http://bit.ly/1wVrmK2 (CC BY-SA 2.0)

Mehr Zusammensein

Der Text basiert auf einem unveröffentlichten Entwurf aus der Weihnachtszeit 2014, der an wenigen Stellen überarbeitet wurde ohne den ursprünglichen Kontext zu verlassen. Zwar ist es bis zur kommenden Weihnacht noch ein wenig hin, aber aus gegebenem Anlass dachte ich, dass es sich trotzdem lohnen würde, den Beitrag zu veröffentlichen.

Sie könnten zehn dicke Bände über die Geschichte des Islams lesen und würden doch nichts verstehen von dem, was in Algerien passiert. Aber lesen Sie dreißig Seiten über die Kolonialisierung und die Enkolonialisierung, und Ihnen wird vieles klarer werden.

Amin Maalouf (Mörderische Identitäten)

Gleiches gilt in meinen Augen auch für das, was aktuell in Syrien und im Irak passiert. Ich habe mir angewöhnt, die Dinge, die irgendwas mit “dem Islam” zu tun haben, zunächst nicht-religiös zu ergründen. Beispielsweise in der Bewegung des Djihadismus findet man zahlreiche gescheiterte Biographien, Menschen die nach einer Identität suchen und sie im Extrem gefunden haben. Das ist kein Weichspüler. Ich will die Gefahren nicht klein reden, die aus der stumpfsinnigen Methodologie und dem professionellen Marketing der unterschiedlichen djihadistischen Gruppen erwachsen, aber es ist eine Perspektive, die wir ebenso mit einnehmen müssen und aus der Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft generell erwachsen.

Die unter Salafisten lang angekündigte Hetzjagd hat nun mit HoGeSa ihren Anfang genommen. Immer wieder haben sie sie prophezeit und nun gehen Hooligans und Nazis in Rudeln auf die Straße und wollen Salafisten kloppen. Problem ist nur, dass die Hools in ihrem übermäßig angeheiterten Zustand gerade mal Fatimas Kopftuch erkennen würden, dem gelben Stern der Muslime, wie Dave Davis es einmal so schön auf den Punkt gebracht hat, und das würde schon reichen, um das ein oder andere schlagkräftige Argument zu hinterlassen. In den Nachrichten steht auch gar nichts mehr von Salafisten sondern mittlerweile von “Demos gegen Islamisten”. Da wurden wenigstens alle “Problemgruppen” vorbehaltlich unter einen Hut gebracht und den Nazis eine tolle Vorlage geliefert, um alles was potentiell islamistisch sein könnte, in die braune Pfanne zu hauen. Fein gemacht! Dass es zwischen Muslimbrüdern und Salafisten ein äußerst angespanntes Verhältnis und innerhalb der puristischen Salafiyyah entschiedene Gegner von Da’ish gibt und Salafisten auch ein derbes Problem mit einigen Wahabiten aus Saudi-Arabien haben — das sind nun wirklich Peanuts. Besonders dann, wenn ein gewitzter Politologe die ganzen Brutalitäten von Da’ish als dem Islam inheränte Methoden zur Machtetablierung verkauft.

Dennoch: der Salafismus ist problematisch. Mit Nazis und stumpfen Parolen kann man aber keine Probleme lösen.

OK, wir brauchen also mehr Differenzierung und Helene Fischer. Aber was noch?

(CC BY-NC-SA 2.0) http://bit.ly/1DNbFmL

Ab und an mache ich Moscheeführungen und Workshops mit Schulklassen und interessierten Bürgerinnen und Bürgern. Und wenn ich mir erlaube, diese als Querschnitt der Bevölkerung Dresdens zu analysieren, dann sind laut meiner Heimatstadt Muslime Schuld, an Ebola, Asylflut und der Ermordung von religiösen Minderheiten. Eine Journalistin meinte mal zu mir “Leben und leben lassen.”, als ich sie auf die Problematik verwies, das besonders Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, in Deutschland diskriminert werden. Sie spielte damit auf die Situation der Minderheiten in Syrien und im Irak an. Als ich ihr dann erklärt habe, dass diese Minderheiten, wenn sie jetzt vertrieben werden, vorher über 1000 Jahre mit Muslimen koexistiert haben und das Zusammenleben ja irgendwie in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft funktioniert haben muss, fand sie das durchaus schlüssig. Aber die Frage muss lauten: was haben bitte die Lehramtstudentinnen Sandra, Lamya und Ayse, die, das Kopftuch tragend, unterrichten wollen, mit Da’ish zu tun?

Ich habe keine Lust auf Vorwürfe. Auf dieses ewige hin und her. Das Geplärre, wer jetzt nun den Anspruch hat, für den Islam oder für die Demokratie oder für den Weihnachtsmann sprechen zu dürfen. Seit kurzem empfiehlt der Weihnachtsmann in jedem Spielwarenprospekt irgendwelche Legoautos. Aber ist das wirklich der Weihnachtsmann, der das empfiehlt? Sicherlich nicht, denn der mag, so weit ich weiß, Matchbox. Und sollten wir dann genauso jedem glauben, der meint zu wissen, was “der Islam” ist? Nö.

Der ewige Ruf nach einer Reform, der von populismusgeilen Theoretikern eher als Revolution gegenüber den Grundfesten des Islam gemeint ist, verhindert die klare Positionierung des Islam als eine Religion der Barmherzigkeit in Deutschland. Trotzdem: die muslimische Community in Deutschland muss ihr Verhältnis zwischen ihrem Alltag und ihrer Religion in vielen Punkten neu denken — insbesondere wenn es um den Begriff der Gemeinde geht, der nicht selten eher exklusivistisch migrantischen Männern zugeschrieben wird - mit separat agierenden Frauenvereinen und unter Ausschluss der Jugend. Dieses und zahlreiche andere Beispiele lassen sich aber in meinen Augen, aufbauend auf den ethischen Leitlinien der 1400 jährigen Geistesgeschichte der vielfältigen Muslime, diskutieren.

Doch hier landen wir bei einem Metadiskurs. Und solche führen Muslime aufgrund ihres Minderheitenstatus in Deutschland sehr oft. Gibt es Diskussionen über den Islam, das Kopftuch, die Scharia, den Djihad oder Da’ish, dann fragt niemand “Wie fühlst du dich damit?” sondern jeder fragt “Wie stehst du dazu?”. Plötzlich soll jeder ein Experte in allem sein. Aber fragt doch mal nach den Gefühlen der Menschen.

Fragt doch, wie es ist unter Generalverdacht zu stehen!
Fragt doch mal, wie es ist, immerwährend kritischen, teils wütenden Blicken ausgesetzt zu werden!
Fragt doch mal, wie es ist, mit kaltblütigen Mördern gleichgesetzt zu werden!
Fragt doch mal, wie es ist, zu sehen, wie die eigene Heimat und Kultur von Terroristen zerstört wird!
Fragt doch mal, wie es ist, sein Leben für die Demokratie zu Opfern und sich dann von Vollpfosten in einem Bundesland mit 51% Nichtwählern erzählen zu lassen, dass man doch Demokratie nicht könne!
Fragt doch mal wie es ist Mutter, Vater, Tochter, Sohn zu sein.
Mir hat niemand diese Fragen gestellt.
Men wait to buy bread in front of a bakery shop during winter in Al Qusayr,Homs (Syria) http://bit.ly/1wWfRi0

Bald ist Weihnachten. Eine Zeit, in der die Menschen in der Regel eher mit Einkäufen als Islamismusdebatten beschäftigt sind. Aber nicht nur. Es ist auch eine besinnliche Zeit — ähnlich wie im Ramadan gedenken viele Menschen in diesen Tagen der Dinge, die sie von Gott erhalten haben und sind dankbar dafür. Weihnachten ist das Fest, an dem die Geburt Jesu gefeiert wird und auch wir Muslime sollten uns freuen, selbst wenn es nicht eines unserer religiösen Feste ist, und den Menschen zur Niederkunft Marias gratulieren.

Als die Auswanderer vor den Negus traten und er sie zu Jesus befragte, sprach Jafar ibn Abi Talib zu ihm: “Wir bekennen, was unser Prophet uns gelehrt hat: Er ist Gottes Diener, Sein Gesandter, Sein Geist, Sein Wort, das er Maria, der Heiligen Jungfrau, eingehaucht hat.”

(Ramadan, Tariq. Muhammad: auf den Spuren des Propheten. Diederichs Verlag, 2009.)

Backt Plätzchen und teilt sie mit euren Nachbarn. Trinkt mit ihnen einen Tee, sprecht über eure Gefühle und hört ihnen zu, wenn sie über ihre Sorgen reden. Das ist vielleicht das beste, was wir in dieser schweren Zeit tun können. Teilt Liebe und Barmherzigkeit und habt keine Angst diese auch von euren Nachbarn empfangen zu können.

Einem Gefährten, der fragte, welche Plichten er gegenüber seinem Nachbarn hat, antwortete der Prophet: „Wenn er erkrankt, besuchst du ihn. Wenn er stirbt, beerdigst du ihn. Wenn er dich um Geld bittet, leihst du es ihm. Wenn er in Not ist, hilfst du ihm und wenn ihm etwas Schlimmes widerfährt, tröstest du ihn…“

(Muhammad Yusuf Kandahlawi, „Hayâtus Sahâba“, Bd. III, S. 1068)

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.