Warum psychische Gesundheit mit politischer Radikalisierung zusammen hängt

Foto von Liz Spikol

Vor kurzem erschien ein Essay des Fernsehproduzenten Peter Pomerantsev, in dem er dafür argumentiert, dass wir im „Post-Wahrheitszeitalter“ oder im „postfaktischen Zeitalter“ leben. Dieses Zeitalter zeichnet sich dadurch aus, dass es in der Öffentlichkeit völlig egal ist, ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht. Die erfolgreichsten politischen Strömungen heutzutage seien explizit „postfaktisch“, denn sie wissen um dieses Zeitalter und seine Bedeutung. Dafür bringt er zutreffende Beispiele: Donald Trump fährt ganz ausgezeichnet damit, sich einfach Dinge auszudenken und sie bloß möglichst laut und pöbelnd vorzutragen. Putin verfährt nicht anders, nur gibt er dabei den kühl taktierenden Geopolitiker, während er Armeen von Internettrollen beschäftigt, die die Kommentarspalten mit seiner politischen Agenda vollspammen. Auch bei der Brexit-Bewegung ging es kaum um nachvollziehbare Tatsachen und die Versprechen derer, die den Ausstieg wollten (350 Mrd. £ eingesparte EU-Zahlungen für die Krankenversicherung) entbehrten jeder Grundlage.

All das passiert, Technologie sei dank, in rasender Geschwindigkeit. Während es zeitaufwändig ist, Behauptungen zu prüfen, ist es leicht, Lügen und Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen. Diese werden schon allein deswegen gerne geglaubt, weil die Realität sehr unangenehm ist. Die globale Wirtschaftslage ist unstabil, alte Autoritäten, auf die man sich noch verlassen konnte, erodieren immer mehr und geben sich bereitwillig den abstrakten Kräften der „Märkte“ hin. Die so genannten „Mainstream-Medien“ gehören ebenfalls zu diesen Autoritäten. Sie hatten den Anspruch, objektiv und sachlich zu berichten, doch dieser Anspruch ist im „postfaktischen Zeitalter“ längst überholt. Überall, wo gegenrationale Bewegungen Fuß fassen, werden Medien und dazugehörige Journalisten zum Ziel von Angriffen- egal ob es um Trumps „lamestream media“, die „Lügenpresse“ von AfD und Pegida oder die „zionistisch kontrollierten Medien“ der Pro-Erdogan-Bewegungen geht.

Dahinter steckt die Tendenz, Lüge und Wahrheit gleichzusetzen. Stattdessen wird behauptet, es gebe überhaupt gar keine Wahrheit, die sich von der Lüge abgrenzen könnte, weil es nur verschiedene Sichtweisen gibt, von denen keine absolut wahr sein kann. Das Weltbild dahinter, das man als „postmodernen Relativismus“ bezeichnen könnte, funktioniert so:

  • Die Realität wird durch Wissen erzeugt,
  • Wissen wird durch Macht erzeugt.
  • Wissen wird also durch Macht erzeugt,
  • die Realität wird folglich durch Macht erzeugt.

So formuliert es Maurizio Ferraris, einer der stärksten Kritiker dieses Weltbilds. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts sollte es die Menschen aus verkrusteten Weltsichten befreien, die ihnen von der Obrigkeit aufgezwungen wurden. Damals war es ein Thema für Philosophen und andere Geisteswissenschaftler. Heute haben deren ehemalige Studenten ihre Positionen in den Medien und der postmoderne Relativismus sorgt für das Gegenteil.

Verstand, Intellekt oder gar Vernunft sind demnach automatisch Ausdruck von Macht und Herrschaft, übrig bleibt nur das Gefühl, der Körper und die Meinung. Die Realität hingegen wird zum direkten Ausdruck von einer unterdrückenden Macht und damit verachtenswert, außerdem wird sie als beliebig formbar empfunden. Für den Wutbürger zählt nicht das bessere Argument, sondern sein gerechter Zorn und das Einstehen für seine Rechte mit seinem Körper auf der Straße. Arron Banks, der Gründer der Kampagne für den Brexit, formulierte es so:

„Die EU-Befürworter lieferten Fakten, Fakten, Fakten, Fakten, Fakten. So funktioniert das nicht. Man muss den Menschen auf der emotionalen Ebene abholen. Das steckt hinter Trumps Erfolg.“

Damit gibt er offen zu, dass es beim Brexit überhaupt nicht um das bessere Argument geht, sondern darum, möglichst viele Menschen in ihrem diffusen Gefühl aufzufangen. Der Umgang mit Pegida in Deutschland wird von der Forderung dominiert, deren „Gefühle ernst zu nehmen“. Es spielt dabei keine Rolle, ob Pegida gute Argumente hat und spätestens als Kathrin Oertel in Maybritt Illners Talkshow eingeladen wurde, dürfte jeder gemerkt haben, wie wenig Inhalte diese Bewegung vertritt. Es handelt sich lediglich um wütende Menschen auf der Straße. Pegida vertritt, ganz im Sinne der postmodernen Denkschule, Gefühl und Körper.

Der AfD-Parteiphilosoph Marc Jongen hat ein Lieblingsthema: den Thymos, eine Mischung aus Zorn, Wut und Empörung. Ihm fehlt in der Deutschen Politik vor allem dieser Thymos, während der Islamismus eine Bewegung mit sehr viel Thymos sei. Seine Strategie dürfte für seine Partei die Richtige sein. In der deutschen Politik wird Besonnenheit geschätzt und der Erfolg von Donald Trump, der mit wenig mehr als dem Hinausbrüllen von zusammenhangslosen Wortschwallen gut die Hälfte der USA hinter sich und sein nationalistisches Programm der Abschottung gebracht hat, macht neidisch. Der relative Misserfolg der Gefühlspolitiker dürfte mit dem sehr hohen Durchschnittsalter der Männer zusammenhängen, denn junge Männer waren schon immer der beste Motor für die Etablierung solcher Bewegungen. Gleiches gilt für Japan, doch die, so Marc Jongen, „können sich das leisten“.

Ich kann hier kein Patentrezept dafür liefern, wie man mit dem Verlust von Wahrheit und Vernunft umgehen sollte. Es fällt schwer, nicht in das allseitige Geschrei nach „Bildung, Bildung, Bildung“ einzustimmen und das wäre auch falsch, weil es kein Problem von Bildung ist. In den allermeisten Gesellschaften sind die Menschen von der Bildung her durchaus fähig, die Realität so wahrzunehmen, wie sie ist. Es ist aber eine andere Sache, diese auch zu akzeptieren und auszuhalten. Man muss daher früher ansetzen, nämlich bei der individuellen psychischen Ausstattung der Menschen, die sie letztendlich dazu befähigt, die Realität auszuhalten und so zu sehen, wie sie ist. Darum ist es wirklich bedauerlich, dass nach jedem Terroranschlag von islamistischer Seite nur über Asylpolitik, stärkere Grenzkontrollen und die „Willkommenskultur“ geredet wird, statt darüber, wie man so etwas von vorne herein verhindert.

Die wirksamere Alternative wäre, flächendeckend und insbesondere bei Risikogruppen, massiv in psychische Gesundheit zu investieren. Dabei geht es nicht darum, mehr Psychiatrien zu bauen, bessere Medikamente zu entwickeln, oder ähnliches, denn Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Krankheit. Es ist allerdings klar, dass Angstpädagogik, Lust- und Lebensfeindlichkeit sich schon sehr früh in der kindlichen Psyche graben. Darunter leiden alle Bereiche der psychischen Gesundheit:

  1. Ein grundlegendes Gefühl der Sicherheit in der Welt — das „Urvertrauen“ — kann sich nicht entwickeln, wenn ein Kind von Anfang an mit Angst und Scham erzogen wird.
  2. Das Gefühl, selbst Ziele verfolgen und erreichen zu können, wird untergraben, wenn man damit aufwächst, sowohl ein ewiges Opfer finsterer Mächte, als auch Teil einer „höherwertigen“ Gruppe zu sein.
  3. Das gleiche gilt für die Fähigkeit, sich selbst und andere realistisch zu betrachten, statt in „gut“ und „böse“ zu unterteilen.
  4. Der gesamte Bezug zur Realität leidet genau so unter diesem Schema.
  5. Ein realistisches Selbstbild und ein gesunder Selbstwert ebenfalls nicht. Nichts ist schädlicher dafür, als die Gewissheit, dass man die Verantwortung für die eigenen Defizite auf andere abschieben kann.
  6. Die Fähigkeit, Leid auszuhalten und trotzdem zurecht zu kommen entwickelt sich nicht, wenn jede Form des Vergnügens mit Scham und Verachtung belegt wird. Das gleiche gilt für die Fähigkeit, die ganze Bandbreite von Gefühlen erleben und souverän mit ihnen umgehen zu können.
  7. Wer das bei sich selbst nicht schafft, schafft es auch nicht bei anderen. Das Gegenüber als vollwertigen Menschen zu sehen, dessen Gedanken, Gefühle und Verhalten eigenständig funktionieren und nichts mit einem selbst zu tun haben müssen hängt stark damit zusammen.
  8. Vielfältige Strategien im Umgang mit Problemen werden nur in einer sicheren Umgebung gelernt. Eine als feindselig und hasserfüllt empfundene Welt begünstigt Verleugnung der Realität, Abspaltung unerwünschter Eigenschaften und ihre Projektion auf den „Feind“.
  9. Die Balance zwischen Eigenständigkeit und Verbundenheit mit anderen kann nicht erreicht werden, wenn ein Kind mit der Gewissheit aufwächst, dass es außerhalb der eigenen Gruppe nur Unheil gibt — egal ob es um die Glaubensgemeinschaft, die deutsche Rasse oder die Familie geht. Psychisch gesunde Menschen können sich anderen tief verbunden fühlen und trotzdem Kraft daraus ziehen, eigenständig zu sein.
  10. Eine der größten Herausforderungen ist es, die Dinge, die man nicht ändern kann, auszuhalten. Der Tod kann unendlich traurig machen, Ungerechtigkeiten wütend, gesellschaftliche Krisen verunsichern und bauen Ängste auf. All das kann aber akzeptiert und durchlebt werden, statt es zu verleugnen oder auf andere zu projizieren.

Diese zehn Punkte sind keine „Wellness“. Es handelt sich um das, was einen psychisch gesunden Menschen ausmacht. Wenn man bedenkt, dass es gerade auch darum geht, Flüchtlinge, die aus unvorstellbar grausamen Verhältnissen geflohen sind, auf diesen Stand zu bringen, dann wird klar, dass das teuer wird. Auch die heimischen Fälle, die misshandelt, gemobbt und als überflüssig deklariert werden kommen dazu. Langfristig gesehen wird aber weder der Ausbau der Polizeipräsenz noch die lückenlose Überwachung aller Menschen dafür sorgen. Eine normal funktionierende Regierung würde alles daran setzen, diese Investitionen auf den Weg zu bringen. Doch wie normal kann eine Regierung sein, die sich aus einer Bevölkerung speist, die das Problem der psychischen Gesundheit immer noch nicht gelöst hat?

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