De Maizière und die deutsche Leitkultur

Die Kultur — Kaum ein Begriff ist so umstritten und umfasst so vieles: von dem rechtlichem Rahmen über ungeschriebene Normen zu unserer Kleidung. Kultur fühlt man, sieht man und manifestiert sich im Alltag in Normen und Ritualen. Kultur ist immer da.

Der Hauptkritikpunkt neben vielen weiteren Unschärfen bei Thomas de Maizière, ist dass er zwei Punkte zu Kultur verkennt.

  1. Kultur ist immer im flux und in steter Veränderung.
  2. Kultur entsteht im Dialog und der lokalen sozialen Interaktion.

Im nationalem Raum ist das geteilte Kulturelle das Grundgesetz, die Staatsform und die Sprache. Alles in steter Diskussion und stets in Verhandlung. Im pluralistischem und freiem Staat darf es keine weiteren Verhaltensvorschriften geben.

Man könnte Daten auswerten und so auf eine deutsche Kultur oder gelebte Tradition schließen. Die geringe private Verschuldung in Deutschland zeugt von einem Wert der Sicherheit und Sparsamkeit. Die rückläufige Anzahl der Kirchenmitglieder (auch unter Ur-Deutschen) steht in starkem Kontrast zu Maizière’s Punkt 6. Auch de Maizière’s Besinnung auf die Bildung befremdet — meint er die Inflation der Doktortitel? In kaum einem anderem Land der westlichen Zivilisation bestimmt die soziale Herkunft so sehr den Erfolg im Bildungssystem. Oder ist der soziale Determinismus typisch deutsch?

Die spezifischen Kulturinterventionen oft in der Wirtschaft als ‘Micro Actions’ beziffert, wie ‘Wir geben uns die Hand’ sind wirkungsvolle lokale Instrumente um Normen zu etablieren, sind aber als Vorgabe in einem Rechtsstaat gefährlich und rechtswidrig.

Jede Kultur nah oder fern manifestiert sich in sozialen Gewohnheiten — und gerade in der Hauptstadt wird von Urberlinern wenig gegrüßt.

Wer in Deutschland lebt, erlebt viele unterschiedliche Kulturen und auch dem lokalem Raum spezifische Verhaltensnormen.

Wer kann von einer Kultur sprechen, wer die Gespräche im Ruhrgebiet an einem Büdchen überhört, im Altersheim seine Großeltern besucht oder auf einer Hochzeit in der Hauptstadt feiert. In Köln wird kostümiert, im Dorf der Jogginganzug getragen, in Teilen Hamburgs trägt man Moncler und in Kreuzberg vermehrt Kopftuch.

Kulturelle Begebenheiten unterscheiden sich je nach Region und sozialer Klasse. Das ist in Deutschland so und in jedem anderem Land. Menschen sozialer Klasse stehen sich oft näher aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit als aufgrund ihrer Nationalität.

Gerade in Krisenzeiten neigt der Mensch zur Kontrolle und Zentralisierung — daher wohl die Besinnung auf die Leitkultur. Umso mutiger, wenn de Maizière aufzeigen würde wie bunt und vielseitig der deutsche Kulturraum ist, und gleichzeitig die lokalen Institutionen in denen Kultur jeden Tag verhandelt wird, stärken würde. Wie erfrischend ein Aufruf zu einem offenem Dialog zwischen Deutschen in der fünften Generation, Deutschen in der zweiten Generation, dem DHL Boten sowie dem Berater um unser gemeinsames nationales Kulturgut — die Demokratie und das Grundgesetz zu stärken.

Denn neben den Jack Wolfskin Jacken und dem sonntäglichem Tatort sind es diese Errungenschaften, die uns Deutsche stolz machen sollten.