolge gespielt werden können. Im Vordergrund dieser Kriegsgeschichten stehen keine Helden, sondern ganz normale Soldaten. Auf erschreckende Weise zeigt das Spiel die anfängliche Euphorie der Soldaten bis zu ihrer schnellen Ernüchterung, da sie merken nicht mehr als Kanonenfutter sind. „Blinde Befehle und Zufall“, prägen die Geschichten. Mit seinen endlosen Materialschlachten änderte er das Bild des Krieges. Die bittere Realität an der Front hatte mit den vorherigen Vorstellungen eines heroischen Kampfes nichts mehr gemein. Diese Kriegsgeschichten zeigen dem Spieler die persönlichen Erlebnisse verschiedener Protagonisten mit unterschiedlichen Vergangenheiten und Fähigkeiten. So fahren wir mit einem Panzer durch Frankreich, erleben als Pilot die ersten Luftschlachten am Himmel, stürmen die Strände Italien oder spielen sogar die rechte Hand von Lawrence von Arabien. Jede Episode beinhaltet zwei bis vier Unterkapitel, die mit toll inszenierten Zwischensequenzen den Fortschritt der Geschichte untermalen. Schade, dass uns die Kampagne das Spiel nur aus Sicht der Alliierten zeigt. Selbst Frankreich und Russland, zwei der Hauptakteure des ersten Weltkrieges spielen kaum eine Rolle.

Mit Bessi durch Frankreich

In der ersten Episode fahren wir als unerfahrener Panzerfahrer einen Mark- 5 Tank durch Frankreich. Vor dem Krieg haben wir unser Geld als Chauffeur verdient, nun sitzen wir im Bauch einer stählernen Bestie und versuchen die Stellungen unserer Bodentruppen zu beschützen. Schon zu Beginn erfahren wir wie unzuverlässig die Stahlkolosse im ersten Weltkrieg waren. Diese Tatsache erleben wir hautnah bei unserer ersten Fahrt durch Schlamm und Morast. Wir haben uns festgefahren und während Bessi mit ohrenbeteubendem Grollen und Krachen ihre Ketten durch den Schlamm zieht, werden wir hinterrücks von Feinden eingekesselt. Kriechen wir aus unserem stählernem Bunker, werden wir nicht lange überleben. Was können wir also noch anrichten, um nicht direkt am ersten Tag zu sterben? Der Blick unseres Protoganisten schweift durch den Panzer. Durch jede offene Schießscharte kreuzen sich unsere Pistolen mit den Bajonetten der Feinde. Unser Vorgesetzter brüllt uns an: „Lass die Taube frei!“. Eine Brieftaube für die Kommunikation zwischen den Fronten. Was nun folgt, ist eine der besten Inszenierungen in Battlefield. Wir lassen die Taube frei, um unsere Koordinaten für einen Artilleriebeschuss an die Leitung zu übermitteln. Statt einer weiteren Zwischensequenz, steuern wir selber die Taube und fliegen, begleitet von ruhiger Klaviermusik, über zerbombte Schlachtfelder Richtung Hauptquartier. Wir erleben einen äußerst ruhigen und besinnlicher Gänsehaut-Moment, in dem wir kurz innehalten.

Blinde Befehle und Zufall

Der Levelaufbau in Battlefield 1 gaukelt uns ein wenig Open-World Feeling vor, da es uns weitergehend selbst überlassen wird, wie wir vorgehen. In einer weiteren Episode müssen den Motor unseres Stahlmonsters reparieren und benötigen vier Zündkerzen. Diese können natürlich nicht einfach in der Werkstatt nebenan gekauft werden, sondern befinden sich mitten im schwer bewachten Feindesland. Im Schutze der Dunkelheit schleichen wir in das besetzte Dorf und entscheiden uns zuerst für eine erhöhte Postion auf einer Windmühle. Hier markieren wir mit dem Fernglas unsere Feinde, studieren ihre Wege und eliminieren eine Wache nach der anderen mit dem Scharfschützengewehr. Eine Markierung über dem Kopf der Gegner zeigt an, in welchem Alarmzustand sie sich gerade befinden und welcher Kampfgattung sie angehören. Obwohl uns das Spiel an vielen Stellen unsere Freiheiten lässt, müssen wir uns bei einigen Einsätzen entscheiden, welche Ausrüstung wir mitnehmen. Wir haben die Möglichkeit zwei Waffen und zwei Gadgets auszurüsten. Zu den Gadgets zählen zum Beispiel Granaten, Sprengfallen, Dynamit oder Werkzeug. Während unserer Mission mit Bessi müssen wir zeitweise neben dem Panzer herlaufen und diesen reparieren. Haben wir jedoch kein Werkzeug in unserer Ausrüstung, kann die Mission nicht beendet werden. Zum Glück befinden sich an Feindposten oder in Dörfern Waffenkisten, die neue Waffen oder Gadgets enthalten.

Leider läßt die KI in vielen Leveln wirklich zu wünschen übrig. Zu keiner Zeit haben wir auch nur den kleinsten Hauch einer Strategie bei unseren Feinden gemerkt. Während wir mit unserem Panzer auf einer Anhöhe stehen und feindliche Schützenwagen ins Visier nehmen, fahren diese immer und immer wieder ihre gescripteten Wege. Soldaten rennen wie wild durch die Gegend und schreien sich zu, dass irgendwo der Feind sein muss. Das wir knapp 50 Meter von ihnen entfernt aus allen Rohren ballern, bekommt irgendwie keiner mit. Sogar im Luftkampf über London, konnten wir keine wirkliche Strategie der feindlichen Jäger erkennen. Obwohl der Luftraum nur so von ihnen wimmelte, hatten wir stets genügend Zeit unsere angeschlagene Maschine zu reparieren.

Fazit

Battlefield 1 bietet eine toll inszenierte Kammpage mit fesselnder und bedrückender Atmosphäre, die an vielen Stellen nachdenklich macht. Ohne den Weichzeichner und den Pathos anderer Shooter, zeigt Battlefield 1 die grausame Seite des ersten Weltkriegs aus Sicht normaler Soldaten, die nur eins möchten — raus aus dieser Hölle und überleben. In Sachen Grafik hat Battlefield 1 im Vergleich zu seinen Vorgängern noch einigen Schippen drauf gelegt. Die Umgebungen und Schlachtfelder mit Rauchschwaden, wechselnden Wetterbedingungen und Tageszeiten sehen fantastisch aus. Besonders hat es uns die Episode „Einflussreiche Freunde“ angetan. Während der ersten Trainingsflüge mit unserer Maschine im Gebirge ertappen wir uns, dass wir sehr oft vom eigentlichen Weg abkommen, da wir immer wieder durch Gebirgskämme gleiten und uns umschauen. Die Sounduntermalung unterstreicht perfekt die beklemmende Atmosphäre in Battlefield. Wenn wir leise durch Schützengräben schleichen, lassen uns Explosionen gepaart mit den Schreien unserer Feinde und Kameraden nur annähernd erahnen, wie sich die Soldaten in dieser schrecklichen Zeit gefühlt haben müssen. Losgelöst von diesem historischen Schrecken ist Battlefield 1 ein grandioser Shooter, bei dem die Kampagne nicht nur ein Anhängsel des Mehrspielermodus ist.

Originally published at games-mag.de.

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