Wenn Tsu und Ello sich um Nutzer streiten

Wie Networks sich rund um das Thema Anzeigen positionieren

Auf der Suche nach dem digitalen Utopia jenseits vom Bekannten habe ich einen Blick auf Ello und Tsu riskiert und dort einige Zeit verbracht. Dem Neuen eine Chance gegeben. Verlassen habe ich die Neuländer (noch) nicht, wer weiß, wie sie sich noch entwickeln? Eine gewisse Neugierde mag ich nicht verhehlen. Es gibt die beiden Networks seit einigen Wochen und Monaten. Während Ello persönlich und menschlich sein will, zählt auf Tsu allein das Geld .

Keiner weiß, wie lange Ello oder Tsu jeweils überleben werden. Aber es ist eine spannende Übung, beide extremen Welten näher zu betrachten. In der Art und Weise ihrer Vermarktung unterscheiden Ello und Tsu sich drastisch voneinander. In gewisser Weise wirken beide digitale Player wie das Gute und das Böse. Oder sind Schwarz-Weiß. Es sind absolute Gegensätze. Zentral ist auf beiden Plattformen das Thema Anzeigen sowie die Abgrenzung von Facebook.

Ello will keine und Tsu möglichst viele Anzeigen

Ello will komplett auf Anzeigen verzichten und hat dazu sogar eigens ein Manifest publiziert:

“Your social network is owned by advertisers.
Every post you share, every friend you make, and every link you follow is tracked, recorded, and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold.
We believe there is a better way. We believe in audacity. We believe in beauty, simplicity, and transparency. We believe that the people who make things and the people who use them should be in partnership.
We believe a social network can be a tool for empowerment. Not a tool to deceive, coerce, and manipulate — but a place to connect, create, and celebrate life. You are not a product.”

Hoffentlich ist Ello wenigstens ein Produkt, welches seine Nutzer — und nicht nur Geldgeber — findet. Denn auf der Einnahmeseite sieht es ohne große Erlösquellen mau aus. Besonders attraktiv wirkt die eher spartanische Plattform noch nicht. Ello bietet bisher erst wenige Funktionalitäten an, die nach und nach ausgebaut werden. So kann jeder Elloist kurze wie lange Beiträge posten und andere Beiträge kommentieren. Die Bilder werden großformatig angezeigt. Die Texte sind auf Ello eher länger. Im Vergleich zu Facebook oder Google+ halten sich die Kommentare jedoch auf Ello bislang in Grenzen.

Auf Tsu werden wir hingegen sogar dafür bezahlt, unsere Postings öffentlich zu teilen. Tsu will nur 10 Prozent der durch Anzeigen generierten Einnahmen für sich verwenden, der Rest soll an seine Mitglieder ausgeschüttet werden. Das klingt erst einmal nach einem Content-Paradies, indem wir wirklich an unserer Content-Arbeit teilhaben können. Demgegenüber profitieren andere Networks wie Facebook von unseren Daten und verkaufen in Eigenregie Werbung.

Je mehr Content wir auf Tsu publizieren, je mehr wir dort auf Content Curation setzen, desto mehr Anteil nehmen wir an den Einnahmen auf Tsu. Nur so richtig reich werden damit nur ganz wenige, wenn man den Berechnungen glauben darf. Die Auszahlung erfolgt ohnehin erst ab einer gewissen Höhe. Es klingt beinahe nach einem Pilotenspiel, indem nur ganz wenige die Gewinner sind:

“If there are 100 members and they split 100$ of total revenue for the day, everyone gets 1$. When there are 100 million members there likely wont be 100 million dollars in revenue. You will be getting less than $1. Each user, each person invites will “weaken” the worth of the network causing eventually people to make fractions of a penny.” (Amandablain)

Ello verzichtet hingegen (bislang) komplett auf Anzeigen, findet aber großen Zuspruch in den Medien, weil es zumindest behauptet, seine Nutzerschaft nicht “verkaufen” zu wollen. Die Daten sollen dem jeweiligen Mitglied des Networks gehören. Auf Werbung will Ello verzichten. Wie sich das Network refinanziert, scheint bisher keinen großen Stellenwert zu haben. Dafür gibt es immerhin erste Investoren und einen gewissen Medienhype, der Ello viele Nutzer zugeführt hat, darunter meine Wenigkeit:

Herrscht auf Ello eine digitale Friedhofsruhe?

Dennoch ist es inzwischen etwas ruhiger auf dieser Plattform geworden. Gerade einmal 25 Elloisten haben in meiner kleinen Community am 28.10.14 einen eigenen Beitrag gepostet — von 368 Personen, denen ich folge. Die Aktivität ist massiv zurückgegangen, nachdem die ersten Onliner Ello ausprobiert haben und vielleicht noch nichts Neues darin sehen konnten. Es fehlt die Stickiness. Niemand scheint so richtig zu wissen, warum er wieder kommen und dort aktiv werden sollte.

Leider bringt es Herbert Braun auf Heise.de auf den Punkt:

“Das Aufregendste an Ello ist wahrscheinlich der Satz auf der Startseite: “Ello is invite only.” Sobald dieser Zauber verflogen ist, dürfte nicht viel übrig bleiben vom Social Herbsthype 2014 – im besten Fall ein kleineres Netzwerk, das sich langfristig in einer Nische etablieren kann. Losgelöst von seinem Hype ist Ello ein netter kleiner Dienst mit sympathischen Ideen, der zu früh zu groß wurde.”
Nach Ello kam dann noch Tsu

Warum sollen wir Ello nutzen, wenn es Tsu gibt? Unsere Aufmerksamkeit schenken wir gerne und schnell dem Neuen. Nun es gibt jedoch markante Unterschiede, ohne auf Ello und Tsu im Detail eingehen zu wollen.

“Was spricht für und was gegen eine #Tsu-Nutzung?” habe ich vor kurzem auf Tsu gepostet. Immerhin werden wir dafür auch bezahlt. Leider lockt das auch andere in das digitale Network: Innerhalb von wenigen Minuten erhielt ich nach meinem obigen Posting eine klare Ansage von einem Spammer:

“Life’is Beautiful Hello! Please follow me+Add me! I like you, like me post I will back it http://www.tsu.co/tsubeautiful

In dieser Geschwindigkeit bin ich auf noch keiner Plattform von Spam-Accounts eingeholt worden. Zwar kann ich jederzeit einzelne Kommentare löschen. Doch der Aufwand dürfte für die meisten Menschen und Marken zuviel des Guten sein. Wenn Tsu derlei Dinge nicht in den Griff bekommt, dürfte das neue Netzwork schon bald wieder seine Nutzerschaft verspielen.

Je schlechter der Content, desto schneller verlieren wir die Lust auf eine Tsu-Welt, die zwar kunterbunt und technologisch vom Feinsten daher kommt, dafür aber unliebsame digitale Gesellen anlockt. Besonders ausgeprägt scheinen die Schutzmechanismen nicht zu sein. Ganz anders als auf Facebook ist dem Un-Content Tor und Tür geöffnet. Tsu wirkt anders als Ello — dem man einiges unterstellt hat — ziemlich regellos.

Zu viele Social Media Plattformen?

Manche Onliner stellen sich zurecht die Frage, wie viele Networks können wir überhaupt bedienen? Ist noch Platz zwischen Twitter, Facebook, Xing, LinkedIn, Instagram, Pinterest und Google+? Gibt es nicht eine gewisse digitale Sättigung, die erreicht ist oder verlieren wir irgendwann ganz die Lust auf die Shareconomy und ziehen uns in die kleinen Welten von Snapchat und Whatsapp zurück, in der wir unsere Familien, Bekanntschaften und sonstigen Verbindungen (Tribes) im kleinen pflegen können?

Ello oder Tsu — diese Frage entscheiden wir, indem wir uns für dafür entscheiden, auf einer dieser Newbies aktiv zu bleiben. Mir persönlich ist der Ansatz von Ello sehr sympathisch, zumal er weniger spambelastet ist, während Tsu einfach schöner und glatter ist und funktioniert. Keine leichte Wahl. Andererseits könnten diese Networks den Werk von Orkut, Myspace, Friendfeed, Google Wave, Secondlife und co. gehen…

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