Das Verhalten der Kohlmeise 

Nicht im Bild #2


Es würde ein kalter, trüber Tag werden, das war absehbar. Schon der Frühnebel war so feucht und dicht, dass er mir Facettenaugen auf die Brille trieb. Tagsüber würde ich in endlosen, sinnlosen Telefonkonferenzen ins Grau starren, am Abend würde ich mich müde und lustlos vor dem Fernseher wiederfinden.

Meine Hündin folgte Fährten auf der Wiese und ich trottete, die Hände tief in den Taschen, den Weg entlang. Plötzlich bemerkte ich ein dunkles Häufchen einige Meter vor mir auf dem Weg. Zunächst hielt ich es für ein verlorenes Stofftaschentuch. Dann für eine tote Maus. Einige Schritte später begriff ich: Da saß eine Meise. Mitten auf dem Weg.

Ich verlangsamte meinen Schritt, um den Vogel nicht zu verschrecken. Ich wollte ihm so nah wie möglich kommen, bevor er mich bemerken und davon fliegen würde. Aber selbst, als ich ihm schon sehr nah war, blieb er ungerührt sitzen. Das verblüffte mich, denn spätestens wenn meine Hündin uns bemerkte, wäre ein bisschen Scheu sehr nützlich. Milda hatte sich aber gerade daran gemacht, einen Grasbüschel auszubuddeln um die Wurzeln zu fressen. Sie macht das manchmal, ich verstehe nicht, warum. Dem Vogel und mir blieben so aber einige Sekunden.

Ich hockte mich neben die Meise. Sie atmete, sie reckte das Köpfchen und sah mich an: sie lebte. Langsam streckte ich meine Hand aus, näher und näher, bis ich schließlich ihr Gefieder berührte: Seidig und kühl. Die Meise blieb sitzen. Sie reckte nicht die Flügel, sie sprang nicht davon, sie versuchte nicht, nach mir zu hacken. Sie saß da und sah mich an. Wieviel ich von Computern verstehe, dachte ich, aber wie wenig von Tieren.

Meine Hündin war fertig mit ihrer Leckerei und flitzte auf mich zu. Sie wollte Anteil nehmen an dem, was ich gefunden hatte; das verstand ich. Noch bevor ich darüber nachdenken konnte, ob das eine gute Idee war, griff ich nach dem Vogel und setzte ihn in meine Hände. Meine Hündin tötet keine Tiere, zumindest nicht vor meinen Augen. Aber sie spielt gern damit und auch dafür benutzt sie ihre Zähne. Weil ich nicht wollte, dass meine Hündin mit dem Vogel spielt, roch der jetzt nach Mensch. Können Vögel riechen? Schützend bildete ich eine Höhle um ihn und richtete mich auf.

Da stand ich, mitten auf dem Weg; einen Vogel in den Händen, aber keine Idee im Kopf. Die Krallen des Tieres waren scharf und drahtig, der gefiederte Körper pulsierte in meinen Händen, unter den Federn war er ganz hart. Das Tier wog nichts. Ich klappte meine Daumen auseinander um es zu untersuchen. Es schien gesund. Aber was verstehe ich von der Gesundheit der Tiere?

Ich machte ein paar Schritte zu einem nahegelegenen Busch um den Vogel in die dichten höheren Zweige zu setzen. Ich vermutete, dass er ein bisschen Erhohlung brauchte, hielt es aber für eine schlechte Idee, sich diese Erhohlung auf einem gepflasterten Weg zu holen, wo er weder vor Hunden und Katzen noch vor einem wie mir geschützt war. Der Vogel dachte aber überhaupt nicht daran, meine Hand zu verlassen uns sich auf einen Zweig zu setzen. Er krallte sich an meinen Finger und sah mich an, mal mit dem rechten Auge, mal mit dem linken.

Ich war spät dran, dass wusste ich. Meine Hündin war sichtbar irritiert von meinem merkwürdigen Benehmen in den Büschen. Einige Schritte voraus war sie stehen geblieben, hatte sich nach mir umgedreht und beobachtete mich nun.

Ich aber ließ mich nicht hetzen, denn ich war glücklich. Die Meise wollte bei mir bleiben. Obwohl ich ihr die Freiheit anbot, zog sie es vor, auf meinen weichen, warmen Fingern sitzenzubleiben. Das war ein zärtlicher Moment: Die Körperlichkeit von Meisen ist ein seltenes Erlebnis. Das Foto ist eine Trophäe dieses Gefühls.

Ich trat meinen Heimweg an, ohne zu wissen, was mit dem Vogel werden sollte — er konnte nicht ewig in meinen Händen sitzen bleiben. Wie würde Heiko reagieren, wenn ich statt frischer Brötchen einen lebenden Vogel mitbrächte? Wo würde ich das Tier hinsetzen? In meinen Gummibaum? In die Efeutute? Was fressen Kohlmeisen? Würmer? Ich habe keine Würmer. Wäre Apfel auch okay? Oder Gurke? Sesam, vielleicht? Kann man mit Kohlmeisen zum Tierarzt gehen? Und wie würde meine Hündin das finden, wenn ihr Revier für einige Tage zur Voliere würde?

Unverblümt starrten entgegenkommende Passanten auf die Höhle, die meine Hände bildeten, in der Hoffnung, eine Idee davon zu erhaschen, was ich darin beherrbergte. Auch meine Hündin hatte begonnen, sichtliches Interesse daran zu hegen.

Ich kam mir bescheuert vor. Das ist die Natur, dachte ich. Meisen haben Unfälle. Sie knallen irgendwo dagegen und stürzen ab. Dann sterben sie. Bestimmt können auch Meisen Herzinfarkte oder Schlaganfälle haben und dann sitzen sie eben plötzlich lethargisch auf Wegen, bevor sie sterben. Meisen altern und wenn sie irgendwann keine Kraft zum Fliegen mehr haben, dann setzen sie sich gut sichtbar lethargisch auf Wege und warten darauf, von einer hungrigen Katze zerrissen zu werden. Das ist die Natur. Das ist weder traurig, noch grausam, noch zu ändern. Die Dinge laufen so, und ich kann das finden, wie ich will: sie werden weiterhin so laufen. Was tue ich hier, fragte ich mich. Bestimmt würde Heiko mit der in ein Stofftaschentuch gewickelten Meise zum Tierarzt gehen, wenn ich ihn darum bitte. Was aber soll ein Tierarzt mit einer lethargischen Meise? Gebrochene Flügel eingibsen? Einen Herzschrittmacher implantieren? Kreislaufmedikamente verschreiben?

Ich kam mir naiv vor. Das Siechen und das Sterben ist etwas sehr Alltägliches, dachte ich. Nur weil wir Menschen, das so gut es geht aus unserem Alltag ausklammern, brachte ich es nun nicht übers Herz, eine lethargische, kranke, alte Meise ihrem Schicksal zu überlassen. Wäre ich zehn Minuten später los gegangen oder hätte ich einen anderen Weg genommen, wäre ich dem Lauf der Dinge nicht in die Quere gekommen. Ich fand mich kindisch und albern. Aber zurückzugehen und den Vogel dorthin zu setzen wo ich ihn gefunden habe, kam mir noch alberner vor. Außerdem: Ich bin Teil des Laufs der Dinge. Eine Katze hätte den Vogel auch nicht zurück gesetzt, um mir den Vortritt zu lassen.

Meine Hündin lief inziwschen aufmerksam an meiner Seite. Ihr blick ruhte abwechselnd auf meinem Gesicht und meiner Handhöhle. Es kam mir so vor, als wisse sie, dass etwas zu beschützen sei und das freute mich. Was dann passierte, würde ich nicht glauben, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Vor der Tür der Bäckerei tat sich was in meinen Händen. Ich dachte, der Vogel will sich drehen oder eine bequemere Position finden, also öffnete ich die Höhle. Da begann die Meise mit den Flügeln zu schlagen und schlug mir gegen die Finger, kräftiger, als ich vermutet hätte. Ich machte eine flache Hand und der Vogel erhob sich. Schnell stieg er auf. Ich ließ langsam die Hände sinken, ebenso wie meinen Unterkiefer. Staunend sah ich der Meise nach. Zwei Kreise zog sie über meinem Kopf. Dann suchte sie sich einen Zweig in der hohen Birke auf der anderen Straßenseite, weit oben; ein dunkles Häufchen in der Höhe. Meine Hünding fing an zu bellen und ich fing an zu lachen. Ich war glücklich, sehr. Und blieb es den Tag über.

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