„Behinderung und Intelligenz sind für die meisten Menschen ein Widerspruch“

Schreiben Akademiker ihre Doktorarbeit, befinden sie sich auf einem anspruchsvollen Weg. Haben sie eine Behinderung, stoßen sie auf zusätzliche, hohe Hürden. Ein Projekt will die Bedingungen verbessern, damit mehr Akademiker mit Behinderung promovieren.

von Timo Klippstein


„Behinderung verbindet man häufig mit niedriger Qualifikation“, sagt Jana Bauer, Diplom-Psychologin an der Universität Köln. Behinderung — da denken viele Menschen an einfache, monotone Arbeit in Werkstätten. Akademiker dagegen haben die meisten nicht im Blick, erst recht nicht Studenten auf dem Weg zum Doktortitel. Dabei studieren inzwischen immer mehr Menschen mit Behinderung: Sieben Prozent aller Studenten haben eine Behinderung, so die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012), bei rund zwei Millionen Studierenden absolvieren — hochgerechnet — etwa 137.000 ihr Studium mit einer Beeinträchtigung.

„Alle beschäftigen sich zurzeit mit inklusiver Bildung und Förderschulen, aber die Förderung von Akademikern mit Schwerbehinderung ist noch ein Stiefkind“, erläutert Jana Bauer. Dies zu ändern und die Situation für Akademiker mit Behinderung zu verbessern, ist Ziel des Projekts „PROMI — Promotion inklusive“, das sie am Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation unter der Leitung von Professorin Dr. Mathilde Niehaus und Professor Dr. Thomas Kaul betreut. Mit Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales fördert das Projekt in drei Jahrgängen je 15 Promotionsstellen für Akademiker mit Schwerbehinderung. Entscheidend ist: Jede Stelle ist auf drei Jahre angelegt und — sozialversicherungspflichtig.

Damit sind die Promovierenden finanziell abgesichert (die Stellen sind mit einer halben TV-L 13-Stelle dotiert) und es besteht überdies ein Rechtsanspruch, zum Beispiel auf Rehabilitationsmaßnahmen oder Assistenzen. Persönliche Assistenten ermöglichen es Menschen mit Behinderung, ihren Tagesablauf weitgehend selbstbestimmt zu führen. Je nach individueller Situation unterstützen sie auch am Arbeitsplatz, fertigen also an der Uni zum Beispiel Mitschriften an, übersetzen Texte, bereiten Unterlagen vor, bedienen technische Geräte oder agieren als Vorleser für Menschen mit Sehbehinderung.

„Die Nachfrage für diese Promotionsstellen ist groß“, berichtet Jana Bauer über die Startphase des Projekts, „denn im Lebenslauf steht damit ein echtes Beschäftigungsverhältnis.“ Und der Lebenslauf ist wichtig. Das bestätigt Torsten Prenner von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) bei der Bundesagentur für Arbeit: „Die Einstiegschancen in den Arbeitsmarkt hängen von Studienrichtung, der gesundheitlichen Einschränkung, aber auch vom Lebenslauf ab. Beenden Bewerber mit Behinderung in der Regelstudienzeit ihr Studium, haben sie gute Chancen. Eine zu große Lücke zwischen Studium und Job wirkt sich dagegen negativ aus.“ Prenner berät mit seinem Team Arbeitgeber zu Förderung und Unterstützung, vermittelt aber auch geeignete akademische Bewerber und unterstützt diese auf ihrem Weg in die Beschäftigung.


2,4 Millionen Akademiker fehlen im Jahr 2030
auf dem Arbeitsmarkt


Bisher galten viele Bemühungen, Menschen mit Behinderung zu fördern, eher denen mit geringeren Qualifikationen — dabei sieht das Prognos-Institut im Arbeitskräftereport 2011 des Bundesministerium für Arbeit und Soziales für das Jahr 2030 eine Fachkräftelücke von 5,2 Millionen Menschen vorher, davon 2,4 Millionen Akademiker. Und auch Forschungen zur beruflichen Teilhabe von hochqualifizierten Menschen mit Behinderung, wie die von Professor Dr. Mathilde Niehaus und Jana Bauer, zeigen, dass in der politischen Diskussion Fachkräfte mit Behinderung noch nicht ausreichend in den Blick genommen werden.

Die Universität Köln betreut und evaluiert das Projekt und sie veranstaltet regelmäßig Netzwerktreffen für die Doktoranden. Neben der Universität Köln wirken die ZAV, der Verein Unternehmensforum und ein Beirat mit. In diesem Beirat sitzt auch die Studienstiftung des deutschen Volkes. Auch aus deren Sicht wird das Thema Promotion mit Behinderung in Deutschland kaum thematisiert. Die Studienstiftung selbst unterstützt mittels Stipendien Promovierende mit und ohne Behinderung, Chancengerechtigkeit ist für das Begabtenförderungswerk wichtig. „Unser Ziel ist die volle Gleichbehandlung und Inklusion Promovierender mit Behinderung in unser Förderprogramm“, unterstreicht Pressesprecherin Britta Voß. In der internen Vorauswahl der Promotionsstipendiaten würden deshalb die individuellen Einschränkungen in der Bewertung des bisherigen Werdegangs angemessen berücksichtigt. Dazu zählen zum Beispiel behinderungsbedingt längere Studienzeiten oder eine eingeschränkte Möglichkeit, sich gesellschaftlich so zu engagieren wie Kandidaten ohne Behinderung. Die Höchstförderdauer für Promovenden mit Behinderung kann um ein Jahr auf maximal vier Jahre angehoben werden und auch die Kosten für Assistenzen bei Veranstaltungen der Studienstiftung wie Kollegs oder Tagungen werden übernommen.

„Das ist das Wichtigste für Studierende: die Finanzierung der Promotion“, bestätigt Dr. Christiane Schindler, Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks, „denn Promovenden, die sich nicht in einem festen Arbeitsverhältnis befinden, erhalten keine Leistungen der Eingliederungshilfe.“ Dann kann zum Beispiel die persönliche Assistenz nicht bezahlt werden, von der aber der Studienerfolg entscheidend abhängt. Ein Stipendium allein deckt diese Kosten nicht, „PROMI — Promotion inklusive“ schließt hier eine Lücke.


„Was wir brauchen, ist eine echte Chance statt Almosen und schöner Worte.“


Inga Scharf da Silva hat eine der Stellen des PROMI-Projekts erhalten. „Das allgemeine Problem für Akademiker mit Behinderung an Hochschulen sind die Vorurteile“, sagt die Ethnologin und Kunsthistorikerin. „Was wir brauchen, ist eine echte Chance statt Almosen und schöner Worte.“ PROMI gibt ihr diese Chance und zielt darauf, diese Vorurteile abzubauen. Denn, so Inga Scharf da Silva: „Behinderung und Intelligenz sind für die meisten in unserer Gesellschaft immer noch ein Widerspruch.“ An der Humboldt Universität in Berlin schreibt sie seit April 2014 an ihrer Doktorarbeit zum Thema: „Die Umbanda als transkulturelles Phänomen. Ideen und Bilder einer Religion in Brasilien und Mitteleuropa“.

Inga Scharf da Silva hat eine beidseitige Schallempfindungschwerhörigkeit und eine chronische Tumorerkrankung, die sogenannte Langerhans-Zell-Histiozytose, die mit Chemotherapien behandelt werden musste. Ihren Studienabschluss hat sie geschafft, aber als Akademikerin mit Magister auf dem Weg in den Arbeitsmarkt stieß die 42-Jährige auf Hürden. „Man traute mir einen akademischen Beruf gar nicht erst zu“, erinnert sie sich. Eine Erfahrung, die auch ihre Kollegen teilen: Auf dem ersten Netzwerktreffen von PROMI im September 2014 in Köln berichteten die Promovenden davon, dass sie gar nicht erst zu Bewerbungsgesprächen eingeladen worden seien, wenn sie ihre Behinderung in den Bewerbungen erwähnt hatten.
Ein anderes Problem ist für Inga Scharf da Silva die Bürokratie. Denn noch wartet sie darauf, ob sie eine persönliche Assistenz erhält, die sie bei Interviews und der Transkription in der Feldforschung unterstützt. Was Inga Scharf da Silva verzweifeln lässt: „Ich habe doch nur einen Vertrag über drei Jahre, also muss ich jetzt schon mit den Forschungen anfangen.“ An ihrem Institut für Europäische Ethnologie erfährt sie jedoch viel Unterstützung von ihrer Betreuerin Professor Dr. Regina Römhild — egal, ob es um die fachlichen Projekte geht oder um die Anträge auf Förderung. Mit ihren Kommilitonen kooperiert sie ebenfalls erfolgreich. So plant sie, mit ihrem Kollegen Sebastian Pampuch einen Kurs zu Disability Studies und ethnologischen Diskursen anzubieten.

Auch Pampuch promoviert im Rahmen von „PROMI — Promotion inklusive“ am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität in Berlin. Dort erforscht der 40-Jährige in seiner Doktorarbeit, wie die DDR Bewegungen der Dekolonisierung in afrikanischen Staaten gefördert hat und wie sich das Leben von Mitgliedern solcher Bewegungen gestaltete. „Postkoloniale Exilanten im geteilten Deutschland. Biografische Fallstudien“ lautet der Titel.

Auf seinem Weg zur Promotion hat auch er Rückschläge erlebt. In Folge einer Knochenkrebserkrankung lag er bis zu seinem 25. Lebensjahr immer wieder lange im Krankenhaus, sein linkes Bein ist komplett versteift, leicht verkürzt, so dass er hinkt. Seine Gehbehinderung ist unauffällig genug, dass es ihm, wie er sagt, gelungen sei, als Nicht-Behinderter wahrgenommen zu werden. Und doch ist die Behinderung, die nur eine Folge der Erkrankung ist, so gravierend, dass sein Werdegang steinig war. Das berufliche Gymnasium brach er zunächst nach der 12. Klasse ab, schloss es aber später mit Fachabitur ab. Nach einem weiteren einjährigen Aufenthalt im Krankenhaus bewarb er sich mithilfe eines ärztlichen Empfehlungsschreibens an der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität. Der dortige Härtefallparagraph ermöglichte es ihm schließlich, zu studieren. Später aber blieben dann Einladungen auf seine Bewerbungen um Promotionsstellen aus. Vor seiner Promotion hatte er ein Bibliotheksrefendariat absolviert und zuletzt war er in einer Teilzeitstelle in Hamburg beschäftigt — verbunden mit der Idee, so seine Promotion zu finanzieren.


Der Leistungsgedanke wird
viel zu unkritisch übernommen


Neben den mentalen, bürokratischen und baulichen Barrieren entdeckt er aber auch solche bei den Menschen mit Behinderung selbst. Wenn sie nicht in Fächern wie Rehabilitationswissenschaften, Sonderschulpädagogik oder Disability Studies arbeiten, blendeten Akademiker ihre eigene Behinderung lieber aus: „Und dann sagen sie einfach, ‘Ich habe Glück gehabt’, wenn sie über ihre eigenen Leistungen sprechen. Darin verrät sich auch die unkritische Übernahme eines Leistungsethos, mit dem sie Nichtbehinderte übertreffen müssen, um beruflich mit ihnen gleichzuziehen.“ Einen konkreten Nachholbedarf sieht Sebastian Pampuch bei vielen Akademikern mit Behinderung darin, berufliche Netzwerke aufzubauen, auch zu Menschen ohne Behinderung. Selbstkritisch meint er: „Auch ich habe dabei während meines Studiums viel versäumt.“

Ob Sebastian Pampuch und Inga Scharf da Silva auch ohne PROMI promoviert hätten? Er sagt: „Ohne finanzielle Unterstützung meiner Eltern hätte ich es jedenfalls nicht bis zur Promotion geschafft.“ Und Inga Scharf da Silva meint: „Ohne das Projekt würde ich wahrscheinlich finanziell schwach und allein promovieren. So aber habe ich einen Boden unter den Füßen, also eine solide Finanzierung und einen Ansprechpartner sowie die Aussicht, auch am Institut Fuß zu fassen. So bin ich ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft, während ich ohne PROMI kaum Respekt erfahren hätte.“