Digitale Kirche, Gemeinde und IT: Zurück in die Zukunft

Wie alles begann

Als wir Ende der 1990er Jahre mit Hilfe von Schülern unsere erste Homepage für die Gemeinde erstellt haben, gab es noch keine Content-Management-Systeme wie WordPress, mit denen man seine Artikel im Netz veröffentlichen konnte.

Die jungen Leute schrieben unsere Webseite mit einem Texteditor. Der Inhalt wurde per E-Mail zugeliefert. Bilder manchmal noch auf Disketten. Später, als die Schüler lieber mehr Zeit für ihr Abitur investieren wollten, haben wir einen einfachen selbstgehosteten CMS-Container in die statische Webseite mit einem iFrame eingebaut. Nun konnten Gemeindemitglieder ohne HTML-Kenntnisse selbst Artikel für die Homepage schreiben.

Unsere Homepage wurde dadurch viel aktueller und inhaltlich interessanter. Graphisch nicht besonders anspruchsvoll. Aber wir waren stolz auf ansteigende Besucherzahlen, während andere Gemeinden noch nicht einmal mit einer Homepage angefangen hatten.

Mitte 2005 haben wir dann einen WYSIWYG Editor zum Einsatz gebracht. Der statische Teil unserer Webseite konnte nun auch ohne HTML-Kenntnisse weiterentwickelt und graphisch ansprechender gestaltet werden. Der CMS-Container lief unterdessen stabil und ohne großen Anpassungsbedarf weiter. Wir hatten alles unter Kontrolle mit unserem eigenen Webserver. Nicht perfekt mit Themes und durchgestyltem Design, aber eben unser eigener Stil. Eine interessante Seite mit mehreren hundert Beiträgen zu unserem aktiven und vielfältigen Gemeindeleben ist so entstanden.

Dann kamen die CMS-Monolithen

2015 hat das Internet-Team die Seite auf das von unserem Bistum angebotene Content-Management-System Direct CMS umgestellt. Anlass war die Fusion zu einer Großpfarrei. Gut ein Jahr später folgte dann bereits der Umstieg auf TYPO3 — das neue Bistums-CMS. Mit dem technischen Umstieg wurde auch eine gemeinsame Homepage für die fusionierte Pfarrgemeinde erstellt. Ein wichtiger Beitrag für das Zusammenwachsen der Gemeinden. Für das ehrenamtliche Internet-Team war das ein erheblicher einmaliger Aufwand, aber auch ein großer Erfolg. Die immense laufende Arbeit, die mit dem technischen Betrieb eines CMS-Monolithen wie TYPO3 verbunden ist, überlässt die Gemeinde den Systemadministratoren des Bistums.

Nun kommt die digitale Kirche — und schon haben wir ein Problem

Auf Twitter kann man unter dem Hashtag #digitalekirche einen Blick auf die Zukunft von Kirche und Internet werfen: Es geht (schon lange) nicht mehr nur um mehr Reichweite für Informationen zu Gottesdiensten und Kirchenveranstaltungen. In der digitalen Kirche finden sich neue Ausdrucksformen von Glauben und Gottesdienst — schneller, individueller, spontaner. Es geht um einen offenen Informations- und Meinungsaustausch nicht nur in eine Richtung, es geht um mehr Partizipation, um die Vereinfachung und mehr Transparenz von Prozessen. Wohin die Reise geht, ist noch unbekannt. Eins ist jedoch jetzt schon klar: mit den zentral bereitgestellten CMS-Monolithen wird sich eine Gemeinde vor Ort nicht erfolgreich den Herausforderungen stellen können. Jede Änderung oder Neubelegung aus dem Ideenraum der digitalen Kirche wäre — in unserem Fall — vom Bistum in TYPO3 einzubauen. Selbst wenn dieses zunächst technisch, zeitlich und finanziell darstellbar wäre (was zu bezweifeln ist), der Ausbau eines Monolithen wird schnell sehr komplex, ineffizient und irgendwann nicht mehr beherrschbar.

Auf eine Transformation der vom Bistum bereitgestellten IT für die digitale Kirche können wir als Gemeinde vermutlich lange warten. Lean Startups sind bei uns eher selten. Vielleicht führt der Weg wieder zurück in die kreative Pionierzeit aus unseren eigenen Anfängen. Dann aber nicht mit einem eigenen Ersatz-Monolithen vom Regen in die Traufe. Sondern mit einem orchestrierten Mix von kleinen Services. Und vielleicht kommt es dabei auch zu einer Renaissance der Desktop-Programme für statische Webseiten — im Verbund mit dropbox, Disqus etc. und etwas JavaScript. Und dann wären wir zurück in der Zukunft.

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