Kurzer — soziologischer? — Einwurf zum Thema der kollektiven Verunsicherung und der kohärenten Erzählung

#Soziologisches Kaffeekränzchen

(Geistes-)Wissenschaftliche Bücher und gerade auch soziologische zeichnen sich dadurch aus, dass ihr Titel absolut keine Rückschlüsse auf den tatsächlichen Inhalt möglich macht. Ich hoffe, ich konnte nun einen ebensolchen Titel fabrizieren, denn ein bisschen Grässlichkeit muss sein.
Wir — und dieses wir ist in seiner Ausdehnung zwischen der deutschen Gesellschaft™, einem geeinten (was!?) Europa und der soziologischen Formel der Weltgesellschaft unbestimmt — stecken in einer spannenden politischen Phase. Es liegt ein neuer Koalitionsvertrag auf dem Tisch, die Phase der Übergangsregierung nähert sich wohl unabhängig vom Ausgang des SPD-Mitgliedervotums dem Ende. Es geht wieder weiter, gewissermaßen. Wahlweise mit völlig neuen und scheinbar unkalkulierbaren politischen Prozessen im Falle eines Scheiterns der GroKo auf der einen Seite oder aber einem als Extremform des „business as usual“ wahrgenommenen Durchregierens ohne Vision, unter einer Ägide, die dann „Verantwortung“ genannt wird. 
Und ist das nicht interessant? Politsoziologisch haben wir eine Konstellation vor uns liegen, die sich zwischen dem Pol der extremen Langeweile und möglicherweise höchstdynamischen Prozessen im Falle einer Minderheitsregierung (an die ich nicht glaube) oder Neuwahlen bewegt. Was sagt das über diese Gesellschaft aus?
Es zeigt, dass das Spannende am politischen Geschehen tendenziell weniger in den Inhalten gesehen wird (mir geht es da anders), als in Prozessen der Koalitions- und Konstellationsbildung selbst. Inhalte verbinden die Beobachter*innen vom politischen Geschehen nur in relativ geringen Maße, seien es nun die aufgeklärte Bürger*in, der versammelte Journalismus, die Podcaster*innen dieser Welt, werauchimmer: die gewählte Konstellation ist spannender als die gewählten Inhalte. Und ich meine das nicht despektierlich, denn ich vermute, dafür gibt es sehr rationale Gründe. Mir scheint, es gelingt nicht mehr, kohärente Weltbilder, manch eine*r spricht auch von Narrativen (wobei das so klingt, als würden irgendwo Märchen über den Weltzustand formuliert, die dann in einer großen Verschwörung erzählt würden), über den Zustand der Gesellschaft zu verfassen. Das liegt vermutlich sehr zentral daran, dass es politisch, aber auch soziologisch, nicht gelingt einen gemeinsamen Bezugspunkt des zu verändernden Gegenstandes zu formulieren. Politik betreiben heißt ja erst einmal das: Bestehendes gezielt verändern. Politik kennt kein Nicht-Entscheiden, Politik ist auch nie pure Verwaltung (nein, auch die Merkel’sche Politik nicht), denn sie bekommt Aufgaben — anders als die Verwaltung — nie einfach von außen zugeschoben und muss sie routiniert erledigen. Nein, Politik sucht sich priorisiert Aufgaben selbst, arbeitet sie nicht nach einer völlig klaren Agenda ab und ist so gerade nicht der perfekte Verwaltungsstaat, den Max Weber sich vielleicht einmal vorstellte. Der Staatsapparat ist gerade nicht die eigentliche Politik, oder anders: die politische Sphäre. Also: Politik ist der Wille zur Gestaltung (und nicht zur bloßen Exekution), so könnte man es vielleicht formulieren.
Damit können wir uns dem Kern der Sache annähern. Ich meine, dass wir beobachten können, dass zunehmend unklar wird, was gestaltet werden soll. Der Wille zur Gestaltung, den ich keiner Partei absprechen möchte, hat seinen gemeinsamen Brennpunkt verloren, an dem sich ein gesunder Diskurs entzünden könnte. Die AfD sieht das Ziel von Politik in einer völkisch-nationalen Einheit, die FDP möglicherweise in der Stärkung von Deutschland vor allem als wirtschaftlicher Einheit, die Linke ist zerrissen zwischen nationalen Anleihen (wie z.B. auch Gewerkschaften tendenziell protektionistisch sind), aber auch globalem Klassenkampf, die Grünen sehen die weltweiten Klimaschutz im Fokus und SPD und Union haben sich als gemeinsamen Nenner jetzt die EU/Europa auf die Fahnen geschrieben. Was ich sagen will: was Gesellschaft ist, wer zur Gesellschaft gehört, das ist völlig unklar geworden und verunmöglicht so etwas, wie eine sicherheitsgebende Politik, die sich durch eine klare Agenda auszeichnet. Egal, worauf man seine politische Agenda richtet wird es immer große Teile der Bevölkerung geben, die sich in dieser Agenda nicht wiederfinden. Und zwar nicht (oder nicht nur), weil Politik auch gegen ihre Interessen gemacht wird — denn auch dann findet man sich ja wieder, nur auf der „falschen“ Seite — nein, sondern gerade weil auch Politik betrieben wird, die einen schlicht nicht betrifft, oder weil man meint, nicht betroffen zu sein. Hiermit meine ich die Bänker*in im dicken Wagen, die sich genauso nicht um den Klimaschutz schert, wie die internetverliebte Pirat*in, ebenso wie die AfD-Wähler*in, für die der Breitbandausbau nicht so wichtig ist. Das ist im Zuge der zunehmenden Differenzierung der Gesellschaft in immer kleinere Subdomänen von Spezialgebieten genauso wenig verwunderlich, wie es darauf auch keine adäquate politische Antwort gibt (geben kann?). Was also auffällig ist, ist, dass es zwar so etwas große Themen gibt — das wird ja oft geleugnet! — denn ich denke, die Digitalisierung™, das bedingungslose Grundeinkommen, das Fortbestehen der Europäischen Union oder auch die Begrenzung der Erderwärmung sind genau das, aber was nicht gelingt ist, daraus ein Gesamtbild zu entwerfen, das eine sich wie auch immer als gemeinsames Kollektiv definierende Gesellschaft anspricht und diese Themen in einem Weltbild zusammenfasst. Digitalisierung und Klimaschutz sind beispielsweise Themen die schlicht nichts miteinander zu tun haben und völlig entgrenzt scheinen. Bedingungsloses Grundeinkommen und Europäische Union hängen nicht sonderlich eng zusammen. Und für genau diese Spannungen gibt es keine Klammer, kein, eben, kohärentes Weltbild (mögliche Weltbilder: Sozialismus, der dritte Weg (nach Anthony Giddens, nicht den Nazis), neue Mitte usw.…).
Was hat dazu geführt? Ich vermute, dass es eben aufgrund der Schwierigkeit der Bestimmung des Gesellschaftsumfangs ein Problem gibt zu beurteilen, wie es uns (wer auch immer das ist) geht. Es ist völlig unklar geworden, ob es der deutschen/europäischen/Welt- Bevölkerung gut oder schlecht geht. Ich finde, diese Beobachtung relativ trivial und vermutlich war eine solche Beurteilung historisch auch zu keinem Zeitpunkt wirklich möglich. Was allerdings durchaus möglich schien, vermute ich zumindest, war die (sich an Elias anlehnende, prozesssoziologische, relative,) Beurteilung in ein besser/schlechter als vor x Jahren. Mir scheint, als wäre es vor ein paar Jahrzenten möglich gewesen, den aktuellen Zustand der Verfasstheit der Welt in sinnvolle Relation zu einem indifferenten „Früher“ zu setzen. Die Wirtschaftsentwicklung Deutschlands lieferte klare Anzeichen, die Ernährungslage der Welt verbesserte sich usw. Ob das nun in seiner Gesamtbeurteilung richtig oder falsch war, sei dahingestellt. Die Perspektive war klar: Fortschritt ist möglich und wir können ihn sehen oder auch nicht sehen! Und damit ist auch die Ausrichtung politischen Handelns klar, denn es richtet sich klar und bestimmt auf eine immer schon konturierte Zukunft. Egal, welches Weltbild gerade an der Macht war, die Zukunft schien absehbar am Horizont, wenngleich sie in vielen Jahrzenten des 20. Jahrhunderts natürlich von der realen Bedrohung eines atomaren Weltkrieges geprägt war, was man im Nachhinein nicht ausblenden sollte. Aber auch die Möglichkeit des Weltkrieges ist: eine kohärente Erzählung, die zumindest kommunikative Sicherheit und Erwartbarkeit schafft.

Zusammenfassend, scheint mir, gibt es also keinen kollektiv vertretenen Begriff von Gesellschaft, keine Weltbilder, die voneinander entkoppelte Themenfelder bündeln können und eine Schwierigkeit in der Beurteilung des Weltzustandes. Geht es uns heute gut? Kann es uns besser gehen? Wie ist Fortschritt weiter möglich? Politik hat das Problem, sich auf eine erstaunlich unbestimmte Zukunft zu richten, die zwischen Weltuntergang durch den Klimawandel und so wenig hungernden Menschen wie noch nie schwankt. Es ist in meinen Augen ein Stück weit an der Zeit, auch soziologisch, wieder Perspektiven zu entwickeln, die sich von der enormen Komplexität der Gesellschaft lösen und einen ganzheitlicheren Blick auf die Welt ermöglichen.