Warum Universitäten Online- und Offline-Lernwelten miteinander verknüpfen müssen

Max hat gerade sein Abitur bestanden und möchte BWL studieren. Er verzichtet jedoch auf ein traditionelles Hochschulstudium und beschließt, sich das Wissen in Onlinekursen anzueignen. Viele dieser Kurse werden von renommierten Hochschulprofessoren geleitet, was Max sehr beeindruckt. Ein Standard-Studienverlaufsplan für den BWL-Bachelor ist schnell zusammengestellt, denn entsprechende Vorlagen sind im Internet leicht zu finden. Max kann jederzeit und von überall aus an den Kursen teilnehmen. Nach erfolgreicher Absolvierung kann er sogar mehrere Zertifikate von bekannten internationalen Universitäten und Firmen aus dem Silicon Valley vorweisen. Max weiß, dass er auch soziale Kompetenzen benötigt. Deswegen nutzt er seine zeitliche Flexibilität dazu, Praktika zu absolvieren und sich ehrenamtlich zu engagieren. Nach drei Jahren hat Max alle Kurse des BWL-Bachelors absolviert, natürlich ohne eine Urkunde einer akkreditierten deutschen Universität in den Händen zu halten. Wird er einen Arbeitsplatz finden?

Source: I MOOC | Flickr IlonkaTallina

Die Vorstellung, dass Firmen eine Ausbildung basierend auf Onlinekursen, kombiniert mit praktischen Erfahrungen und den darin erworbenen Soft Skills, attraktiv finden — vielleicht sogar einer universitären Ausbildung vorziehen — ist nicht absurd. Dies hat sowohl mit den Vorteilen des Onlinelernens als auch mit den Problemen der universitären Lehre zu tun. Universitäten müssen anfangen, die Vorteile von Onlinekursen für sich zu nutzen. Es stellt sich die Frage, wie sich traditionelle Lerninhalte mit Onlineinhalten verknüpfen lassen. Ansatzpunkte gibt es reichlich.

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Es ist weder empfehlenswert noch realistisch, Hochschullehre in Zukunft ausschließlich über Onlinevorlesungen abzuwickeln. Dass Onlinevorlesungen ein integraler Bestandteil von Hochschulbildung werden, ist jedoch wahrscheinlich und notwendig. Es wäre fahrlässig, die Möglichkeit auszuschließen, dass MOOCs ein erfolgreiches Ausbildungskonzept für die Praxis werden, nur weil derzeit noch nicht für jedes Problem eine Lösung auf der Hand liegt. Finanzstarke Unternehmen arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, die Defizite von Onlinevorlesungen abzubauen. Universitäten werden sich mit den neuen Konzepten auseinandersetzen und einen Weg finden müssen, sich den veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Viele Dozenten hängen an ihren Grundlagenvorlesungen, die sie seit vielen Jahren erfolgreich durchführen. Doch dafür gibt es häufig keine Berechtigung mehr. Ein Professor bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn er seinen Studenten empfiehlt, die exzellent konzipierte Onlinevorlesung eines Kollegen zu belegen.

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Solange deutsche Universitäten Onlinevorlesungen als Hype abtun, laufen sie Gefahr, in Zukunft von privaten Anbietern — vor allem aus den USA — überrollt zu werden, deren Angebot sie in puncto Breite und Qualität als einzelne Universität nur wenig entgegenzusetzen haben. Gerade weil in deutschen Universitäten das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, müssen sie die Integration von Onlinevorlesungen in die Curricula viel stärker als bisher gemeinsam vorantreiben, um von deren Vorteilen zu profitieren. Gleichzeitig sollten Mehrwerte geschaffen werden, die von reinen Onlineuniversitäten nicht imitiert werden können. Diese sind vor allem in der individuellen Betreuung von Studierenden zu suchen. Möglicherweise werden gerade Onlinevorlesungen, die den persönlichen Kontakt vordergründig reduzieren, zur Verstärkung von Mentoring und Betreuung führen, indem sie Professoren von repetitiven, automatisierbaren Aufgaben entlasten.

Die Entwicklungen stellen somit eine Chance dar, die Universitäten auch in Zukunft im Zentrum der beruflichen und gesellschaftlichen Ausbildung zu verankern. Zudem wird verhindert, dass Bildung zunehmend in die private Hand überführt und durch Geldgeber außerhalb des europäischen Raumes bestimmt wird. Max jedenfalls würde diese Entwicklungen sehr begrüßen. Denn bei allem Enthusiasmus für seine Ausbildung: Das Studentenleben an deutschen Universitäten konnten die Onlineuniversitäten nicht ersetzen.


Der vollständige Artikel wurde am 30. Juni 2015 gemeinsam mit Dominic Breuker im Blog wasbildetihrunsein.de veröffentlicht und kann dort abgerufen werden.