Gesellschaftsintegration über Werte

Kolame

cc: Soziologisches Kaffeekränzchen

Herzlich willkommen in der, Achtung Schlagwort, Wertediskussion. Advi hat uns hier hierhin gebracht, der über “Moralisches Handeln” schreibt und inwiefern Moral mit Personen in Verbindung gebracht werden sollte, nachdem der Soziobloge sich der Art und Weise wie Diskurs im Internet gestrickt sein sollte zugewandt hatte.

Ich möchte nun zwei drei Sätze zum Thema der Werte verlieren und inwiefern diese eine “integrative Kraft” für unsere Gesellschaft darstellen können. Hierzu gibt es in der soziologischen Theorie nämlich verschiedene Positionen, die zu beleuchten fruchtbar sein kann (heute nehme ich mich einer an). Also: helfen uns Werte? Wenn ja, wobei? Und, was richten die so an?


Zum einen haben wir da den Herrn Durkheim und dieser geht davon aus, dass Gesellschaften durch eine gemeinsame Moral (die sich aus Werten und Normen ergibt) integriert werden. Diese These ist seine Antwort auf die Frage, wie unsere moderne, hoch arbeitsteilige, Gesellschaft organisiert ist und wie sie funktionieren kann. Er geht davon aus, dass im Zuge der Individualisierung der Gesellschaft es zwischen diesen jetzt ganz individuellen Menschen (im Gegensatz zu kollektivistisch orientierten und organisierten Gesellschaften früher) so etwas wie geteilte Werte und Normen geben müsse, die den gesellschaftlichen Laden quasi zusammenhalten, damit die Leute nicht nur das tun, was sie wollen, sondern auch einmal nach links und rechts gucken und aufeinander Acht geben. Nach Durkheim brauchen wir in der Gesellschaft eine gemeinsame Moral, die Durkheim “soziale Solidarität” nennt, die auf gemeinsamen Werten, wie beispielsweise Freiheit, Wohlstand, Gleichheit, Umweltorientierung usw. basiert um die Gesellschaft ingesamt zu integrieren — was bei ihm in modernen Gesellschaften heißt, Individuen zu kooperativem Verhalten zu bewegen.
An Durkheim schließt nun unter anderem Parsons direkt an (Habermas meines Wissens auch, aber den habe ich bislang kaum bearbeitet). Parsons löst den Kompaktbegriff der Solidarität in vier verschiedene Generalisierungsstufen auf, nämlich:

  1. Gemeinsam geteilte Werte (sehr abstrakt, um viele Menschen zu integrieren), die die Legitimation von
  2. sozial differenzierteren Normen (diese sind also schon etwas konkreter) ermöglichen. Diese Normen setzen wiederum einen Rahmen für die
  3. Definition kollektiv anzustrebender Ziele (diese sind schon verhältnismäßig genau), die wiederum in arbeitsteilig verknüpften
  4. Rollen angestrebt werden (die konkrete Aufgaben darstellen, die von konkreten Akteur*innen erfüllt werden).

Daraus entsteht so etwas wie eine netzwerkartige Struktur, die man* sich vielleicht exemplarisch für einen Wert so vorstellen kann:

Wir sehen hier oben den Wert der Freiheit, aus dem ich die beiden sozialen Normen der frei waltenden Wirtschaft und der freien Entwicklung des*der Einzelnen gezaubert habe (viele mehr wären möglich). Aus denen wiederum geht einerseits das Ziel der Verhinderung des Protektionismus und des gering zu haltenden Steuersatzes und anderseits das Ziel von freier Liebe in Kombination mit der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung hervor (noch viel mehr Ziele wären denkbar). Ganz unten sind dann noch passende Rollen zu finden von dem*der Wirtschaftslobbyist*in bis zum*r freischaffenden Künstler*in (hier werden die sich vorstellbaren Rollen wirklich zahllos), die sich alle unter dem Ausgangswert der Freiheit versammeln. Und damit wird auch mein Punkt deutlich: wer sich diese Rollen anguckt, kann kaum noch zu dem Schluss kommen, dass Werte, auf die man* sich berufen kann, zu Friede, Freude und Eierkuchen führen — dem widerspricht Parsons auch gar nicht. Er sagt vielmehr, dass die besondere Leistung von Werten es gerade sei, auch sich widersprechende Normen auf sich zu vereinen und so die moderne Gesellschaft zu integrieren, das heißt, diese zusammenzuhalten.
Falls dies nun also stimmt, also, dass gemeinsame Werte zum einen jedem Individuum der Gesellschaft das Gefühl geben, Teil der Gesellschaft zu sein (und selbige so integrieren) und aber zum anderen konträr zueinanderstehende Normen geradezu provozieren, sie notwendigerweise entstehen lassen (dass Werte Konflikt evozieren ist die These Luhmanns im Bezug auf das Parsons’sche Modell), dann kommen wir dahin, zu verstehen, warum Diskurs und Streit so wichtig für unsere offene Gesellschaft ist.


Trotzdem würde ich aber die Frage stellen wollen, was verhandelt wird, wenn z.B. von einer “Wertediskussion” die Rede ist. Das obige Modell entlarvt diese Konstruktion ziemlich umgehend: sie unterstellt, dass es Menschen gibt, die offen behaupten würden, dass sie sich auf die Werte “unserer” Gesellschaft nicht einlassen können. Das stimmt aber nicht, oder der Anteil ist im Promille-Bereich zu suchen. Wer wendet sich ernsthaft gegen Werte wie Freiheit, Gleichheit oder Toleranz? Jede*r mag etwas Anderes unter den Auslegungen der Werte verstehen, aber was dann also verhandelt wird, sind gesellschaftliche Ziele, im Höchstfall Normen. Oder wann wurde der letzte gesellschaftliche Wert eingeführt?

Und wenn wir uns klar machen, dass wir eigentlich immer eben nicht über Werte und vielleicht noch nicht einmal über Normen an sich reden, dann reden wir meist auch nicht Moral an sich, wenn wir beispielsweise über die Tötung eines Diktators sprechen (um Advis Beispiel aufzugreifen). Viel mehr ordnen wir die Geschehnisse ein und gleichen unsere Vorstellungen von Werten auf der Ebene gesellschaftlicher Ziele miteinander ab und wägen deswegen ab, wie das Geschehene unter moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen ist.

Mit Hilfe der Parsons’schen Unterscheidung lässt sich meiner Meinung Folgendes sehen/erreichen:

  • wie unwahrscheinlich “soziale Ruhe” (also: kein Streit, keine ambivalenten Entscheidungen) in einer über Werte gut integrierten Gesellschaft ist
  • wie problematisch “soziale Ruhe” für eine offene Gesellschaft wäre (sie könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Gesellschaft illiberal wird/geworden ist)
  • dass eine Beruhigung des Diskurses möglich ist, wenn man* sich klar macht, worüber man spricht, denn:

Über Ziele können wir reden. Freiheitlich-demokratische Werte sind nicht zu verhandeln und oft tun wir das auch gar nicht, wenn wir meinen, diese an sich zu diskutieren.

(Für die Theoriefreaks: Ja, ich habe Parsons hier etwas, sagen wir, uminterpretiert und die Problematik auseinanderklaffender Normen und Ziele nicht als Problem, sondern Notwendigkeit der demokratischen Gesellschaft umgedeutet, I’m sorry. Wer kritische Gegenstimmen lesen will, lese Luhmann, der sieht darin zwar kein Problem, sagt aber, dass gesamtgesellschaftliche Integration schlicht nicht mehr notwendig sei, weilwegen funktional differenzierte Gesellschaft braucht das nicht. Aber wir basteln hier ja am sinnvollen Diskurs, da war dieser Einwand wenig hilfreich.)

Kolame

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Kolame

Ich habe Pädagogik und Sozialwissenschaften im Bachelor studiert. Nun studiere ich Soziologie mit dem Fokus auf Dynamiken gesellschaftlichen Wandels im Master.

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