Das Reformationsjubiläum wird mehr als eine Kirchenparty — das feiern wir 2017 wirklich

So endete der letzte Kirchentag in Stuttgart 2015.

Ein großer Kirchentag in Berlin. Sechs Kirchentage auf dem Weg in Mitteldeutschland. Eine Weltausstellung Reformation. Ein Europäischer Stationenweg. Konfi- und Jugendcamps. Ein großes Festwochenende mit Gottesdienst auf der Wiese vor den Toren Wittenbergs. Wir alle sind angefüllt mit Planungen, Meinungen, Überzeugungen, Abneigungen und Begeisterung für das Jahr 2017 und seine Projekte.

In der Evangelischen Kirche sehe ich für dieses 500. Reformationsjubiläum zwei Perspektiven: Die nach Innen und die nach Außen. Aber: Die Grenzen zwischen beiden sind fließend. Und genau da, wo sie sich am meisten verwirbeln, ist es am spannendsten.

Was meine ich damit? Wir würden uns in die Tasche lügen, wenn nicht gesagt werden könnte, dass dieses Jahr 2017 auch eine Gelegenheitsstruktur für die Selbstvergewisserung des Protestantismus, womöglich sogar des landeskirchlich organisierten Protestantismus ist. Wir müssen uns davor hüten, diesen Aspekt gering zu schätzen. Ich erlebe selbst in der allgemeinen Öffentlichkeit den Rechtfertigungsdruck, genau diesen Aspekt herunterzuspielen, der vielleicht nach „Kirchenparty“ und Selbstbeschäftigung riecht.

Identitätsvergewisserung und Reflexion

Aber erst, wenn es deutlich ist, dass 2017 auch ein Jahr der Selbstreflexion, der Identitätsvergewisserung ist, kann gesagt werden, was das Jahr 2017 für Andere bedeutet — für die katholische Kirche, für die säkulare Gesellschaft, für die Andersreligiösen. Wer sich des Protestantismus schämt, findet die Kraft nicht, die allen widerfährt, die in ihm glauben, um ein berühmtes Bibelzitat etwas umzuformulieren.

Wo aber dieses Sich-nicht-Schämen zurückführt in ein unzeitgemäßes Aufwärmen alter kontrovers-theologischer Positionierungen, scheint mir das ein wenig hilfreiches Mißverständnis zu sein. Als wäre die Religionsgeschichte Europas ein Sandkasten, in dem man wieder zum fröhlich buddelnden, mit Sand werfenden Kind werden kann. Die große Herausforderung, scheint mir, ist Identitätsvergewisserung bei gleichzeitiger aufgeklärter Reflexion über den Beitrag der Anderen zur Neuzeit und zur Moderne.

Die Herausforderung ist um so größer, weil wir nach den Traditionsabbrüchen leben. Wir müssen den Verlust von religiösem Wissen nicht mehr befürchten, er ist in weiten Teilen dieser Gesellschaft schon eingetreten.

Die Frage „Was feiern wir 2017?“ verschärft sich angesichts einer Öffentlichkeit, die von einer Kenntnis der Religionen zunehmend ungetrübt ist und als Echtheitstest für Religion nur ihre fundamentalistischen Mißbildungen akzeptiert.

Fast folgerichtig ist es, dass eine der Fragen, die mir in den letzten Wochen am häufigsten gestellt wurde, lautet: Wäre die Welt ohne Religion nicht eine bessere? JA oder NEIN? Protestantische Identitätsvergewisserung im Angesicht einer „entgleisenden Säkularisierung“ (Jürgen Habermas) und einer öffentlichkeitswirksam und weltweit operierenden Fundamentalisierung von Religion — das ist keine kleine Herausforderung.

Was, also, feiern wir?

Der Text, den jeder lesen sollte

Ich möchte vor allem auf einen Text verweisen, den der Leitungskreis Reformationsjubiläum verabschiedet und den eine ökumenische Arbeitsgruppe verfasst hat. Soweit ich sehe, ist er das kompakteste Papier, das einen nicht hegemonialen Anspruch auf die Interpretation des Reformationsjubiläums erhebt. Ich wünsche mir, dass dieser Text zur Kenntnis genommen und verbreitet wird, in welchem Format auch immer.

Darin heißt es:

Luther hoffte, die Kirche neu zu orientieren. Stattdessen wurden seine Thesen zum Auslöser und Symbol eines breit gefächerten Prozesses, im Laufe dessen die evangelischen Kirchen entstanden.

Luther ist ein Symbol, keine Gründer- oder Heldenfigur, die durch häufiges Zitieren an Größe gewinnt.

Und weiter:

Die Reformation ist ein Teil der Freiheitsgeschichte der Neuzeit. Die Reformatoren betonten die persönliche und unmittelbare Verantwortung vor Gott und die Rechtfertigung allein aus Glauben. Diese Gedanken waren bahnbrechend. Ihr Freiheitsgedanke revolutionär. Gleichwohl gingen davon aber auch unversöhnlicher Konfessionalismus, Antijudaismus, religiöser Fanatismus, Gewaltherschaft und eine sich anbahnende Überhöhung des Individuums aus.

Eine nachdenkliche Einordnung, die das Feiern ebenso zulässt wie das „Healing of Memories“, den Versöhnungsprozess unter Christen und zwischen Religionen.

Der Schlusssatz des Papiers lautet:

Das reformatorische Erbe leistet als Freiheits- und Versöhnungskraft einen wesentlichen Beitrag für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für den europäischen Einigungsprozess und für einen gerechten Frieden in der einen globalisierten Welt. Im Reformationssommer 2017 werden sich die Kirchen, die von diesem Erbe geprägt sind, neu und öffentlich darauf besinnen und darüber ins Gespräch kommen mit allen, die Verantwortung für die Zukunft übernehmen.

Wir feiern die Freiheits- und Versöhnungskraft, die das Erbe des Protestantismus auch ausstrahlt, ausgestrahlt hat und ausstrahlen wird.

Vom Gedanken einer Freiheits- und Versöhnungskraft erschließt sich der Gedanke eines Christusfestes. Dieser Gedanke wandert nach meiner Beobachtung langsam auch in den römisch-katholischen 2017-Diskurs ein. Er löst das pure Gedenken ab, setzt dafür aber Kreativität für Gemeinsames frei. Und das ist definitiv etwas, was wir feiern sollten.

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