Ich bin vor rund vier Jahren komplett auf das digitale Schreiben umgestiegen. Zuvor habe ich seit meinem 17sten Lebensjahr handschriftlich viele Seiten Tagebuch vollgeschrieben. Der analoge Schreibprozess als solcher ist ein emotionaler Vorgang gewesen, besonders wenn ich bei Kerzenlicht geschrieben habe.
Das ist mit einem Rechner oder iPad sicher etwas völlig anderes. Einmal habe ich durch eine Kerze sogar mein Notebook zerstört, weil ich sich in einem Restaurant die Flamme von der Rückseite meines Notebooks nach vorne durchgefressen hat, während ich konzentriert geschrieben habe..Eine Erleuchtung der anderen Art, die zu anderen Emotionen führte.
Seit dem 1.1.16 schreibe ich jeden Tag etwas in mein digitales Tagebuch und erreiche damit im Prinzip dieselbe Tiefe und Emotionalität, die sich auf analogem Weg einstellt. Das Handschriftliche ist eine Kulturtechnik, die sich uns eingeprägt hat. Doch nichts anderes ist das Tippen selbst auch. Je länger ich mich bei einer Recherche mit einem Thema auseinandersetze und dann in einem Flow darüber schreibe, desto weiter komme ich mit dem Schreiben. Das geht oft genug über das analoge Schreiben hinaus.Wer nur auf Copy & Paste setzt, sich ein Thema nicht wirklich erarbeitet, wie Du auch schreibst, liebe Claudia, kann natürlich nicht erwarten, eine Art Deep Thinking zu erlangen.
Einen gewaltigen Vorteil hat das digitale Schreiben ohnehin: Ich kann meine Schrift sofort lesen; mein analoges Schriftbild ist frühzeitig der Tatsache zum Opfer gefallen, dass ich als kleines Kind zwangsweise vom Linkshänder zum Rechtshänder umerzogen worden bin. Ich finde es toll, Texte, die ich geschrieben habe, über längere Zeiträumen wiederfinden zu können. Eine analoge Suche ist etwas mühseliger. Bei weit über 15.000 Seiten Tagebuch ein unmögliches Unterfangen…
