‘Viel Gut Essen’ von Sybille Berg

“Die gesamte verdammte Scheisse hier brennt an.”


Sibylle Berg lädt in ihrem Stück ‘Viel Gut Essen’ ein in das Innere eines deutschen Mannes — einer, der von sich behaupten kann alles richtig gemacht zu haben. Einer, mit Frau, Kind und einem soliden Einkommen. Einer, der immer alles gemacht hat, was von ihm verlangt wurde. Einer, der seine Frau liebt, so wie halt auch seine Heimat. Muss er deswegen ja jetzt auch nicht jeden Morgen laut verkünden.

Er ist einer, der verdammt wütend ist und Angst hat. Einer, der seinen Job verloren hat, dem seine Wohnung gekündigt wurde — da kommt jetzt ein Asylantenheim hin. Einer, den seine Frau nicht mehr liebt. Einer, dessen Sohn ausgerechnet Balletttänzer werden will. Einer, dem “die da draussen” gehörig auf den Senkel gehen. Einer, der weltmüde ist. Einer, der kocht — innerlich und äusserlich. Er will nämlich mit Taubenbrei, Lamm und Zitronensoufflé seine Familie zurückgewinnen. Aber das mag alles nicht gelingen, wegen seiner Wut und dem Lärm da draussen. Die Zugezogenen, die Homosexuellen, die Geflüchteten, die machen ihn fertig. Es ist doch Feiertag. Pfingsten!

Im Publikum ist man gut amüsiert, lacht über den Wahnwitz des Protagonisten, der sich im Verlaufe des Stücks immer mehr in Rage redet. In der Inszenierung des Schauspielhaus in Zürich gleich in dreifacher Ausführung. Dreimal Hass und Frustration. Schuld sind immer die anderen, na klar!

Zwischen den Lachern da liegt der Schrecken. Die Phrasen, seine verdammten gedroschenen Phrasen. Man kennt sie, von der Strasse, aus dem Fernsehen, dem Internet. Das Stück, ein Stück Realität. Wer also gegen Ende nicht mindestens einmal kräftig schluckt, als sich Protagonist und eine Handvoll Statisten am Bühnenrand aufstellen, der ist vielleicht gut unterhalten, aber hat ganz wenig oder auch gar nichts verstanden. Denn da stehen sie nun und skandieren:

Wir wollen endlich Ruhe schaffen,
Und wenn es sein muss, dann mit Waffen.
Zu lange haben wir geschwiegen.
Sie sind in unser Haus gestiegen.
Wir haben es geschehen lassen,
Und lassen uns für unsere Milde hassen.
[…] 
Steht auf ihr Bürger, es ist Krieg.

“Ich habe Angst” sagt er am Ende.

Ich auch.


Es folgt: Applaus! Begeisterung, für das Stück, die Schauspielerinnen, die so brilliant in dieses Rolle geschlüpft sind, für Sebastian Nübling, den Regisseur der Zürcher Inszenierung und natürlich für Sibylle Berg.


Es bleibt: ein flaues Gefühl im Magen und der Wunsch, dass noch viel mehr Leute sich dieses Stück ansehen, oder zumindest die Textversion lesen.


Hier noch ein kurzes Interview mit Sibylle Berg vom Schauspielhaus Zürich: