Ordnung in der Moderne und das Entstehen von Ambivalenz

cc: Soziologisches Kaffeekränzchen

Hier nun ein kleiner Abriss zu Baumans Theorie der Moderne (auf Basis eines einzelnen Buches), in Anschluss an diesen Tweet: https://twitter.com/kolame/status/825740779607961600

Also, Bauman sagt: Ambivalenz ist die Möglichkeit ewas — einen Gegenstand, ein Ereignis — mehr als nur einer Kategorie zuzuordnen. (Bauman, S.13). Sie ist das Ergebnis, wenn Sprache es nicht schafft, ihre Nenn- und Trennfunktion zu erfüllen und markiert aber den Normalzustand sprachlicher Praxis (ebd.). Also: Sprache (oder, systemtheoretisch gefasst: Kommunikationen) erzeugt am laufenden Band Unsicherheiten. Bauman meint hier also mit Ambivalenz schon einmal etwas anderes als Luhmann, wenngleich sie auf Linie sind (würde ich zumindest so sagen). 
Für Bauman ist Sprache etwas, das klassifiziert und damit eine Ordnung schafft (und hier wird dann klar, dass wir nicht über geordnete Gesellschaften im Sinne von “segmentär”, “stratifiziert” oder “funktional differenziert” sprechen). Dabei sieht Bauman in der Klassifikation einen “Gewaltakt” (ebd. S. 15), der eben das Klassifizierte von dem Nicht-Klassifizierten trennt, es abspaltet und so benennt (das sollte dem*r geneigten Luhmannianer*in bekannt vor kommen — nur ohne Gewaltanwendung). Bei jedem Benennen ensteht Bauman zufolge allerdings nicht nur (sprachliche) Ordnung, sondern auch Ambivalenz. Gewissermaßen als “unintendierte Nebenfolge”. Diese Nebenfolgen müssen dann abermals durch (präziseres) Benennen geordnet werden und so entsteht eine Dynamik von: 
Benennen → Ambivalenz → Reduktion durch → Benennen usw. 
Rinse repeat sozusagen.
Von der Sprache her kommend versteht er Gesellschaft hier gewissermaßen vom Individuum aus und hat so einen anderen Zugang gewählt als Luhmann. Ich würde sagen, man kann die beiden deshalb schwerlich wirklich gegeneinander vergleichen, in dem Sinne, dass einer eine passendere Gesellschaftstheorie als der andere bereithielte. Die Ziele der Beschreibung/Analyse sind eben andere (Luhmann deutlich deskriptiv, Bauman mit kritischem Anspruch).
Für Bauman ist “eine ordentliche Welt, eine, in der man “weiter weiß” (ebd., S. 14), in der gewissermaßen stabile Erwartungserwartungen existieren, die verlässlich auf gewisse soziale Probleme, bestimmte soziale Antworten oder Folgen kommen. Wenn erlernte Ordnungs- oder Deutungsmuster nun versagen, erleben Individuen (oder soziale Systeme) Ambivalenz.

“Die Konsequenzen der Handlung werden unvoraussagbar, während die Zufälligkeit, die doch eigentlich durch die Bemühung um Strukturierung aufgehoben sein sollte, ungebeten zurückzukehren scheint.” (ebd., S. 14).

Die Moderne (über deren Beginn “keinerlei Übereinstimmung” (ebd., S. 16) herrscht; “sie entzieht sich uns” (ebd.)) ist nun für Bauman dadurch gekennzeichnet, dass zur Reduktion von Ambivalenz (die schon immer stattfand) die richtige Technologie und das richtige Management gefunden wurden. Weiter ausführend konstatiert Bauman nun, dass die Moderne als eine Zeit denkbar ist, in der Ordnung (“der Welt, des menschlichen Ursprungs, des menschlichen Selbst, und der Verbindung aller drei”, ebd., S. 17) reflektiert wird. Die Ordnung des Sozialen wird gleichsam das erste Mal überdacht und kann so als kontingent erfasst werden. Das von der Ordnung abgespaltene ist aber für Bauman eben nicht eine schlicht andere Ordnung (und hier gibt es eine offene Differenz zu Luhmann). Der Gegenbegriff zu Ordnung ist Chaos. Chaos ist ist unbestimmt und Chaos ist unvorhersagbar. So kann man dann Bauman folgend sagen, “daß [sic!] die Existenz modern ist, insoweit sie durch Entwurf, Gestaltung, Verwaltung und Technologie aufrechterhalten wird” (ebd., S. 20; Hervorhebung im Original). In der Moderne wird mithilfe dieser Möglichkeiten gegen Ambivalenz gearbeitet.

Dabei ist sie “ein besessener Marsch nach vorne” (ebd., S. 24) und in ihr wird das Gegenwärtige, der jetzige Zustand, immer als “mangelhaft” (ebd.) und damit überholt klassifiziert. Dabei wird in der Moderne aber freilich ziellos agiert (bei Luhmann auch): es gibt viele kleine Partikularkämpfe gegen Chaos (Politik kämpft um Ordnung, jeder Teil der Wissenschaft will ordnen usw.) ohne, dass es ein zentrales Steuerungsorgan gäbe. Mit der damit entstehenden Fragmentierung von Problemen entstehen zwangsläufig kontigente Weltdeutungen, die kein kohärentes Inneres mehr finden, aber durch den allgemeinen Ordnungswunsch zum modernen Typus zugehörig zu klassifizieren sind.

Nun folgt ein kleiner Sprung zur “gesellschaftlichen Konstruktion der Ambivalenz” (ebd., S. 73, ff.). Hier taucht nun endlich derdiedas Fremde auf, worum es ja auch ein bisschen gehen soll:
Man kann die Welt in Freunde und Feinde unterteilen (ordnen) und feststellen, dass diese sich oppositionell gegenüber stehen. Nur mithilfe der Feinde können sich Freunde als die herausbilden (abspalten), die sie sind. Sie brauchen den Gegenbegriff um selbst zu entstehen. Die Unterscheidung trennt so auch “Wahres von Falschem, Gutes von Bösem, Schönes von Häßlichem” (ebd., S. 74). Freunde muss ich hierbei positiv behandeln bevor sie sich mir erkenntlich zeigen und auch ungeachtet dessen, ob sie meine bevorzugte Handlung erwidern. Nichtsdestotrotz entstehen Freunde durch die Praxis der Kooperation. Feinde hingegen entstehen durch die Praxis des Kampfes und ihnen gegenüber zeigt man sich nicht verantwortlich und leugnet eine moralische Pflicht ihnen gegenüber. Wenn der Feind sich mir gegenüber genauso verhält, dann haben wir eine reziproke Feindschaft, die den Kampf erst ermöglicht (Wie kämpfen zwei, von denen nur einer glaubt, der andere sei ein Feind? Merkwürdig einseitig, also kämpfen sie eigentlich gar nicht.). Hierbei ist “die Antizipation von Freundlichkeit für die Konstruktion von Freunden nicht notwendig, die Antizipation von Feindschaft bei der Konstruktion von Feinden [aber] unabdingbar” (ebd. S. 75). 
Mithilfe dieser Unterscheidung ist jegliche Form der Vergesellschaftung (Bauman rekurriert hier auf Simmel) abgedeckt. Die Matrix ist vollständig und zeigt die Möglichkeiten der Subjektwerdung des Anderen auf: eben als Freund oder Feind — mit dieser Form der Ordnung lässt sich doch eigentlich die Welt bestreiten, oder? ODER? 
Offenbar nicht, denn es gibt ihn: den ausgeschlossenen Dritten (um mit Luhmann zu sprechen), den Fremden. Er untergräbt die dyadische Ordnung der Weltkonstruktion, weil der Fremde beides sein kann: Freund oder Feind. Seine Zuordnung ist unklar. Der Fremde ist nicht a priori, also vor seinem Erscheinen in der eigenen Lebenswelt, klassifizierbar. Der notwendige (im doppelten Wortsinne: nicht zu verhindernde und “richtige”) Umgang mit ihm ist ungewiss und damit ist der Fremde bedrohlich, weil er den Vergesellschaftsmodus (der eben hinter Ordnung her ist) unterminiert.

“Sie [die Fremden] bringen das Außen nach Innen und vergiften das Tröstende der Ordnung durch den Argwohn gegen das Chaos.” (ebd., S. 77)

Das Problem mit den Fremden ist nun, dass diese kommen und in die hiesige Lebenswelt eindringen und dadurch, dass sie noch nicht immer da waren die eigene kontingente Geschichtlichkeit sichtbar machen.

Das sicher erscheinende So-Sein der Freunde (und man* selbst) wird in Frage gestellt und erscheint als kontigente Wirklichkeitskonfiguration.

Warum das alles nun? Nun, wer unter dieser Perspektive auf aktuelle Flucht- und Migrationsphänomene schaut, gewinnt mit Baumans Perspektive eine der psychosozialen Verunsicherung, die kollektives (politisches Wahl-)verhalten erklärbar macht und (dazu fehlt mir aber noch das Wissen) mit dem Bedürnis nach Ordnung (nach wenig kognitiver Dissonanz, wenn man so will und auf diese Weise schnell zur “Authoritarian Personality” kommt) den Holocaust als Prinzipien der Moderne folgenden Prozess erfasst (ganz schön weiter Vorgriff, nagelt mich darauf nicht fest; versteht es als zu falsifizierende Hypothese). So ist eine kritische Perspektive auf das hier und jetzt möglich.

Literatur:

Bauman, Zygmunt. 1995. Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Fischer Taschenbuchverlag: München.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.