Sie zupfte am Kleid ihres Vaters, als es leicht zu schneien begann. „Du, wann kommt denn endlich der Zug?“, fragte sie mit diesem leicht quengelnden Unterton, wenn ihr etwas nicht schnell genug gehen konnte. Er nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und kniete sich zu ihr herunter. „Wir müssen uns wohl noch ein bisschen gedulden. Aber wir haben es bald geschafft, das verspreche ich dir.“
Hinter ihnen lag eine lange Reise und auch zum Aufbruch derer kam es viel schneller als er es erwartete. Bereits seit Wochen lagen unter der Kellertreppe ihre wichtigsten Dinge fertig gepackt, sodass sie zeitnah loskonnten, als es begann. Die ungefähr ersten 700 Meilen kamen sie mit dem kleinen Landrover durch, aber den ließen sie stehen. Jetzt mussten sie nur noch den Zug kriegen. Der Zug, der sie weit wegbringen würde.
Der Zug nach Norden.
Sie ließ seine Hand los und ging ein paar Schritte nach vorne. Trotz der absoluten Stille schaute er dem Verlauf der Schienen in beide Richtungen nach, nur um ganz sicher zu gehen, dass der Zug nicht doch plötzlich kommt, auch wenn er ihn dann bestimmt schon vor zehn Minuten gehört haben müsste. Sie berührte die Schienen. Keine Vibration. Dann kniete sie sich hin lauschte mit gespitzten Ohren. Nichts. Fachmenschlich und mit leicht erhöhter Stimme wiederholte sie: „Wir müssen uns wohl noch ein bisschen gedulden.“
Er musste lachen und formte mit seiner linken Hand eine Geste der Zustimmung.
Aber hinter seinen hochgezogenen Mundwinkeln verbarg sich die Angst, die er vor ihr verstecken muss. Er schaute ihren leichten Fußspuren hinterher, die zu den Gleisen führten. Was ist mit den anderen geschehen? Haben sie es geschafft? Was wird aus ihnen? Seit dem Anfang ihrer hastigen Reise — und auch schon davor — wuchsen die Zweifel und es wird immer schwieriger, sie nicht nach oben dringen zu lassen. Es ist doch ihre Zukunft.
Sie ging mit großen Schritten zurück zu ihm und murmelte etwas in sich hinein. Sein Blick lag erst auf ihr und wanderte dann zu den sich stärker abzeichnenden Fußspuren im Schnee, der nun den Boden zum größten Teil unter sich verbarg. Größere Abstände lagen zwischen den einzelnen Füßen, anders als bei ihrem Weg zu den Gleisen.
Sie blies ihren Atem in Figuren durch die Luft, er spürte nur die kalte Winternacht. Ihre Hand suchte den Weg in die Seinige.
„Wir schaffen das“, sagte er als im selben Moment ein Signalhorn die kalte Winternacht durchbrach. Gemeinsam gingen sie einen Schritt nach vorne.
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