Wo Öl und Gas sind, da ist Schlumberger

James Ball and Harry Davies

@jamesrbuk, @harryfoxdavies

Montag 18. Mai 2015

Er ist überall in der Welt, wo es um fossile Brennstoffe geht, hat mehr Angestellte als Google, mehr Umsatz als Goldman Sachs und ist mehr wert als McDonald’s — dennoch werden Sie noch nicht von ihm gehört haben. Lernen Sie den geheimnisvollsten Betreiber des weltweiten Ölgeschäfts kennen.

Als bei einer hochrangigen Konferenz am Ufer der Themse im späten April die letzte Stunde des Tages beginnt, sitzen zwei Führungskräfte des Ölgeschäfts geduldig in ausgeblichenen Lederstühlen in der Lobby des Tower Bridge Hotels. Zu ihren Füßen stehen Aktenkoffer, Baupläne und ein Bogen gefaltetes Flipchart Papier.

Die zwei bebrillten Führungskräfte, die aussehen wie dezent gekleidete Filialleiter, entschwinden plötzlich in ein Separée, um sich mit Dr. Abdullahi Haider zu treffen, einem leitenden Berater der somalischen Regierung und ein kanadischer Mittelsmann, der mit einer Stunde Verspätung auftaucht.

Bei Somalia könnte es sich um eine der großen, noch nicht erschlossenen Offshore-Ölquellen handeln; wenn jemand imstande ist, einen derartigen Vertrag zu schließen und Öl zu finden und zu fördern — wenn das jemand zustande bringt, dann ist es jenes Unternehmen, für das diese Männer arbeiten.

Die afrikanische Nation ist eines der politisch instabilsten, unsichersten, und korruptesten Länder der Welt; sie gehört zu den härtesten Orten, an denen ein Unternehmen tätig sein kann.

Aber genau das macht Schlumberger — das große Unternehmen, von dem Sie noch nie zuvor gehört haben — wenn die Belohnung nur hoch genug ist.

Schlumberger war der „Gold“ Sponsor der Konferenz, ein zwei-Tages Event mit ungefähr 100 Teilnehmern. Diskutiert wurde, wie die somalischen, potentiell unermesslich großen und bislang nicht erschlossenen Öl- und Gasvorräte erschlossen werden können.

Die Inhalte der Gespräche, die die vier Männer führten, als die Konferenzveranstalter um sie herum zusammenpackten, sowie ihre Plakate, bleiben geheim. Die Führungskräfte, typisch für den geheimnisvollen Ölgiganten, haben abgelehnt, dem Guardian zu sagen, was sie besprochen haben.

Schlumberger beschäftigt mehr als 100.000 Angestellte, die erkunden, planen, und in 85 Ländern überall auf der Welt so viel Öl und Gas wie möglich fördern. Mit einem Gewinn von $ 48 Mrd. (£ 30 Mrd.) im Jahr und einer Bewertung von mehr als $ 116 Mrd. (£ 75 Mrd.), hat Schlumberger mehr Angestellte als Google, einen größeren Umsatz als Goldman Sachs und einen höheren Wert als McDonald’s.

Die Firma arbeitet mit allen großen internationalen Ölgesellschaften und direkt für die meisten der Petrostaaten — inklusive Saudi-Arabien, Libyen, Russland und Turkmenistan. Sie ist in den schwierigsten Gebieten tätig, sei es politisch, logistisch oder technologisch, und ist Weltmarktführer in jenen Technologien um fossile Brennstoffe aus dem Boden zu holen — mit 36.000 patentierten Verfahren, die seinen Kunden helfen, genau das zu tun. Und Schlumberger schafft all dies ohne im Rampenlicht zu stehen.

Ende letzten Monats hat Schlumberger im Ramen einer Einigung mit den US-Behörder einen Rekord aufgestellt, den es nicht an die große Glocke hängen will, nämlich: Die größte Geldstrafe wegen Verstoßes gegen Sanktionen, die ein Unternehmen in der Geschichte der USA je zahlen musste.

Die Straftat, zu der sich die Firma schuldig bekannte, bestand darin, seine US-Angestellten in sanktionsumgehende Aktivitäten einzubeziehen, sowohl mit dem Iran und dem Sudan, sowie für seine (nicht erfolgreichen) Anstrengungen, diese Aktivitäten vor den Behörden zu verschleiern.

Schlumberger muß nun eine Geldstrafe von $ 155 Mio. bezahlen, auf $ 77,5 Mio. an Gewinnen verzichten, und unterliegt als Unternehmen einer dreijährigen Bewährungsfrist — die gelbe Karte der Geschäftswelt. Allerdings ist eine derartige Geldstrafe bei einem Unternehmen, das einen jährlichen Gewinn von $ 48 Mrd. erzielt, dessen Gewinnanteil aus dem Irangeschäft sich alleine im Jahr 2012 auf $ 208 Mio. belief, nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. An dem Tag, als Schlumberger sein Schuldeingeständnis unterschrieb, legten die Schlumberger Aktien um beinahe 2% zu. Ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Investoren in der Strafe nur geringfügig mehr sahen, als einen Klaps auf die Finger.

Allerdings wirft die Vereinbarung in beispielloser Weise Licht auf einige der internen Abläufe einer Gesellschaft, die für das Geschäft der Ölförderung überall auf der Welt maßgeblich sind.

Tatsächlich gehört Schlumberger kein Öl- oder Gasfeld und war daher nicht auf der Desinvestitionsliste jener 200 Unternehmen des Guardian im Ramen der „Lassen wir es unter der Erde“-Kampagne. Schlumberger ist viel die raffinierteste Ölfelddienstleister-Gesellschaft auf dieser Welt — unabkömmlich bei Tiefseebohrungen, arktischen Erkundungen, dem Refracking, (ein Kaufangebot, um den schrumpfenden Fracking-Standort zu „stimulieren“ und die Produktion anzukurbeln), uns ähnliches, und arbeitet mit vielen der in einheimischer Hand befindlichen Ölgesellschaften, denen die meisten der weltweiten Ölreserven gehören.

All dies wird durch eine große Investition von £ 114 Mio. des Wellcome Trusts ermöglicht; auch der Gates Foundation Trust hält einen Anteil in Höhe von $ 3 Mio. an der Gesellschaft. Schlumberger mag es an einem öffentlichen Profil fehlen, wie es sein Branchenrivale Halliburton hat — jener war nach dem Irakkrieg für seine engen Kontakte zu dem früheren US Vizepräsident Dick Cheney unter Wahlhelfern berüchtigt — dennoch ist Schlumberger um einiges größer als Halliburton. Schlumberger ist fast dreimal soviel wert wie sein in US-Hand befindlicher Rivale und beschäftigt 35.000 Angestellte mehr.

Schlumberger wurde 1926 von zwei französischen Brüdern als Schürfgesellschaft gegründet und arbeitet unterhalb des Radars. Wo seine besser bekannten aber kleineren Rivalen offen Lobbyarbeit betreiben, an politische Parteien spenden und sogar namhafte Politiker anstellen, macht Schlumberger nichts davon. Die Ergebnisse verdeutlichen die Überzahl: Im letzten Vierteljahr wurde über Halliburton mehr als 1.700 Mal in der britischen Presse berichtet. Über Schlumberger nur in 500 Artikeln, zumeist kleine, im Unternehmensteil versteckte Meldungen.

Einer von Schlumbergers Kunstgriffen ist seine beinahe Staatenlosigkeit. Ganz anders als Halliburton, ist es nicht in amerikanischer Hand. Obwohl es ein börsennotiertes Unternehmen sowohl in den USA, als auch im Vereinigten Königreich ist, und auch eine „Zentrale“ in London (ein schlanker Glasturm nur einige Meter von Buckingham Palace entfernt), Paris, Den Haag und Houston hat, ist Schlumberger formal in Curaçao, einem karibischen Offshore-Steuerparadies mit Verbindungen in die Niederlande, gegründet worden.

Die komplexe Struktur der Gesellschaft, die ihre Betriebsgesellschaften über Tochtergesellschaften in den Niederlanden, den Britischen Jungferninseln und Panama steuert, arbeitet oftmals zu seinen Gunsten. Einer dieser Vorteile, der über mehrere Jahre bestand, war, daß Schlumberger im Iran und Sudan tätig sein konnte, trotz der US-Sanktionen, eben weil sie keine amerikanische Gesellschaft war, weshalb sie dort tätig sein konnte — inklusive direkter Tätigkeit für die National Iranian Oil Company.

Die wesentliche Voraussetzung war, dass keine US-Bürger oder Angestellten auf amerikanischem Boden in derartige Verträge involviert werden durften. Bedauerlicherweise war es Schlumberger unmöglich, sich an diese Klauseln zu halten — was die amerikanischen Behörden herausfanden und dann zuschlugen.

Die Dokumente, die das Justizministerium einreichte, und die von Schlumberger durch das Schuldbekenntnis akzeptiert wurden, zeigen, wie gegen die US-Sanktionen wiederholt und absichtlich verstoßen wurde.

Die US-Mitarbeiter haben, so die Dokumente, Investitionen freigegeben — Geld, das für Ausrüstungsgegenstände und anderen Bedarf ausgegeben werden sollte — was gegen die Klauseln der US-Sanktionen verstieß. Das Dokument des Justizministeriums führt auch aus, welche Schritte die Mitarbeiter unternommen haben, um ihre Spuren zu verschleiern, die auch das Erstellen von Decknamen umfaßten — und die aus dem Sudan „Südliches Ägypten“ machten — wenn für das jeweils betreffende Land Gelder beantragt wurden.

“In Emails und Briefen wurden oftmals Codewörter für den Iran und/oder Sudan angegeben“, so der Bericht. “Beispielsweise bezeichneten die Angestellten des Geschäftsbereichs Bohren und Vermessen im Nahen Osten und Ostasien grundsätzlich den Iran als „Nördlichen Golf“ und den Sudan als „Südliches Ägypten“ … die Gelder wurden von den Angestellten des Geschäftsbereichs Bohren und Vermessen in den USA freigegeben, obwohl die Gelder für oder im Auftrag des Iran oder des Sudan bestimmt waren.“

Ein Mailverkehr zwischen Angestellten von Schlumberger beleuchtet, welche Schritte die Mitarbeiter unternommen haben, um zu vermeiden, dass Sendungen die an gesperrte Länder adressiert waren, amerikanischen Boden erreichten. In einer Email nach Texas steht „Ich habe absichtlich keine weiteren Akten verschickt, denn dort wird namentlich ‚Südliches Ägypten’ beim Namen genannt.“

In den Dokumenten wird angegeben, dass Schlumbergers Mitarbeiter Länderkennzeichnungen verändert haben, um Hinweise auf den Iran und auf den Sudan zu vermeiden, ferner wurde auch der „Austausch“ von Ausrüstungsgegenständen koordiniert, um solcherart in den USA hergestellte Ausrüstungsgegenstände leichter an Standorte im Iran und im Sudan anliefern zu können, indem neue Ausrüstungsgegenstände in erlaubte Länder (wie Jordanien) geschickt wurden, wo sie nicht gebraucht wurden und von wo die angeblich gebrauchte Ausrüstung zum Weiterversand in die gesperrten Länder freigegeben wurde. „Damit unterstützen wir den Sudan erneut während ihres Embargos“ schreibt ein Angestellter in einer Email, der einen dieser Deals koordiniert.

Geldstrafe und Bewährungsfrist zum Trotz, die für Schlumberger das Verbot einschließt, im Iran und im Sudan tätig zu sein (es hat beide Länder gerade verlassen), halten Analysten diesen Vorgang für grundsätzlich machbar — die Gesellschaft sei jetzt frei, anderswo zu tun, was sie will.

„Jeder kannte die Gesellschaft, Schlumberger, denn sie besitzt praktisch die doppelte Staatsangehörigkeit … und es wurde ihr gestattet, in bestimmten Gegenden tätig zu sein, was ihr einen gewissen Vorteil vor bestimmten anderen Gesellschaften und Gegenden einräumt, und der Iran war eine davon,“ erläutert David Anderson, ein Analyst für Öldienstleister und Investitionsgüter bei Barclays. „Sie war in dem Land tätig und sie hat die Geldstrafe bezahlt“.

Für die Ölanalysten gehört Schlumbergers Verletzung der Sanktionen zu einer Angelgenheit der Vergangenheit, ein peinliches Ereignis, das man am besten vergißt. Die Gesellschaft kann möglicherweise nicht mehr im Iran und Sudan tätig sein, aber sie kann weiterhin ihre Geschäftstätigkeit an den schwierigsten Einsatzorten der Welt ausüben.

Schlumberger hat bewiesen, dass die Firma keine Angst vor umstrittenen Kunden hat, sie betreibt Geschäftsbetriebe in autokratischen Staaten, die von Menschenrechtsgruppen und westlichen Regierungen stark kritisiert werden. Zu den Kunden der Gesellschaft zählen Libyen, Burma, Turkmenistan, der Tschad und Angola.

Die von WirkLeaks im Jahr 2011 offengelegten Dokumente werfen Licht auf die Ansichten des amerikanischen Außenministeriums, die einige der damals von Schlumberger ausgeübten Tätigkeiten betreffen, und unterstreichen seine Präsenz in einigen der schwierigsten Gegenden, in denen man tätig sein kann.

Die amerikanische Botschaft in Turkmenistan stellte fest, daß die Gesellschaft einen einheimischen Schieber angestellt hatte — einen „Ombudsmann“ in ihrer Ausdrucksweise — um „Schikanen und räuberische Erpressung durch die örtliche Polizei“ zu verringern, was dubiose „Geldstrafen“, Steuerprüfungen und sogar Deportationen von Angestellten einschloß, die sich mit turkmenischen Frauen „verbrüderten“, was in dem drakonischen Staat einen großen Tabubruch darstellt.

Als gute Nachricht wurde in einem Memorandum des Außenministeriums vermerkt, dass eine Führungskraft von Schlumberger „angab, dass die Korruption in Turkmenistan nicht so schlimm sei wie in Kasachstan oder in Aserbaidschan“ — Länder, in denen Schlumberger auch tätig ist.

Andernorts mußte sich Schlumberger gegen Geiselnahmen und Überfälle in Nigeria verteidigen — dort mußte die Gesellschaft „ihre Ausgaben für die Sicherheit verdreifachen, die sich nun auf 55% seines Etats belaufen.“

Jedenfalls standen die finanziellen Belohnungen für die Öldienstleister-Gesellschaften wie Schlumberger und seine kleineren Rivalen für ihre Bereitschaft dort zu arbeiten, wo andere vor diesem Wagnis zurückschrecken, bereits fest. In Kuwait wurden Schlumberger und seine Rivalen mit „nahezu allen“ Geländearbeiten für die einheimische Ölgesellschaft beauftragt, während in den Vereinigten Arabischen Emiraten einem Vermerk einer Führungskraft des Außenministeriums zufolge im Jahr 2005 „Halliburton, Baker-Atlas, Schlumberger und andere Dienstleister sich wie Oligopolisten verhalten und sich immer größerer Gewinne erfreuen“.

Das Herzstück von Schlumbergers Unentbehrlichkeit sind sein weltweiter Kundenstamm und seine Spezialisierung auf die Förderung von so vielen fossilen Brennstoffen wie möglich. Seinen Rivalen wird oftmals nachgesagt, um den niedrigsten Preis zu konkurrieren, wohingegen Schlumberger seine technische Expertise anbietet, Öl und Gas zu finden und bis zum letzten Tropfen oder Hauch auszubeuten.

„Man könnte fast meinen, Schlumberger sei das Zentrum der Ölfelder, als Hightech Unternehmen ist es allgegenwärtig“, erläutert Robert MacKenzie, ein Analyst bei Iberia Capital Partners und früherer Angestellter von Schlumberger.

„Wenn Sie ein Ölfeld erschließen wollen und Sie wollen den besten, dann beauftragen Sie Schlumberger. Wenn Sie noch keine klare Vorstellung davon haben, wie alles vonstatten geht, und Sie jemanden wollen, der Ihnen bei der Erschließung hilft, dann holen Sie Schlumberger. Es hat schon viele technologische Fortschritte in der Vergangenheit in diesem Industriebereich vorangebracht und das Ende ist noch nicht erreicht.“

Schlumbergers technologische Dominanz zeigt sich auch in seinem überaus beeindruckenden Patentportfolio. Eine Suche in Espacenet, einer internationalen Datenbank, die vom Europäischen Patentamt betrieben wird, offenbart mehr als 36.000 Patente, die auf die Firma angemeldet sind. Die gleiche Suche für Halliburton zeigt 25.000 an, während für Baker Hughes, die drittgrößte Gesellschaft in diesem Industriezweig, 20.000 angezeigt werden.

„Ihre Technologie ist real, legitim und ist sicherlich das Gütesiegel der Gesellschaft“, sagt David Anderson von Barclays, der Schlumbergers Patentportfolio als „Aushängeschild“ der Gesellschaft seit ihrer Gründung beschreibt. Dadurch bleibt die Gesellschaft weiterhin erfolgreich: Schlumbergers Bilanzgewinn überstieg im Jahr 2014 $ 5 Mrd. (£ 3,2 Mrd.), und die Gesellschaft erfreut sich an historisch höheren Gewinnmargen als ihre Rivalen.

Die Gesellschaft schwadroniert überall von ihrem technologischen Vorsprung, insbesondere Patrick Schorn, einer der Vorstände der Gesellschaft, der auf einer Energiekonferenz im Dezember 2014 erzählte, dass Schlumberger 2013 weitere 689 Patente erteilt wurden — 166% mehr als nur fünf Jahre zuvor. Schorn stellte Technologien vor, um Fracking anzukurbeln, und für Detailprüfungen von schwer zu analysierenden Ölvorräten.

Schlumberger nutzt seine F&E, um mit gänzlich neuen Verfahren Geld zu verdienen und Bohrungen zu ermöglichen, die den großen westlichen Öl- und Gasgesellschaften sowie staatlichen Unternehmen ermöglichen, genau jene Vorräte zu fördern, die den Umweltschützern zufolge in der Erde bleiben müßten.

„Die schiere Größenordnung der Tiefseereserven und das Produktionspotential sind für die Industrie einfach viel zu groß, um sie zu ignorieren“, sagte der Vorstandsvorsitzende Paul Kibsgaard vor Branchenvertretern Anfang des Jahres.

Das Werbematerial seiner Gesellschaft stößt in dieselbe Richtung vor. „[K]eine Firma kann mit unseren laufenden Investitionen im Bereich von Forschung & Entwicklung in der Tiefsee mithalten“, verspricht eine Broschüre aus dem Jahr 2014, bevor sie Bezüge herstellt zu der „überragenden Marktposition“ im Bereich von Ultra-Tiefsee-Bohranlagen, einer riskanten und umstrittenen Form der Förderung, insbesondere in der Folge des sehr öffentlichen Deepwater Horizon Disasters im Golf von Mexiko.

Schlumbergers Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen drängt zu anderen Wegen. Die Firma hat kürzlich angefangen, seinen Refracking Kunden neue, risikofreie Angebote zu unterbreiten, für die keine Provision bezahlt werden muß, es sei denn, Schlumberger hebt seine Produktion über einen bestimmten Level hinaus an. Zu diesem Zeitpunkt steigen die Kunden dann mit einem Anteil ein; sie werden im Großen und Ganzen zu einer Ölgesellschaft zusammengeschlossen — das Angebot an die Ölindustrie ähnelt dem von klagewütigen [amerikanischen] Anwälten: „Kein Sieg — keine Kosten“.

Die Abhängigkeit der Geschäftstätigkeit von der Förderung fossiler Brennstoffe wurde stillschweigend vor kurzem in einem Abschnitt des offiziellen Jahresberichts von 2012 anerkannt, der das bedeutende Risikopotenzial für die Geschäftstätigkeit kurz erwähnte. In der zurückhaltenden Sprache der Firmenwelt wird gewarnt, dass „die Nachfrage nach unseren Produkten und Dienstleistungen sich infolge von Änderungen der gesetzlichen Vorschriften reduzieren [könnte].“

„Einige internationale, nationale und Landesregierungen und Behörden bewerten und verkünden derzeit eine das Klima betreffende Gesetzgebung und Regulierung, die auf die Einschränkung von Treibhausgasen ausgerichtet ist“, wird in dem Abschnitt erläutert.

„Eine derartige Gesetzgebung … kann die Nachfrage nach und die Produktion von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas in den Gegenden der Welt, in denen unsere Kunden tätig sind, signifikant beschneiden und negative Auswirkungen auf die künftige Nachfrage nach unseren Dienstleistungen nach sich ziehen, was sich nachteilig auf unsere finanzielle Lage, die Ertragslage und den Cash flow auswirkt.“

Dennoch ist die Firma derzeit noch darauf aus und Willens, nach den ungenutzten Grenzen der fossilen Brennstoffe zu suchen. Zu den avisierten Zielorten gehört die Arktis, in der Schlumberger letztes Jahr auf ein riesiges Ölvorkommen in Russlands eisiger Karasee gestossen ist.

Trotz ihres Aneinandergeratens mit den USA wegen der Sanktionen, ist die Firma gemäß eines Bloombergberichts dennoch in der Lage, in Russland in der Arktis Öl zu fördern, allen US-Sanktionen zum Trotz. Da die Gesellschaft jedoch eine Bewährungszeit von drei Jahren abzuleisten hat, wird sie sich diesmal dementsprechend vorsichtig verhalten, um nicht in die Schlagzeilen zu geraten.

Der Guardian hat Schlumberger fünf Tage vor der Veröffentlichung dieses Artikels kontaktiert, um der Firma die Gelegenheit zu geben, zu dem erhobenen Sachverhalt dieses Artikels Stellung zu nehmen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, 72 Stunden nach dem ersten Fristablauf für die Stellungnahme, standen Schlumbergers Antwort auf die Email und Fragen des Guardian noch aus; die über den bloßen Hinweis auf eine kürzlich erfolgte Veröffentlichung des amerikanischen Justizministeriums zum rechtskräftigen Urteil in einem Sanktionsfall hinausgehen.

Der nicht greifbare Vorstandsvorsitzende

Es gibt nur wenige Presseinterviews und auf der Website der Firma erscheint nur eine kurze Biografie mit den beruflichen Höhepunkten der Karriere. Kibsgaard trat 1997 als Ingenieur in Saudi-Arabien in die Firma ein und arbeitete sich Stufe um Stufe empor; 2011 wurde er zum Geschäftsführer ernannt und im April auf den Thron des Vorstandsvorsitzenden gehoben.

Obwohl nur verhältnismäßig wenig über Kibsgaard bekannt ist, gehört er zu den am höchsten bezahlten Führungskräften in den USA. Vergangenes Jahr betrug sein gesamts Einkommenspaket inklusive Anteile und Optionen gemäß von Equilar zusammengestellten Daten nahezu $ 17 Mio. — mehr als Tom Cook von Apple und die Vorstandsvorsitzenden von Nike und Ford.

Kibsgaard sitzt am Ruder eines wahrhaft globalen Unternehmens; im Jahr 2013 wurde der 47 Jährige aus Ålesund, einem malerischen Hafenstädtchen inmitten schneebedeckter Berge an Norwegens Westküste, vom Magazin Foreign Policy zu einem der 500 „mächtigsten Menschen dieses Planeten“ ernannt.

Früher in diesem Jahr hat Kibsgaard eine Medaille von einem anderen der Mächtigsten Menschen der Welt erhalten: Vladimir Putin. Durch eine vom russischen Präsidenten unterschriebe Urkunde wird Kibsgaard die Medaille des „Orden der Freundschaft“ verliehen — für Schlumbergers Beitrag zur großen Entdeckung in der russischen Arktis.

Letzten Monat hat Kibsgaard — von dem angenommen wird, der am höchsten bezahlte Norweger der Welt zu sein — bewiesen, daß er ein rücksichtsloser Rüpel ist, der die Belegschaft von Schlumberger als Antwort auf die gesunkenen Ölpreise um drastische 15% zusammengestrichen hat. Auch jetzt unterstützen die Aktionäre Kibsgaard — vermutlich ist dies einer besonders großzügigen Anhebung der Dividende zu verdanken, seit er den Führungsjob innehat.

In einem der seltenen Interviews letztes Jahr hat Kibsgaard mit dem Finanzmagazin Barron’s über seine Ziele für Schlumberger gesprochen und einen Einblick in seine kühne Vision gewährt: Er sagte: „Ich finde nicht, dass es reicht, wenn wir uns darauf konzentrieren, nur die beste Firma in unserer Branche zu sein.“ „Wir haben das Potenzial, die bestgeführte Firma der Welt zu sein, und das wollen wir erreichen.“

Deutsche Übersetzung von Karen Gay-Breitenbach, DVÜD — VoxEurop

Editing: Yann Schreiber, VoxEurop

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