Echt jetzt, Hengameh? „Vorurteile“?

Ein neuer Artikel von Hengameh, den man unkommentiert nicht stehen lassen sollte, da er (mal wieder) voller naiver Verharmlosungen ist. Während nämlich weisse Männer mit Dreadlocks der Inbegriff der Reaktion sind, gilt der Autorin alles Islamische als „gar nicht so schlimm“ oder gar „revolutionär“. Diesmal geht es um die angeblich positiven, liberalen Seiten des Iran, des von Islamisten regierten Landes. Gehen wir den Artikel mal absatzweise durch:

In Deutschland ist man es gewohnt, aus diesem Land nur schlechte Nachrichten zu hören; über Todesstrafen für schwule Männer und Überlebende sexualisierter Gewalt, Verhaftungen von ein paar Leuten, die einfach nur ein Video zu Pharrell Williams’ „Happy“ veröffentlichten, Atombombengerüchte und die Frage, ob Musik dort nach islami(sti)schem Gesetz nun erlaubt sei oder nicht.

Die Liste kann man noch fortsetzen: Holocaust-Karikaturenwettbewerbe, staatlich angeleitete Lösegelderpressungen gegen die USA, correctional rape… aber trotzdem: ich weiß nicht, in welchem Deutschland Hengameh lebt, jedoch hört man vom Iran nicht „nur das Schlechte“. Die Jubelmeldungen in der Presse waren kaum zu übertreffen, als endlich der Iran-Deal in trockenen Tüchern war. Auch heute sind noch viele freudige Meldungen über neue Geschäftsgelegenheiten deutscher Firmen zu lesen, die Bundesregierung selbst strebt intensive Finanzbeziehungen mit dem Iran an. Hier und da liest man tatsächlich „schlechte Nachrichten“, was eben damit zusammenhängt, dass der Iran weltweit der Staat mit den meisten Hinrichtungen ist.

Umso überraschter reagieren die Almans auf die Tatsache, dass Iraner_innen nicht wirklich korantreue Dämonen sind, die mehr Freude an blutigen Gesetzen und von Kinderhand gewebten Seidenteppichen als vermeintlich westlichen Phänomenen wie Freiheit oder Spaß haben.

Auch hier frage ich mich, was für „Almans“ Hengameh kennt. Im Iran gibt es regelmäßig Proteste gerade von jungen Menschen, die zwar brutal niedergeschlagen und — wie nach dem Studentenprotest von 2009 — als Resultat „westlichen Medieneinflusses“ dargestellt werden, aber das sind wohl wieder nur diese Schreckensmeldungen, an denen sich die „Almans“ so aufgeilen. Iranische Muslime waren es, die in der BMI-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland“ wohl stark dazu beigetragen haben, dass diese religiöse Gruppe nicht ganz so katastrophal abschneidet. Das Klischee, das hier aufgezogen wird, existiert einfach nicht und dient wohl einfach der Strohmannargumentation, von der der Artikel lebt.

Richtig absurd wird es jedoch erst mit der Darstellung eines Vorfalls, der mit der Hisbollah-Zeitung „Ya Lessarat“ zu tun hat, die sich recht drastisch über die „freizügigen Outfits“ der Frauen auf einem iranischen Filmfestival geäußert hat.

Die Männer reagierten auf sozialen Medien umgehend solidarisch mit ihren Genossinnen und schrieben zum Beispiel: „Wenn Zuhälter bedeutet, dass ich nicht der Ansicht bin, meine Mutter, Schwester, oder Partnerin kontrollieren zu dürfen — dann bin ich in der Tat einer.“ Oder: „Wenn ein Zuhälter jemand ist, der seine Frau respektiert, dann bin ich stolz darauf, einer zu sein.“ Es blieb allerdings nicht bei Positionierungen innerhalb der Gesellschaft, sondern auch der Staat reagierte mit einem gerichtlichen Verfahren wegen Verstoßes gegen das Presserecht und schloss die Zeitung.

Den Protestwillen der iranischen Bevölkerung möchte ich hier ausdrücklich nicht relativieren. Tatsächlich bin ich hier ganz bei Hengameh: davon können sich die Deutschen, eigentlich aber alle Europäer, eine Scheibe abschneiden. Die Iraner kennen eben eine Welt außerhalb des forcierten konservativen Islam und dass seit 1979 eine Clique islamistischer Geistlicher dort regiert ändert nichts daran. Aber warum wird hier ein Zusammenhang zwischen zwei Vorkommnissen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben? Die Zeitung war schon seit Januar verboten, weil dort eine Ministerin als Hure bezeichnet wurde. Dem gingen drei schriftliche Verwarnungen voran. Selbst Ahmadineschad war der Zeitung zu liberal. Nun ist es ein Unterschied, ob eine selbst für iranische Verhältnisse extreme Zeitung, die Ministerinnen beschimpft und Präsidenten kritisiert, nach der dritten Verwarnung geschlossen wird, oder ob dies wegen Sexismus geschieht, der sich gegen liberale Künstlerinnen richtet.

Für uns in Deutschland erscheint dieser Umgang nahezu revolutionär, zumal wir es hierzulande von Männern eher gewöhnt sind, bei Sexismusdebatten darüber zu nörgeln, dass ihre Rechte gefährdet seien und das Land nun aussterben werde, da es quasi nicht mehr möglich sei zu flirten. Unterstützend verhalten sie sich selten.

Hengamehs kulturrelativistische Positionen sind jedem bekannt, der sie aktiv verfolgt und auch hier misst sie tatsächlich den deutschen Umgang mit Sexismus an dieser — wohlgemerkt künstlich von ihr selbst herbeigeredeten — Intervention der iranischen Regierung. Angesichts der Absurdität dieses Vergleichs muss man das eigentlich nicht weiter kommentieren, sondern vielleicht in der Sprache antworten, die Hengameh am besten versteht: check your privilege. Vielleicht fällt dir dann auch mal auf, dass die Frauen im Iran ganz anderen Verhältnissen gegenüberstehen, als die Frauen in westlichen Ländern.

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