Networking: 150 Freunde sind (nicht) genug

Im Internet sind wir uns nah. Einige Klicks genügen oft, um ein Profil eines Menschen aufzurufen. Digitale Distanzen gibt es nicht wirklich. Wir können problemlos einander in Digitalien beobachten und verfolgen. Deshalb erhalten wir zahllose Kontaktanfragen via Facebook, Xing und LinkedIn und nehmen viele an. Denn ein gutes Netzwerk schadet nicht. Für den einen oder anderen mag das verwirrend sein. Falls Sie auf Facebook noch nicht mein “Freund” sind, ist das völlig in Ordnung. Wir können das jederzeit ändern. Etwas mehr Distanz behalten Sie gefühlt auf Twitter, wo Sie mir gerne ohne jegliche Verpflichtungen folgen können.
Eine Aufforderung, eine Freundschaft auf digitale Weise zu schließen, klingt merkwürdig und ist es auch, weil wir uns gar nicht kennen und es oft keinerlei vertrauensvolle Beziehung zwischen Ihnen als Leser und mir als Autor gibt. Daran zeigt sich, wie wenig der Freundschaftsbegriff in Digitalien passt. Es wirkt befremdlich, wenn jemand wie ich mehr als 4.500 Freunde auf Facebook hat. Doch das kann Vorteile haben. Entscheidend ist hierbei nicht die Zahl unserer Kontakte, sondern deren Intensität. Wenn Sie Ihr Profil nicht aktiv nutzen, profiteren Sie kaum davon.
Wir können nur rund 150 Kontakte intensiv pflegen
In Social Media ist es sehr leicht, viele Kontakte aufzubauen. Wir haben Hunderte oder Tausende Menschen, die wir in unserem digitalen Netzwerk erreichen können, dennoch haben wir in der Regel nur zu sehr wenigen einen engen Draht. Wir entwickeln soziale Beziehungen, indem wir regelmäßig unsere Kontakte pflegen, uns in Erinnerung bringen und anderen helfen — und nicht etwa, indem wir Fotos unserem Profil als Kontakte hinzufügen. Auf Facebook, LinkedIn und Xing ist es üblich geworden, Menschen einfach so hinzuzufügen, ohne dass es einer Nachricht bedarf. Das ist eine Unsitte, die von den Netzwerken durch Automatismen unterstützt wird. Selbst auf Facebook oder Twitter interagieren wir nur mit einer überschaubaren Zahl unserer Kontakte regelmäßig. Das liegt nicht zuletzt an unserer begrenzten Zeit.
Laut Robin Dunbar liegt die typische Anzahl der Freunde bei rund 150. Davon sind nur wenige intime und enge Freunde. Auf den Experten für menschliche Netzwerke geht die sogenannte Dunbar-Zahl 150 zurück, die einen Zusammenhang zwischen unserem Gehirnvolumen und der Größe einer Gruppe herstellt. Mehr Kontakte können wir meistens nicht pflegen.
Dabei sind gute Kontakte das A und O in der Wirtschaft. Davon können wir eigentlich nicht genug haben. Nie zuvor war es so leicht wie heute, seine Businesskontakte mit wenig Aufwand zu pflegen. Kein Wunder, dass die Zahl der Social Networker auf diversen Online-Plattformen sehr schnell steigt. Sie gehen ins Internet, um sich mit ihren Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern zu verbinden.
Networker lieben Menschen und werden Messies
Jeder Mensch hat gerne (viele) Freunde. Verlieren wollen wir diese nicht. Deshalb werden es im Laufe der Zeit immer mehr Kontakte in unseren Social Networks. Zu den wenigsten pflegen wir unsere Beziehung. An einen digitalen Abschied denken wir dabei trotzdem eher selten, da diese Form der digitalen Hygiene doch sehr aufwendig ist.
Im Offline-Leben verabschieden wir uns selten von Freunden, wir lassen Freundschaft aufgrund eines Job-, Interessens- oder Ortswechsels (oftmals unbewusst) auslaufen. Wann haben Sie im Erwachsenenalter jemals einem Freund oder einer Freundin gesagt: „Du bist nicht mehr mein Freund!“
Deshalb werden viele Networker nach einer Weile zu einem digitalen Messi. Jeder neue Freund ist wie eine Kerbe, die wir unserem Social Media Profil hinzufügen. Auf dem ersten Blick zahlen diese digitalen Verbindungen auf unsere Reputation ein. Die große Zahl wirkt eindrucksvoll und macht uns zu Promis. Über die Qualität unserer Beziehungen sagt das noch nicht viel aus. Aber die Zahl der Kontakte macht uns stolz, verführt zu einer gewissen Eitelkeit und stärkt unseren Narzissmus. Wir sind wer in Digitalien.
Entscheidend sind jedoch die realen Interaktionen mit unseren Kontakten auf den diversen Plattform und auf Veranstaltungen wie der re:publica (siehe Bilder). Was zählt, ist die gelebte Beziehung, die nach außen gar nicht immer sichtbar sein muss. Es gibt keine sich selbst pflegenden Adressbücher, die uns dadurch wertvoller machen, dass sie vorhanden sind. Ein Kontakt hat keinen Wert, wenn ich ihn nicht lebe und hin und wieder auf andere zugehe. Manchmal genügen dazu schon Likes und Retweets. Eine erste E-Mail zur Vorstellung bewegt viel, wenn wir vorher jemanden nicht kennengelernt haben. Aber selbst Begegnungen auf Events sind ein guter Einstieg ins digitale Networking. Allerdings sollte man dann auch darauf verweisen und nicht nur ein Profil seiner Sammlung hinzufügen. Nichtsdestotrotz können aus unseren losen Verbindungen sich großartige Chancen ergeben, weil wir ständig miteinander verbunden sind.

Vitamin B entsteht in Social Networks
Berufliche Netzwerke wie Xing und LinkedIn bieten jedem die Chance, echte Kontakte zu knüpfen und mit ihnen langfristig in Verbindung zu bleiben. Ein eigenes Profil in den etablierten Business-Netzwerken wie Xing und LinkedIn zu pflegen ist in vielen Branchen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Mit Narzissmus und einem Drang zur Selbstdarstellung hat das wenig zu tun, aber durchaus mit Personal Branding. Wir machen uns wiedererkennbar. Ein Netzwerk-Profil ist eher ein erster praktischer Anlaufpunkt, um sich auszutauschen und das Adressbuch stets aktuell zu halten. Denn die eigenen Kontakte sorgen stets für die richtigen Daten. Das spart viel Zeit. Deshalb wundert es auch nicht, dass die Zahl der Kontakte beim einzelnen Xing-Mitglied im Durchschnitt längst über 200 liegt. Im deutschsprachigen Raum ist Xing das führende Businessnetwork, es hat weltweit rund 10,6 Millionen Mitglieder.

LinkedIn ist mit rund 433 Millionen Mitgliedern der globale Marktführer der Business-Networks. Über das eigene Profil können bei Xing wie bei LinkedIn wichtige Informationen wie Referenzen und Kompetenzen sowie weitere Online-Profile und -Inhalte präsentiert werden. Die Nutzerprofile sind für Suchmaschinen optimiert und landen meist unter den ersten Google-Suchergebnissen. Wer beruflich eher international orientiert ist, fühlt sich auf LinkedIn besser aufgehoben als auf Xing, weil letzteres im deutschsprachigen Raum dominiert.

Durch Content eigene Anreize für den Kontakt schaffen
Wer nur passiv Mitglied in einem Social Network ist, wird es vielleicht als Adressmanagement-System wunderbar verwenden können, verzichtet aber gleichzeitig auf den Mehrwert, den Xing, LinkedIn, Twitter, Facebook und co. für den Businesskontakt bieten können. Wer keine Inhalte auf den Netzwerken teilt, profitiert nur mäßig von seiner digitalen Dependance. Es wird erst spannend, wenn Sie selbst außerhalb Ihrer Profilpflege auch noch Zeit für das Teilen von Inhalten oder sogar für das Publizieren auf den Plattformen investieren.
Seit einigen Wochen bin ich einer der „Branchen-Insider“ auf Xing. Dort bin ich zurzeit einer von etwa 70 ausgewählten Experten, die in dem blogähnlichen Publishingformat Beiträge und Artikel direkt veröffentlichen können. Meine Beiträge zu Content Marketing, Reputation etc. erscheinen unmittelbar auf meinem Profil und sind für alle meine Kontakte im Feed oder sind auf meinem Profil sichtbar.

In meinem zweiten Beitrag bin ich auf das Thema Bots und Content Marketing eingegangen. Innerhalb von rund einer Woche erzielte mein Artikel rund 16.000 Zugriffe, was für mich ein gutes Ergebnis ist. Viel bedeutender waren jedoch die Anfragen, die daraus resultierten. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Zahl meiner Kontakte auf Xing um einige Hundert. Einige Anfragen zu Vorträgen lassen sich zudem direkt auf meinen Beitrag zurückführen. Die Xing-Redaktion entscheidet auf ihrer Plattform mit darüber, ob ein Beitrag erfolgreich ist oder nicht. Sie kann ihn durch eine Integration in den gut funktionierenden Newslettern sehr gut unterstützen.
Nur wer selbst schreibt und seine Inhalte auf den adäquaten Plattformen veröffentlicht, profitiert von den Netzwerkeffekten. Als Branchen-Insider erhalten bislang nur wenige auf Xing eine Art Blogging-Tool, um darüber Beiträge mit Bildern, Grafiken und Videos versehen. Etwas Vergleichbares bietet LinkedIn schon länger an. Seit September 2015 kann jedes LinkedIn-Mitglied neben den Status-Updates auch Artikel auf der Plattform veröffentlichen.
Verzichten Sie jedoch auf eine aktive Nutzung ihrer Profile, müssen Sie abwarten, ob jemand ohne jeglichen Anreiz auf Ihren digitalen Auftritt reagiert. Oft reicht das jedoch nicht aus. Erst attraktive Inhalte machen Ihr Profil auf dem Network Ihrer Wahl für Dritte attraktiv. Bisher nutzen nur sehr wenige Mitglieder in den Networks diese Chance. Falls Sie ein Netzwerk aufbauen wollen, sollten Sie Ihre Businesspartner ernst nehmen und den aktiven Dialog mit ihnen suchen. Wer selbst auf kleinem Niveau nichts macht, ist kein Networker und hat fast nichts von seinen vielen Kontakten. Das reduziert uns dann wirklich auf digitale Messies.
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