Nomen est Omen

Und wenn der Name Böses ahnen lässt, ändert man den Namen halt. 
Für Chinesen ist das gar nicht so ungewöhnlich.

Chinesische Eltern wählen den Namen ihres Kindes mit großer Sorgfalt und unter Einbeziehung der gesamten Verwandtschaft, Freunden, Bekannten und in einigen Fällen sogar unter Befragung von Astrologen aus. 
 Alle dieser namentlichen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotze kommt es nun hin und wieder vor, dass ein Mensch mit äußerst klangvollem Namen dennoch nicht den damit bezweckten Erfolg im Leben hat. Nun könnte man ja auch den Lebensstill des betreffenden Menschen analysieren und mögliche Unarten identifizieren um auf eine Änderung derselben hinzuarbeiten. Aber das ist westliches Denken. Im traditionellen chinesischen Denken wird Misserfolg häufig auf zwei viel tiefer liegenden Ursachen zurückgeführt: Entweder der Name oder das Geburtsdatum bringen Unglück! Also ändert man am besten eins von beiden (ist man vorbestraft, ändert man am besten beides, aber das ist bei uns ja ähnlich).

So erklärte mir eine Verkäuferin in einer meiner Lieblingsboutiquen eines Tages strahlend, sie habe ihren Namen geändert, da sie mit ihrem bisherigen Namen nur Pech in Shanghai gehabt hatte. Und daher sollte ich sie ab heute nicht mehr He Tian, sondern Xiao Yan nennen, der Name stehe jetzt auch in ihren offiziellen Papieren. Dann gab es da noch den Studenten, der aus genau diesem Grund sein Geburtsdatum geändert hatte, oder besser, hatte ändern lassen, und natürlich nur auf dem Papier. Der junge Mann stand an einem schönen morgen im Mai vor meinem Schreibtisch, nahm eifrig Geburtstagsgrüße über sein Mobiltelefon entgegen, und gab auf den Unterlagen ein Geburtsdatum irgendwann im August an. Auf meine Nachfrage hin erklärte mir als unwissender Ausländerin kopfschüttelnd, dass der August schließlich ein Glücksmonat sei und kein Mensch im Mai Geburtstag haben wollte. Wie legal solche Praktiken sind, wenn man keine Bestechung bezahlt, habe ich mich zu fragen getraut. Außerdem liegt mir das Glück meiner Mitmenschen wesentlich mehr am Herzen als schnöde Formalitäten.

Doch zurück zur Namensfindung: Im Chinesischen ist zum einen ist die phonetische Seite des Namens wichtig, zum anderen inhaltliche Assoziationen. Ich zum Beispiel heiße mit Nachnamen Borau. Das kann man auf Chinesische so nicht aussprechen, daher produzieren die Chinesen beim Versuch, meinen Namen zu wiederholen, etwas, das wie ‚Bu Hao‘ klingt. Und das bedeutet ‚nicht gut‘. Die Frau ‚Nichtgut‘ war nicht nur mir, sondern aufgrund der groben Unhöflichkeit der Anrede auch den Chinesen sehr unangenehm. Daher schrieb man meinen Nachnamen fortan in chinesischen Schriftzeichen als ‚Borang‘ , das irgendwie nach Meer und Wellen klingen sollte. Mein Vorname lautete ‚Kesiting‘. Diese Kombi war aber auch irgendwie doof, weil die meisten Chinesischen Namen zweisilbig sind. Dreisilben gelten schon beinahe als Luxus. Kesiting Borang glich daher fast einer Kurzmeldung im Shanghai Daily. Außerdem bekam ich die lange Abfolge komplizierte Schriftzeichen bei einer Restaurantreservierung auf meinen Namen sowieso nicht hin. Die Frage „Auf welchen Namen?“ war seitens der Chinesen zumeist von einem gequälten Blick begleitet. Man befürchtet bei meinem Anblick nicht zu Unrecht einen Namen, den man nicht aussprechen und schon gar nicht schreiben konnte. In solchen Fällen gab ich mich immer freundlich und praktisch als Frau Wang aus. Wang wird mit drei Querstrichen geschrieben, die durch einen horizontalen Strich verbunden sind. Das kriegt eigentlich jeder hin. Meine Antwort „Auf Frau Wang“ wurde immer mit einem skeptischen, aber doch dankbaren Blick quittiert.

Ich brütete aber weiterhin über einem passenden Namen für mich selbst. Meine Kolleginnen hatten schöne Namen wie Feng Jinjin, Wu Lingling, und Tang Lili. Doppelsilben in weiblichen Vornamen klingen goldig und sind sehr beliebt. Und da hatte ich eine zündende Idee: Da Nomen ja Omen ist, habe ich mir als chinesischen Namen in Anlehnung an die hohen, ranken chinesischen Pagoden ‚Ting Ting‘ ausgesucht. Ich bin nämlich gerade so ein Meter fünfzig groß und eher nicht so schmal, aber vielleicht bringt die Namensänderung ja auch bei Westlern etwas. Das alles war vor ca. 7 Jahren, seitdem warte ich geduldig auf ein Resultat. Traditionelle Chinesische Medizin wirkt ja schließlich auch nicht sofort.