Einen Diskurs basteln und die Rolle von Moral in selbigem

CC: Soziologischer Kaffeeklatsch

Seit ein paar Wochen betreiben ein paar Sozialwissenschaftler*innen, die über Twitter verbunden sind, soziologischen Kaffeeklatsch. Als letztes hat Vrouwelin an ebenselbigen zurückgegeben, nachdem sie ihren Beitrag damit beendet hat zu konstatieren, dass mit Personen mit menschenfeindlichen Positionen nicht zu disktuieren sei. Ich hab’ mich zu diesem Kaffeklatsch mal selbst eingeladen, gerade auch, weil es um Diskurs und so geht. Und wo der hin ist. Und überhaupt. 
Zu meinem Hintergrund: ich studiere Soziologie im Master im mittleren Nordwesten der Republik, bin luhmannsch’-systemtheoretisch (aber mitten in der Horizonterweiterung) und migrationspädagogisch beeinflusst.


Offenbar wollen alle Teilnehmenden des Kaffeklatsches (advdiaboli.de, vrouwel.wordpress.com und der soziobloge.de) irgendwie wieder eine sinnvolle Art des Diskurses zurück, wenngleich die Eingangsthese mal war, sich nicht immer die Münder wund zu reden, sondern einfach mal zu machen. Wenn man* zu einer sinnvollen und Diskurskultur hinmöchte, sollte man* sich immer fragen, ob es die schon einmal gab. Ob bewusst oder unbewusst unterstellt die im Kaffeeklatsch bislang praktizierte Art des Schreibens nämlich immer implizit, dass es mal einen Diskurs gab, der irgendwie besser war. Das würde ich einfach mal zur Debatte stellen wollen — ich bin nämlich irgendwie noch ganz schön jung und seitdem ich mich für Politik, Gesellschaft und Gedöns interessiere, gibt’s das Internet, die “neuen Medien” usw. schon und sie waren “natürlicher” Bestandteil meiner Lebenswelt und so auch Teil meiner Diskurserfahrung(en). 
Darüber hinaus ist ja auch noch zu fragen, was Diskurs bedeutet: weiße Männer reden am Stammtisch? Weiße Männer reden in Talkshows — möglichst begrenzt auf zwei bis drei öffentlich-rechtliche Programme? Nur entsprechendes Kapital befähigt zur Äußerung und nicht jede*r kann sich im Internet äußern? 
Mit dieser Art des Diskurses (die so überspitzt vermutlich nur in meinem Kopf existiert) hat man* als Gesellschaft einige Vorteile: Überschaubarkeit; so etwas wie Konsens ist nicht schon schlicht durch die Menge an Äußerungen verunmöglicht; und eine politische Debatte kann massenmedial und durch einige bestimmende Köpfe (“Intellektuelle”, Poltiker*innen) vermittelt auch zumindest den Großteil der Bevölkerung erreichen.

Die Nachteile eines so “einfachen” (im Sinne von “simpel strukturiert”) Diskurses habe ich oben schon polemisch angeführt und nun stellt sich hier ein klassisches Problem: Wer A sagt muss auch B sagen. D.h.: wer sich darüber freut, in einem Blog schreiben zu können was si*er möchte und damit vielleicht tatsächlich eine partikulare Öffentlichkeit zu erreichen, der muss sich auch darüber freuen, wenn Personen anderer politischer Gesinnung das tun. Das ist dann wahre demokratische Einstellung, aber fraglich scheint mir, ob das überhaupt funktioniert. Meines Erachtens problematisch sind dann zirkuläre Subsysteme: Anhänger*innen von Homöopathie (Vrouwelin sprach die esoterischen Kreise bereits an) kann man*, zumindest gefühlt, zum Beispiel gar nicht immer erreichen — obwohl man* sich im gleichen technischen Medium (Internet) bewegt. Gleiches gilt dann auch für politische Einstellungen. Daran anschließend stellt sich die Frage, was dieser neue, zumindest scheinbar demokratischere (weil prinzipiell egalitärere), Diskurs überhaupt wert ist, denn früher konnte man wenigstens sichergehen, dass sich die relevanten gesellschaftlichen Positionen im Fernsehen trafen. Heute geht die Debattenkultur völlig aneinander vorbei und damit gebe ich Advi recht, der ja meinte: “[e]s ist für die meisten Leute technisch unmöglich einen Diskurs mit einer andersdenkenden Person zu führen”. Mit Hartmut Rosa könnte man sagen, dass wir es hier ganz deutlich mit Desynchronisationserscheinungen der modernen Gesellschaft zu tun haben (die im Falle von intergenerationalen Unterschieden im Bezug auf Mediennutzung vermutlich tatsächlich zu einem größeren Teil durch gleichsam desynchronisierte Zeiterleben in den jeweiligen Lebenswelten strukturiert sind). Ich würde Advis Frage etwas anders stellen wollen: Wie kriegt man die Personen wieder in einen Raum, ohne aber in vormoderne und noch sexistischere (als heute), patriachelere (als heute) und diskriminierende (als heute) Diskurspraktiken zurückzufallen? Wie verbindet man Egalität des Diskurses mit gesamtgesellschaftlicher Integration in selbigen? 
Wichtig ist darüber hinaus eine Begriffsklärung: Was soll Diskurs sein? Wofür ist er gut? Was wird in ihm verhandelt? Wer darf mitmachen? Wie kann er sozialtechnisch realisiert werden?

Aber kommen wir zu etwas Praktischerem. Was mir auffällt und was den politischen Diskurs (verstanden als gesellschaftsweite Auseinandersetzung über richtige Entscheidungen, die in der politischen Sphäre zu treffen sind) heute so schwierig macht, ist der Mangel an nur rational zu diskutierenden gesellschaftlich relevanten Themen. Seit Längerem bestimmt die so genannte “Flüchtlingskrise” die Diskussionen allerorten und reiht sich so in Thematiken ein, die allesamt “überethisiert” und damit höchst emotionalisiert besprochen werden (können und aber auch müssen). In diese Reihe fallen (als Beiprodukt der “Flüchtlingsthematik”) der Aufstieg des Populismus in der so genannten “Westlichen Welt”, Migration im Allgemeinen, aber auch gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit Behinderung (die in der so auf Behinderung verengten thematischen Form natürlich Differenzlinien reproduziert und so ihr eigenes Anliegen des gesamtgesellschaftlichen Blicks zumindest teilweise untergräbt), aber auch so Sachen wie geschlechtergerechte Schreibweisen. Diese Thematiken eint, dass sie das “Eingemachte” betreffen; sie sind nicht einfach mit Pro- und Contra-Listen zu diskutieren, wie es beispielsweise bei Themen wie der Maut, der “Ökosteuer” oder aber auch der Debatte um Atomkraft der Fall war und ist. Dies bedeutet nicht, dass diese Themen nicht emotional debattiert wurden und werden, aber die oben besprochenen Themen betreffen ganz konkret bisweilen auch sehr akut die Menschenleben (hier insbesondere Flucht) und/oder -würde vieler Personen. Und in diesen Fällen wird moralisch argumentiert und das ist nachvollziehbar, aber definitiv nicht konsensfördernd. Denn

“Moral wird durch die Möglichkeit codiert, Achtung und bzw. Mißachtung Personen zuzuordnen. Der Code von Achtung/Mißachtung bezieht sich also nicht auf bestimmte Leistungen des Gegenübers, sondern auf die Gesamtperson als Kommunikationspartner […].” — Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 119.

Das ist wichtig zu verstehen, weil es deutlich macht, wo das Problem in aktuellen Debatten liegt. Selbige zeichnen sich ja eigentlich und im Optimalfall dadurch aus, dass sie das beste Argument im Diskurs erarbeiten wollen und explizit nicht eigentlich Personen, sondern nur die Kommunikationen (in diesem Fall also Argumente) selbiger gegeneinander antreten lassen. Sehr schön zu sehen ist das beispielsweise am Nachruf (des in dem hier gepflegten Kaffekränzchen durch Vrouwelin schon bejubelten) Gregor Gysis auf Guido Westerwelle. Politisch nicht unbedingt auf einer Wellenlänge wird die Person ganz offenbar davon getrennt und geschätzt. Nur wie soll man diese kulturelle Praxis auch in seiner Lebenswelt aufrechterhalten, wenn Personen ernsthaft mit der AfD sympathisieren, die Menschen ziemlich sicher lieber auf dem Mittelmeer ertrinken sieht, als sie in das reiche Europa zu lassen (oder aber zumindest diesen Umstand billigend in Kauf nehmen), oder aber schon bei schulischer Inklusion völlig verzweifeln und also Menschen mit Behinderung offenbar weiterhin gerne invisibilisiert am Rande unserer Gesellschaft hätten?

Vermutlich ist “Einfach mal die Fresse halten und machen” dann wirklich der beste Weg, weil er eben dem übermoralisierten Diskurs ein Stück weit aus dem Weg geht und eine best practice im Gegensatz hochhalten kann und damit ja auch wirklich soziale Tatsachen schafft. Nichtsdestotrotz gibt es und wird es auch weiterhin eine schwer zu ertragende “best practice” der Gegenseite geben, die dann eben Unterkünfte von Geflüchteten einfach weiter anzündet, oder aber weiterhin die BRD für ungültig erklärt und dooferweise auch noch mit überdurchschnittlich vielen Waffen ausgestattet ist. Das ist die Kehrseite eines praktischen Machens: welches erträgt man und wie vermittelt man, dass das eigene das “richtige” ist? Da muss man wohl doch in den Diskurs.

Stichworte (nicht nur für mich) fürs nächste Mal:

  • Ambivalenzen ertragen ( → Zygmunt Bauman)
  • reale Filterblase (neue Homogenität in Partner*innenschaften und Freund*innenschaften)