Ein erster Eindruck

Nach 24 Stunden in Istanbul ist mir eins schon jetzt klar: Es ist nie leise. Leise heißt auf türkisch sessiz, siz bedeutet ohne, ses ist das Geräusch. Den Zustand ohne Geräusch aber kennt wohl nur der Türke vom Land. Hier, in der größten Metropole der Türkei, passiert ununterbrochen etwas. Dazu zählt nicht nur der Lärm von Autos, Bussen und Straßenbahnen, oder der alle paar Stunden durch die Straßen schallende Gebetsruf der Moscheen. Händler bewerben ihre Produkte, Kinder spielen auf der Straße, Musik dringt aus den Geschäften, die Stadt lebt — 24 Stunden am Tag. Doch es gibt Rückzugsorte, kleinere Cafés, versteckt in Hinterhöfen oder auf Dächern geben die Möglichkeit zur Erholung und bei den aktuellen Preisen muss man auch nicht lange zögern, sich hier und da mal ein Getränk zu bestellen und eine kleine Pause einzulegen. Dabei lassen sich auch gleich die ersten türkisch Kenntnisse am lebenden Objekt testen. Leider stelle ich mich dabei nur bedingt erfolgreich an. Zwar werden meine Versuche wohlwollend von der einheimischen Bevölkerung wahrgenommen, meine offensichtlicher Mangel an Kompetenz führt aber schnell dazu, dass der entsprechende Kellner oder Barista sich not gedrungen dazu herablässt, englisch mit mir zu sprechen, obwohl auch diese Kommunikation teilweise nur auf sehr rudimentären Kenntnissen basiert. So wurde ich beim Frühstück mit einem höflichen “Go, Sit!” zu meinem Platz komplementiert. Ich muss allerdings zugeben, dass ich es den Menschen auch nicht eben leicht mache, wenn ich überzeugend falsches türkisch spreche. Erst im vierten Laden hat mich eine junge Bedienung milde schmunzelnd und in doch recht sicherem Englisch darauf hingewiesen, dass ich mich mit der Frage “saat kac?”, dabei mit dem Finger auf ein Fußkettchen zeigend, statt nach dem Preis nach der Uhrzeit erkundigte. Das zumindest erklärte die irritierenden Blicke und komplizierten Antworten in den Läden zuvor. Dass die türkische Sprache eine größere Herausforderung darstellt, als ich bis dato mir eingestanden hatte, machte auch der Einstufungstest in der Sprachschule deutlich. Bei den ersten 20% der Aufgaben hatte ich zumindest eine Idee, welche Grammatik hier abgefragt werden soll, ab dann habe ich wirklich nur noch geraten. Eingestuft wurde ich dann glücklicherweise in den A2 Kurs, der mich langfristig für kleinere Konversationen befähigen sollte. Wir werden sehen …. oder wie der Türke sagt Görüsürüz!

Ausklingen ließ ich den Tag dann bei einem kleine Spaziergang zur Galatabrücke mit Blick auf den Sonnenuntergang und einem Bummel durch die Läden des lebendigen Viertels rund um den Galataturm. Mit einbrechender Dunkelheit machte ich mich dann aber lieber auf den Heimweg, denn ganz so sicher fühle ich mich doch noch nicht alleine in Istanbul.
