Was vom Gebrauch des Generationenbegriffs zu halten ist.

Die Vrouwelin hat mal wieder vom Stapel gelassen und sich zum Begriff der Generation geschrieben (https://vrouwel.wordpress.com/2017/08/03/die-jugend-verdorben-needy-dumm/) und ich will darauf antworten, Bezug nehmen. In ihrem Beitrag hackt meine Podcastpartnerin (http://www.soziologisches-kaffeekraenzchen.de) ja schon auf dem Generationenbegriff an sich rum und ich will es ihr gleich tun.


Seit einiger Zeit™ (so muss man soziologische Diagnosen immer einführen, um die Relevanz des Beitrags zu zeigen) wird wieder stark auf Generationenbegriffe rekurriert, um die aktuelle Gesellschaft zu beschreiben. Denn nichts Anderes meinen Generationenzuschreibungen. Im Zuge eines Generationenbegriffs wird ein Teil der Gesellschaft, meist der der Jugend, in ein Bild gerahmt, das meist einen knackigen Namen bekommt und zack, hat man die Jugend von heute und den Untergang von morgen beschrieben. Die Generation Y ist so und so, wird aber abgelöst von der Generation X, von der man sich dieses und jenes erhofft, weil die Generation davor ja so problematisch war — aber ob die schaffen können? — und am Ende geht mal wieder das Abendland unter (und man fragt sich, warum es das noch nicht endlich getan hat; vgl. hierzu konkret: https://youtu.be/Vx01OrwNOZI?t=114). Generationenbegriffe taugen hierbei offenbar zum lamentieren.
Der Begriff der Generation ist dabei nicht neu und auch in der (populär-)soziologischen Gesellschaftsbeschreibung schon lange bekannt, aber was für mich interessant ist, dass er — so erlebe ich das zumindest — andere Möglichkeiten zur Gesellschaftsbeschreibung verdrängt und so Konfliktlinien aus dem Blick geraten lässt. Vrouwelin deutet das an, wenn sie schreibt:

Aufgefallen? Alles deutsch gelesene Namen. Auch wenn migrantisch gelesene Personen viel stärker dem Risiko ausgesetzt sind, arm zu sein, macht selbst das eine andere Welt aus. Mit anderen Diskriminierungen. Fast unabhängig vom Geldbeutel. Zeynep gehört auch zur Generation Y. Aber ihre Lebenswelt wird nicht die von Kevin, Moritz, Julia oder Charlotte gewesen sein. Welchen Vorurteilen wird sie ausgesetzt sein? Wird man ihr Alter verantwortlich machen? Oder ihren migrantisch gelesenen Namen?

Wenn man die aktuelle Gesellschaft schon beschreiben möchte, warum zieht man sich dann auf so weiche Möglichkeiten der Beschreibung wie Generationen zurück? Analytisch fällt es schwer, auszumachen, was eine Generation objektiv auszeichnet. Exemplarisch lässt sich ein Teil des Podcastes des Osnabrücker Soziologen Fran Osrecki anhören, der sich zum Generationenbegriff äußert. Er bezieht sich in diesem Fall auf die Generation Y und stellt heraus, dass Generationenbegriffe quasi immer übergeneralisieren. (https://youtu.be/pEHzpRZyVLM?t=454). Sie schaffen es immer nur eine kleine Gruppe einer Geburtskohorte (von Jahrgang a bis Jahrgang b) zu beschreiben. Gewissermaßen das Idealbild dieser Kohorte. Die Avantgarde. Mein Problem mit dieser Form der Analyse ist nun, dass genau das aber ja keine eigentliche Übergeneralisierung zulässt, die aber gerade in Zeitungen und anderen Alltagsmedien doch vollzogen wird und das gar nicht richtig klar ist, wie stark der Teil der Avantgarde wirklich strahlt. Diese überspitzten Begriffe, beispielsweise einer ach so postmaterialistischen Generation Y, die ja auch eine ach so andere Einstellung zur Lohnarbeit hat, taugen einfach nicht zur Breitenbeschreibung der Gesellschaft, weil sie systematisch nicht erfassen, wie viel sich nicht ändert; oder, wenn man den Fokus änderte, auf wie viele Arten und Weisen man eine Kohorte noch beschreiben könnte.
Die Form der Generation ist dabei nur eine Form der Diagnose. Generationenbeschreibungen reihen sich dabei ein in Diagnosen wie die der “Risikogsellschaft” Ulrich Becks, oder die einer “flüchtigen Moderne” Zygmunt Baumans usw. Jede*r kennt diese Arten der Beschreibung, die aber vor allem die Frage aufwerfen, was das Bedürfnis nach solchen Pauschalisierungen eigentlich über die betreffende Gesellschaft aussagt: nämlich, dass wir in einer “Diagnosegesellschaft” leben (wer tieferes Interesse hat: Fran Osrecki hat zu diesem Thema promoviert und ein ganzes Buch mit gleichem Titel ist erschienen). Eine Gesellschaft auf der Suche nach Selbstbeschreibung ist dabei nicht neu und spannend ist doch daran, dass probiert wird, eine gesamte Gesellschaft, ganze Kohorten in nur ein Bild zu pressen. Das muss bei genauerem Durchdenken doch absurd anmuten, oder nicht? Es ergibt sich für mich, dass das zwingend in einer ungenauen, nicht differenzierten Diagnose enden muss, die jegliche innergesellschaftlichen Konfliktlinien (wunderbar ist dies bei Beck nachzuvollziehen) außen vor lässt.

Damit zurück zum Generationenbegriff. Dieser verschleiert Konfliktlinien ganz hervorragend. Das Subsumieren von Geburtsjahrgängen unter einen Stempel ist nicht zielführend. Ich plädiere dafür, mindestens in Milieus, aber durchaus auch endlich wieder in Schicht- wenn nicht in Klassenbegriffen zu denken. Mit diesen althergebrachten Mitteln der Soziologie verkürzt man seine Analyse nicht auf das eigentlich nicht sonderlich aussagekräftige Merkmal des gleichen Geburtszeitpunktes. Wenn man sich anguckt, wie langsam, in Bezug auf ein Menschenleben, sich Gesellschaft verändert, ist das gewählte Merkmal nicht sonderlich überzeugend. Nur weil man zum gleichen Zeitpunkt geboren ist, soll das nun die gemeinsame Zukunft adäquat beschreiben können? Das kann doch nicht ernst gemeint sein. Einkommensunterschiede in den Herkunftsfamilien, möglicher Migrationshintergrund (auch eine weitere Diagnose: “Wir leben in einer Migrationsgesellschaft!”, vgl. zu dieser Diagnose die Werke Paul Mecherils u.a.) und das Geschlecht bestimmen die gesellschaftlichen Chancen viel stärker! Und auch aus einer Perspektive, die nicht auf individuelle Chancen abstellt, ergeben Milieus, Klassen- und Schichtlagen viel mehr Sinn, denn sie ermöglichen tatsächliche Gesamtbeobachtungen der Gesellschaft. Jede*r, die*r sich mal mit Forschungsdesigns auseinandergesetzt hat, wird wissen, wie viel toller es ist, wenn man statt Querschnittsdaten (Zeitpunkt X, Querschnitt durch die Bevölkerung), Längsschnittdaten (Zeitpunkt X-Y und Querschnitt durch die Bevölkerung, wenn möglich) zur Verfügung hat. Und in der Gesellschaftsbeschreibung ermöglichen diese klassischen Begriffe das quasi. Man verstellt den Blick nicht auf ein kleines Häufchen der Gesellschaft, sondern kann quer zum Geburtsdatum liegende Merkmale miteinbeziehen, erkennt größere Zusammenhänge viel eher, als mit irgendwelchen dahinpauschalisierten Zeitungsartikeln aus dem Handgelenk, die möglichst süffisant über die Jüngeren herziehen.

So. Zu guter letzt noch die Empfehlung für das Interview Fran Osreckis mit der Vice (https://www.vice.com/de_at/article/7bqpga/generation-generationsportraet-oder-warum-wir-immer-alles-labeln-muessen).

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