Köln, die Nafris und die Polizei

Foto: Ramy Raoof (cc)

In meiner Filterblase ist gerade das wichtigste Thema, dass die Kölner Polizei vor wenigen Tagen offenbar nach Hautfarbe vorgegangen ist, um sexuelle Übergriffe zu verhindern. Beim Schutz und der Relativierung islamisch geprägter Gräueltaten gibt es bereits wenige Millimeter links von der SPD, also von Jan Böhmermann bis zum Antifa-Jungen, der sich sonst für keinen Gulag-Witz zu schade ist, keine Hemmungen mehr.

Vorweg ein paar Banalitäten über die Polizei: die Polizei hat aktiv Ermittlungen gegen Nazis verhindert, verzögert, verschlampt und sich lieber auf Wahrsager verlassen, als auf Aussagen Beteiligter. Die Polizei hat Maulwürfe, die Informationen an Pegida-Leute weitergegeben. Die Polizei äußert sich sehr positiv über die AfD und klemmt sich schonmal das rechtsradikale Compact-Magazin an die Frontscheibe ihrer Autos. Bei der Polizei gibt es Rassisten, da sich Polizisten aus einer Gesamtbevölkerung rekrutieren, in der es Rassisten gibt. Das Ausmaß der Selbstkritik in der Polizei lässt sich daran ablesen, dass die „Bundesarbeitsgemeinschaft kritischer Polizisten“ ganze 60 Mitglieder hat. Der Beruf des Polizisten, also von jemandem, der „Staat, Nation und Kapital“ verteidigt, ist traditionell keiner, der Linke anzieht. Trotz dieser strukturellen Eigenschaften tut man gut daran, dies nicht als Schablone über alles zu legen, was die Polizei tut. Im Fall der vergangenen Silvesternacht wurde durch massive Polizeipräsenz und natürlich auch durch gezieltes Vorgehen gegen seit Jahren bekannte Tätergruppen ein wichtiger zivilisatorischer Mindeststandard aufrecht erhalten, nämlich, dass Frauen sich auch bei ausgelassenen Festen und unter Alkoholeinfluss sicher fühlen können. Dies geschah nicht durch „racial profiling“. Die Zielgruppe der Polizei an diesem Abend wurde nicht allein durch Hautfarbe bestimmt. Racial profiling findet genau dann statt, wenn jemand durch nichts anderes als seine Hautfarbe als Verdächtig gilt. In Köln jedoch wurden gezielt Menschen mit den Merkmalen kontrolliert, die sich mit den Merkmalen derer deckten, die im letzten Jahr massiv übergriffig gegen Frauen waren — und nicht, wie nun überall impliziert wird, einfach nur „Nicht-Weisse“.

Schweden als antirassistische Utopie

#tafsainte — nicht betatschen!

Andernorts, beispielsweise in Schweden, wird anders mit solchen Vorkommnissen umgegangen. Auf Stockholmer Musikfestivals kam es zu ähnlichen Übergriffen, da ermittelte die Polizei jedoch nur halbherzig bis absichtlich gar nicht. Dienstanweisungen, in denen explizit keine Informationen über solche Fälle an die Öffentlichkeit dringen sollen, sind schon länger bekannt. Nach drei Jahren stellte man fest, dass die Übergriffe nicht weniger werden und entschied sich zu einer radikalen Gegenmaßnahme: auf den Festivals bekamen die Frauen Armbänder, auf denen „bitte nicht grabschen“ steht. Zusätzlich wurden „Frauen-Zonen“ eingerichtet. Geschlechtertrennung ist natürlich ein sehr effektives Mittel gegen Vergewaltigungen. Sicher ein Wunschtraum vieler antirassistisch angehauchter Feministinnen, kommt die Aktion doch ganz ohne „racial profiling“ und Platzverweise aus. Wie viele der bisherigen Täter sich von einem in schwedisch beschrifteten Armband abhalten lassen, wird man im kommenden Sommer sehen. Ich nehme an, dass es keinen Effekt hat. So entstehen vermutlich auch die Pogrome in Stockholm, die dann natürlich wieder Unschuldige treffen.

Rassistische Polizeisprache?

Zunächst einiges zum Wort „Nafri“. Diese eigentlich nur polizeiintern verwendete Bezeichnung für eine strafrechtlich auffällige Gruppe mit „Migrationshintergrund“ landete auf Twitter und stellt seitdem den Hauptquell der Empörung dar. Natürlich ist „Nafri“ — wie jedes Wort — keine erschöpfende Charakterisierung von Einzelpersonen, sondern fasst Menschen in einer Gruppe mit ähnlichen Merkmalen zusammen, abstrahiert von je besonderen Individuen und stellt darum eine Vereinfachung der Realität dar, die ihre Tücken hat. Von dieser banalen Tatsache (andere, Gruppeneigenschaften problematisierende Sammelbegriffe wie „Ami“, „Kartoffel“ oder „Ultraorthodoxe“ lösen natürlich keine ähnliche Empörung aus) ist es allerdings noch ein sehr weiter Sprung zu den Rassismusvorwürfen, die nun gerade im Rampenlicht stehen. Sprache ist ein Werkzeug, das die Realität mit wie auch immer beschränkten Mitteln zugänglich macht und Wörter wie „Nafri“ setzen sich durch, weil sie diesen Zweck erfüllen. Die Gefahr dabei kommt nicht etwa von der „Gewalt“, die dem Einzelnen durch seine „Unterwerfung“ durch den Begriff angetan wird, sondern daher, dass Sprache sich verselbstständigen kann, was sich dann später als Vorurteil manifestiert. Sprache ist ein guter Diener, aber kein guter Meister. Sie hat quasi einen Doppelcharakter, weil sie durch Beobachtungen in der Welt geformt werden kann, aber auch die subjektive Realität konstruieren. Darum ist es jedem Menschen zuzumuten, die Bindung seiner Sprache an die Realität zu prüfen. Im Fall der „Nafris“ lohnen sich da Exkurse in Kriminalstatistiken des BKA, oder ins Arabische, in dem bereits seit den 50er Jahren ein eigener Begriff für sexuelle Übergriffe als Gruppe existiert (taharrush jamai). Weil diese Art Übergriff nämlich von Kairo bis Stockholm immer durch Gruppen mit bestimmten Eigenschaften begangen wird.

Ursachen statt Scheindebatten

Trotzdem: die postmoderne Weltanschauung hat bereits ihre Spuren hinterlassen, deswegen wird auch so getan, als sei es die Polizei gewesen, die durch ihre Zuschreibungen bestimmte ethnische Gruppen erst konstruiert und nicht etwa die Betroffenen selbst. Tatsächlich kamen aber auch in dieser Nacht große Gruppen von männlichen, 15–25 Jahre alten Nordafrikanern und Arabern zusammen nach Köln. Es handelt sich um eine Gruppe, die sich ganz von sich aus nach Hautfarbe und Religion zusammen gefunden hat, weil sie bestimmte Vorhaben, Werte und natürlich auch eine gemeinsame Sprache haben. Keineswegs wollten die 2000 jungen Männer aus dem mittleren Osten und Nordafrika einfach nur Gesellschaft, es ging um die aggressive Außendarstellung der so gebildeten Cliquen, deren Beschränkung durch polizeiliche Maßnahmen sowohl von ihnen selbst, als auch von ihren vermeintlich antirassistischen Beiständen als nicht hinzunehmende Kränkung ihrer kulturellen Gruppenidentität hingebastelt wird. Das trifft natürlich auch diejenigen unter den Nordafrikanern, denen es tatsächlich ums feiern ging, weswegen diese unter ihren Landsmännern leiden, obwohl sie einfach nur ihre Ruhe haben wollen. Nun wird von den Relativierern islamischer Zwangsvergemeinschaftung allenthalben behauptet, man müsse eben „gegen beides“ sein, also gegen das angebliche „racial profiling“ und gegen sexuelle Übergriffe. Man erkennt an diesem Vorschlag ganz gut das Problem: selbstverständlich hat nämlich jeder zivilisierte Mensch immer gegen sexuelle Übergriffe zu sein. Nur wer sich mit den bereits viel früher ansetzenden Einflüssen konservativ-islamischer Sozialisierung nicht auseinandersetzen will, der kann das von sich nicht ernsthaft behaupten, denn sie gehört nachweislich und bestätigt von Leuten, die mit „Nafris“ arbeiten (Ahmad Mansour…) zum Problem. Gibt es sozio-ökonomische Faktoren? Natürlich. Integration funktioniert im Kapitalismus nunmal über den Arbeitsmarkt, Armut und durch extremen Männerüberschuss verursachte sexuelle Frustration sind universelle Größen die nicht nur Nafris hervorbringen, sondern auch Nazis. Egal welcher Herkunft: pfercht man Leute zusammen und verweigert ihnen die Vorzüge moderner westlicher Lebensweisen, dann beginnen diese Leute, eine Lüge zu wittern. Und Lügen machen auf Dauer sehr, sehr wütend.