Die schlechte Aufhebung der Privatsphäre

Bild von Frédéric Poirot (cc)
When you say I don’t care about the right to privacy because I have nothing to hide, that is no different than saying I don’t care about freedom of speech because I have nothing to say.

(Edward Snowden)

Wenn in Zeiten des globalisierten Antirationalismus überhaupt noch bei irgendetwas per se eine Chance auf Emanzipation ausgemacht werden kann, dann wohl zuletzt beim Verlust der Privatsphäre. Die verschwindet momentan nämlich nicht nur, weil die sozialen Medien die Möglichkeit dazu bieten, sondern weil die objektiven Lebensumstände der Menschen, die sie bedienen, ohnehin schon genau das vorschreiben. Die Privatsphäre, ein letzter Bereich, der Vereinzelung und Selbstreflexion ermöglicht und damit überhaupt erst den Grundstein für wie auch immer geartete Individualität bietet, wird eingezogen. Das unkritische Label „Work-Life-Blending“ steht für eine Verquickung der einst getrennten Lebensbereich und die Leute finden es super. Der Beruf hält Einzug ins Private, umgekehrt dringen natürlich auch Elemente von „Freizeitgestaltung“ in die einst so strikt davon getrennte Berufswelt ein.

Die Trennung von Individuum und Subjekt oder Mensch und Bürger ist im Begriff, schlecht aufgehoben zu werden: sie wird aufgelöst, ohne durch etwas Besseres ersetzt zu werden. Was poststrukturalistische Autoren auf der Ebene der Theorie schon vor Jahrzehnten geleistet haben — durch das Verfassen einer Erkenntnistheorie ohne ein Subjekt, das sich kritisch mit seiner Umwelt auseinander setzen kann — vollzieht der Neoliberalismus durch den eingeforderten freiwilligen Konformismus in der Praxis. Ein weiteres Glücksversprechen, das nicht nur nicht eingelöst, sondern verdreht und verdrängt wird. Die Generation der heutigen Jugendlichen wird in diese Zustände hineingeboren und lernt überhaupt keine Trennung mehr zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit kennen. Post-Privacy wird unbewusst vorausgesetzt und so lange das so bleibt ist ihr „revolutionäres Potenzial“ gleich null. Wie soll auch bei den heutigen und künftigen sozialen Atomen, die von manchen ernsthaft immer noch „Individuen“ genannt werden, überhaupt noch erkannt werden, wo rebelliert und wo einfach nur mitgemacht wird? Es ist keine einfache Rechnung, kein Privatsphären- vs. Selbstdarstellungs-Trade-Off, der hier gemacht wird, denn das würde auch wieder voraussetzen, dass die Menschen überhaupt in der Lage sind, einzuschätzen, welche Handlung im Internet welchen „Preis“ hat.

Damit sind Phänomene wie reaktionär-völkische Mobs auf Facebook oder Wahnwichtel mit ihren Shitstorms auf die „Lügenpresse“ noch nicht einmal angerissen. Seit jeher wurde jedes neue Mittel der Kommunikation sowohl von den „Guten“ als auch von widerlichsten Menschenschlächtern verwendet, kontrolliert, unterdrückt oder ausgebaut. Diese Einsicht ist auch auf das Internet bezogen banal. Man kann es nicht oft genug betonen: auch die Ausweitung der totalen Ausspähung von Bürgern, (deren Symbolisierung durch Kürzel wie PRISM, STORMBREW, usw. allein schon verdächtig erscheinen sollte) ist ein Symptom der Verschmelzung von Öffentlichkeit und Privatem. Dass der gesamte mediale Diskurs fast nur die „Bedrohungen“ für ein Kollektiv abhandelt, sei es für die Demokratie, den Staat oder gar das Volk, nicht aber die Bedeutung ständiger Überwachung für das Individuum und seine Entwicklung, sollte niemanden verwundern, der sich einen Begriff von der schlechten Aufhebung der Privatsphähre gemacht hat. Auch die mittlerweile zu Tode gerittene Behauptung, man „habe ja nichts zu verbergen“ enthält sehr viel Wahrheit. Die von Edward Snowden anfangs zitierten Worte zu Datenschutz und Meinungsfreiheit müssten umgekehrt werden: wer nichts zu sagen hat, der hat auch nichts zu verbergen. Wer bereitwillig und vorauseilend gehorsam sich den Verhältnissen anpasst, der muss tatsächlich nicht mit großem Interesse seitens der Sicherheitsdienste rechnen. Das könnte auch für viele, die sich links-kritisch-aufklärerisch wähnen als Prüfstein für die Selbstkritik dienen.

Treten wir lieber einen Schritt zurück: statt angeblich revolutionäre Möglichkeiten abzufeiern, machen wir uns doch lieber auf die Suche nach dem Grund dafür, dass die Bedingungen dieser Möglichkeiten sich nicht finden und auch nicht einfach herstellen lassen.


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