Das Tor zum Orient
Wer sich mit Istanbul beschäftigt kommt nicht um diese Metapher herum, häufig im Zusammenhang mit der Bosporus Brücke, die Ost und West verbinden soll. In der alltäglichen Wirklichkeit Istanbuls findet man die Zeichen orientalischer Kultur jedoch meist nur noch in Souvenirshops oder anderen Touristenfallen, es sei denn, man sucht absichtlich die Überreste des längst vergangenen osmanischen Reiches auf. Eine gute Möglichkeit dazu bietet der Dolmabahce Palast, ein Prunkbau direkt am Bosporus, der sogar die Architekten und Bauherren von Versailles, Neuschwanstein und Schönbrunn vor Neid erblassen lässt. Da bewahrheitet sich, was Immobilienmakler seit Jahrzehnten predigen: das Wichtigste ist Lage, Lage, Lage!

Der Palast ist so groß, dass zwei separate Rundgänge möglich sind. Für die wissensdurstigen aber illiquiden Studenten wird ein Kombiticket zum Spottpreis angeboten. Zum einen kann der Selamlik besichtigt werden, der den offiziellen Teil des Palastes für Empfänge und politische Geschäfte beinhaltet, hierin befindet sich übrigens auch das Sterbebett des von den Türken bis heute verehrten Mustafa Kemal Atatürk. Den zweiten Teil stellt der Harem dar, Residenz der Familie. Beim Stichwort Harem werden die meisten von uns zunächst Bilder von einer großen Gruppe schöner Frauen sehen, die alle um einen Mann buhlen. So viele Frauen, die mit dem gleichen Mann schlafen wollen, klingt für mich nach einer sehr unangenehmen WG-Party. Tatsächlich sah die Realität etwas anders aus. Zwar wohnten im Harem in der Tat sämtliche Ehefrauen des Sultans, sowie die Kammermädchen und Bediensteten, aber auch alle weiteren Familienmitglieder und nicht zuletzt der Sultan selber. Es war also das private Pendant zum öffentlichen Selamlik.

(Der Unterschied zwischen den Kammermädchen und Ehefrauen ist im übrigen nahezu vernachlässigbar, lag er wohl weitestgehend in der Größe der Zimmer, die sie bewohnten, sowie der Rechte, die ihre Kinder haben würden.) Wenn diese Situation nicht schon unangenehm genug gewesen wäre, wurde das ganze überschattet von der Tatsache, dass der Chef im Harem die Mutter des Sultans war. Ich fasse zusammen: Mehrere Duzend Frauen wohnen in diesem einen Teil des Palastes, teilen sich einen Ehemann und müssen sich dann noch permanent von seiner Mutter die Regeln diktieren lassen. So schön (oder reich) kann der Mann gar nicht sein, dass man sich das antut… Der für mich jedoch beeindruckendste Raum des Harems war eine prunkvolle Schlafkammer, speziell eingerichtet für den Prinzen zur Erholung nach seiner Beschneidung. Detailliert erklärte mir der Audioguide Bedeutung und Tragweite dieser Zeremonie, welche Feste aus diesem Anlass gefeiert wurden und nicht zuletzt, dass der Prinz in einer prachtvollen Prozession durch die Stadt chauffiert wurde. Da kann man nur sagen: anderer Länder andere Sitten. Mein abschließendes Urteil: architektonisch und geschichtlich ist der Selamlik vielleicht interessanter, der Harem bietet aber wesentlich spannendere Einblicke in die damalige Lebenswirklichkeit.

Ein viel lebendigeres Relikt osmanischer Kultur erlebt man bei einem Besuch des Großen Bazars. Das 31.000 qm große Einkaufsviertel ist 5 Jahrhunderte alt, vollständig überdacht und bietet auf 66 Straßen und Gassen in 4.000 Geschäften alles, was man sich nur wünschen kann (vieles aber doppelt, dreifach… zehnfach). Selbst mein sonst so guter Orientierungssinn hat mich binnen kurzer Zeit verlassen, wobei ich zugeben muss, ich habe nicht ernsthaft versucht ihn zu behalten. Auf dem Bazar lässt man sich treiben, guckt was es zu gucken gibt und genießt die Atmosphäre. Unvergessen ist übrigens die Filmszene aus Skyfall, in der James Bond auf dem Dach des Bazars eine Verfolgungsjagd aufnimmt. So hörte ich einen englischen Touristen zusammen fassen: I was on the bazar, I saw the place where James Bond crashed through the roof, I can go home now. Viele der Händler versuchen mit verbaler Überzeugungskraft die Käufer in ihre Läden zu locken. Mein persönliches Highlight war :Hey Blondy, come, look! Besonders erstaunt haben mich die Teppichhändler, von denen ich mehrfach angesprochen wurde. Sehe ich wirklich so aus, als würde ich mit einem Teppich auf der Schulter den Bazar verlassen? Tatsächlich habe ich bei meinem ersten Besuch auf dem Großen Bazar von Istanbul keinerlei Geld gelassen, doch die Gasse mit den Stoffläden war durchaus reizvoll, sodass ich wiederkommen will … falls ich es denn finde.

