Veranstaltung “Wie Christen und Muslime zusammen leben” auf dem Kirchentag in Stuttgart 2015

Haltung zeigen bedeutet, nicht in der eigenen Filter-Bubble zu bleiben — aber nur, wenn wirklich das kritische Gespräch gesucht wird

Geschichte wiederholt sich nicht. Jede Konstellation ist einzigartig. Gesellschaftliche Entwicklungen sind kontingent. Aber jede Generation lebt aus den Erfahrungen der vorangegangenen. Der Kirchentag lebt von den Einsichten einer Generation, die einer völkisch-schwärmerischen Aufbruchsstimmung zugestimmt, wenn nicht sogar zugejubelt hat, später aber zu der schmerzvollen und einschneidenden Erkenntnis durchgedrungen ist, dass der Glauben an Jesus Christus mit einer gleichgeschalteten Volksgemeinschaft, die Andere ausgrenzt und auslöscht, nicht zu vereinbaren ist.

An der Demokratie, in der wir leben, haben auch die Kirchentage Anteil in ihrer Auseinandersetzung mit dem deutschnationalen Denken. Die Kirchentagsbewegung ist im Ringen um Positionen und durch Konflikte zu Haltungen gelangt, die heute von vielen geteilt werden — die Selbstverständlichkeit, Demokratie mitzugestalten; die Akzeptanz von Parteien als Akteuren der demokratischen Willensbildung; die Gleichberechtigung von Männern und Frauen; das Einfordern von gleichen Rechten für Homosexuelle; die Optionen für Gewaltfreiheit und für die Bewahrung einer bedrohten Schöpfung.

Weltoffen und dialogbereit

Die Ökumene, die internationale Dimension des Kirchentages führte weg vom nationalprotestantischen Denken hin zu einer weltoffenen und dialogbereiten Christenheit. Für die vergangenen zehn Jahre ist die Einsicht zu nennen, dass religiös verankerte Menschen sich nicht gegenseitig bekämpfen, sondern im Anerkennen einer höheren Wahrheit ein gemeinsames Anliegen teilen.

So etwa wäre zu beschreiben, was eine Präsidiumsgruppe in den 1980er Jahren als „gewachsene Positionen“ beschrieben hat. Wir können das Gewachsene auch einfach Haltung nennen. Eine Haltung hilft, durch Zeiten der Verunsicherung zu kommen. Eine Haltung schließt ein, dass Andersdenkende nicht ausgeschlossen werden — das wäre Fundamentalismus oder Aufenthalt in der eigenen „Filter-Bubble“ (Eli Pariser). Die Präsidiumsarbeitsgruppe in den 1980ern hat das so zu Papier gebracht: Jeder Widerspruch, der das kritische Gespräch sucht, muss seinen Platz im Kirchentag behalten.

Keine Propaganda-Plattform

Grenzziehungen werden daher eher dadurch vorgenommen, dass eine von außen aufgerichtete Grenze akzeptiert werden muss, als durch aktive Ausgrenzung Andersdenkender. Der Kirchentag würde den Charakter eines kontroversen Forums verleugnen, wenn er von sich aus das Gespräch abbräche. Gesprächsbereitschaft bedeutete nicht, den Kirchentag als Plattform zur Propagierung von Auffassungen benutzen zu dürfen, die mit dem vorausgesetzten gemeinsamen Bezugsrahmen oder den gewachsenen Positionen unvereinbar sind.

Meinungen, die mit geschlossenen Weltbildern hantieren, angereichert mit Versatzstücken aus dem menschen- und demokratieverachtenden Vokabular aus der deutschen Vergangenheit und aus gegenwärtigem Denken, suchen nicht das „kritische Gespräch“, sondern lediglich die „Plattform zur Propagierung“ eigener Auffassungen. Im Umgang mit ihnen ist vor allem eines wichtig: Haltung. Die gewachsenen Positionen des Kirchentages sind keine Diktate irgendeines Zeitgeistes, sondern wurzeln vor allem in der Erfahrung einer Generation, deren Geschichte sich nicht wiederholen wird.

Dieser Beitrag erscheint Ende September in “Der Kirchentag — Das Magazin” Ausgabe 3/2016.