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Mythos Triggerwarnungen

Bild (cc) Toshiyuki IMAI
Start der Tweetkette

In einer kürzlich veröffentlichten Tweetkette habe ich meiner Geringschätzung zum Konzept der so genannten „Triggerwarnungen“ Luft gemacht. Triggerwarnungen sind Warnungen dazu, dass ein bestimmter Inhalt — Text, Bilder, Videos oder anderer Art — ein Hinweisreiz für traumatische Erlebnisse sein könnten.

Triggerwarnungen verleiten zur Vermeidung von traumatischen Inhalten und das ist schlecht.

Vermeidung von traumatischen Inhalten klingt zunächst, als sei das eine gute Sache. Nach allem, was man in der klinischen Psychologie aber weiß, ist die Vermeidung von Erfahrungen, die mit einem möglicherweise traumatischen Inhalt zu tun haben, schädlich. Das gilt nicht nur für Menschen, die bereits eine Störung entwickelt haben. Auch in der Entwicklung einer Störung an sich ist es schädlich. Drei Studien dazu zeigten folgendes: von traumatischen Erlebnissen betroffene Menschen entwickeln wahrscheinlicher Symptome einer Traumafolgestörung, Depression und allgemein schlechtere Werte für psychische Gesundheit, wenn sie Inhalte vermeiden, die auf das Trauma verweisen. In einer Auswertung von 29 weiteren Studien zu dem Thema fand man ähnliche Effekte für eine Vielzahl anderer psychischer Probleme:

  • Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kindheit, die stärkere Vermeidung zeigten, litten später unter stärkeren psychischen Belastungen.
  • Bei generalisierter Angststörung ist Vermeidung — in Form von Sorgen — explizit ein Teil der Störung, weswegen es nicht überrascht, dass Betroffene, die stärker zur Vermeidung neigen, schlechtere Werte bei jeder Menge von Variablen zeigten, wie Angst in sozialen Situationen oder dem ausmaß negativer Gefühle und weniger Möglichkeiten fanden, mit ihren Belastungen umzugehen.
  • Bei Trichotillomanie, einer Störung, bei der sich Betroffene selbst Haare ausreißen, konnte der Drang, sich Haare auszureißen bei den Betroffenen, die stärker zu Vermeidung neigen, schlechter unterdrückt werden. Im Gegenteil: sie rissen sich mehr und häufiger Haare aus.
  • Selbstverletzendes Verhalten: hier zeigten Borderline-Patienten, die ihre Gedanken stärker unterdrückten, ein größeres Ausmaß an Selbstverletzung. Eine neuere Studie bestätigt dies an einer großen Stichprobe und zeigte, dass Menschen, die sich selbst häufiger verletzen, auch häufiger Vermeidungsverhalten zeigen. Bei diesem Punkt ist aber Vorsicht geboten, denn das Unterdrücken heftiger Emotionen ist in der Therapie von Borderline-Patienten gängig. Die „Skills“ um diese Form „emotionaler Vermeidung“ zu erreichen werden gezielt eingeübt. Daraus kann aber nicht gefolgert werden, dass deswegen unangenehme Inhalte vermieden werden sollten.
  • Essstörungen: Frauen, die stärker zu Vermeidung neigen, neigen stärker dazu, ihre Emotionen durch essen zu regulieren. Das zeigte eine Studie von 2016. Von anderen Essstörungen Betroffene zeigten bei häufigerer Vermeidung mehr suizidales Verhalten.

Es ließen sich (unter dem Stichwort “experiential avoidance”) sicher noch unzählige Studien dazu finden, bei welchen Störungen Vermeidung noch eine Rolle spielt und welche Störungen sie begünstigt. Was bedeutet das aber für die Sinnhaftigkeit von Triggerwarnungen? Nichts Gutes. Triggerwarnungen sind explizit dafür da, Menschen dabei zu helfen, traumatische Inhalte zu vermeiden. Daraus kann gefolgert werden, dass Triggerwarnungen für die psychische Gesundheit schädlich sind. Es besteht zwar die Möglichkeit, dass die Warnung nur dazu führt, dass jemand sich mental darauf vorbereitet, was nun an Inhalten kommt, aber um das sicher zu stellen, müsste man die Triggerwarnung um die Information ergänzen, dass man das Thema trotzdem nicht vermeiden sollte.

Trotzdem ist eine Unterscheidung sehr wichtig: Trigger nicht zu vermeiden ist noch lange keine Exposition. Eine Exposition ist im Fall vieler emotionaler Störungen — wozu auch Angst- und einige Traumafolgestörungen gehören — eine sehr wirksame therapeutische Intervention, bei der sich die Patienten gezielt traumatischen Reizen aussetzen, bis die Reize an Wirkung verlieren. Eine Exposition sollte unbedingt nur in Rahmen einer Psychotherapie statt finden und auch da bitte nur bei ausgebildeten Psychotherapeuten oder Psychiatern und nicht bei Heilpraktikern. Expositionen sind wesentlich intensiver als bloß über ein heikles Thema nachzudenken oder sich einen Text dazu durchzulesen und benötigt einen geschützten Bereich, wie eben eine Psychotherapie. Das Gegenteil von Vermeidung wäre eher Annäherung. In kleinen Dosen kann sich einem traumatischen Reiz auch ausgesetzt werden, ohne in emotionale Schockzustände zu geraten. Dies bewirkt, wie uns die Forschung zur Vermeidung gezeigt hat, eher eine Art „Impfung“ gegen schmerzhafte Reize und sogar gegen spätere schwerere Symptome.

Das Wort „Trigger“ wird für Dinge missbraucht, die einfach unangenehm oder verletzend sind.

„Trigger“ sollte ein Begriff sein, der speziell für Auslösereize bei Traumafolgestörungen meint. Diese Auslösereize sind oft unspezifisch, das heißt, ein Kriegsveteran wird nicht unbedingt durch Bilder von Waffen oder Texte über Krieg getriggert, sondern durch bestimmte Gesprächsfetzen, Gerüche, ein bestimmtes Datum, eine Person. Es geht also um für Außenstehende relativ neutrale Reize, die aber so im Gedächtnis abgespeichert wurden, dass sie damit in Verbindung gebracht werden. Es gibt eine unendliche Anzahl möglicher Trigger und es ist schlicht unmöglich, Betroffene von Traumafolgestörungen davor zu warnen und selbst wenn das möglich wäre, wäre das eine Form von Vermeidung und damit psychisch schädlich. Der Begriff „Trigger“ wird aber von Verfechtern des Konzepts der „Triggerwarnung“ nicht nur für traumatische Reize benutzt, sondern auch für politische und ideologische Inhalte. So zählte am als politisch links geltenden Oberlin College folgendes als Trigger: Rassismus, Klassismus, Sexismus, Heterosexismus, Cissexismus, Ableismus, sowie andere Formen von Privilegien und Unterdrückung. Bis heute werden dort solche Themen sprachlich mit klinisch bedeutsamen Auslösereizen gleichgesetzt. So schlimm es aber sein mag, von Rassismus betroffen zu sein, so wenig hat es mit einer Traumafolgestörung zu tun, wie man darauf reagiert. Dass bestimmte Wörter und Formulierungen stärkere Gefühle als andere hervorrufen: geschenkt. Nur wie sieht eine Welt aus, in der alle möglichen dieser angeblich „triggernden“ Formen von Diskriminierung verschwunden sind? Wer bestimmt vor allem, was diskriminierend und daher „triggernd“ ist? Meist sind es die Opfer selbst, denen die Definitionsmacht darüber zugesprochen wird. Treibt man dies auf die Spitze, besteht der öffentliche Raum nur noch aus Opfern, die vor jeweils anderen Opfern ihre Diskriminierungen aufzählen.

Wenn sie zu viel Aufmerksamkeit bekommen, werden „Trigger“ und andere Verletzlichkeiten zum Bestandteil der eigenen Identität.

Das scheint besonders in linken politischen Gruppen postmoderner Prägung der Fall zu sein. Ich bekam nach meinen Tweets aus der Richtung eine Menge Gegenwind. Vermutlich liegt es daran, dass in diesen Gruppen viel Wert auf Autonomie von Strukturen gelegt wird, die als „hegemonial“ gelten. Dazu gehört die Wissenschaft und auch die Psychotherapie. Das ist schade, denn seit Foucaults Arbeiten über Psychiatrien hat sich auf dem Gebiet einiges getan. Gruppen, die es ehrlich mit Betroffenen traumatischer Ereignisse meinen, könnten vieles tun. Der humanste und — um es im Jargon zu sagen — „empowerndste“ Weg wäre es, sich darum zu bemühen, in einer Welt voll unkontrollierbarer Reize zurecht zu finden. Ja, die Welt ist ungerecht und voller diskriminierender Leute, die auch noch an Machtpositionen sitzen. Trotzdem bringt es nichts, jedes mal darüber zu lamentieren, dass man sich angegriffen oder diskriminiert fühlt und auch „safe spaces“ in denen sich alle ganz kuschelig zueinander verhalten und „Awareness“ praktizieren sind letztendlich eine Form von Vermeidung. Es ist ein frommer Wunsch, alle blöden Leute verändern zu wollen, aber man schafft es so nicht. Warum keine Selbsthilfegruppe gründen, in denen ganz grundlegende Formen psychischer Gesundheit eingeübt werden, statt Diskriminierungserlebnisse wie Sammelkarten auszutauschen? Ersteres liefert das nötige Rüstzeug für eine aktive Veränderung gesellschaftlicher Umstände, letzteres fördert eine Weltsicht, in der man selbst immer das Opfer ist, das der bösen gefährlichen Außenwelt fatal ausgeliefert ist — letztendlich die Perspektive eines Kleinkinds. Das sollte sich ändern, denn gerade die Menschen, die tatsächlich traumatische Erlebnisse hatten, leiden darunter, wenn das Trauma im Vordergrund steht oder gar identitätsstiftend wird. Eine aktuelle Studie konnte zeigen, dass allein dadurch, dass die Relevanz eines traumatischen Ereignisses reduziert wird, Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zurückgehen können. Nun ist die Frage, was den autonomen Gruppen wichtiger ist: die eigene Ideologie, oder die Gesundheit ihrer Angehörigen?

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