Die Kirche der Armen — jetzt, hier
Im 2. Jahr besuchen wir während der vorösterlichen Bußzeit die Passionsgottesdienste der evangelischen Gemeinde. Wir = Menschen mit Behinderung aus einer Komplexeinrichtung, die sich wöchentlich in der offenen Kirche der Komplexeinrichtung treffen können, wenn die Situation in den Häusern, in denen sie wohnen, es ermöglicht. Denn es herrscht Personalmangel. Satt und sauber ist das Ziel. Mehr ist nur drin, wenn alles stimmt. Hinzu kommt, dass das Personal der Kirche gegenüber in der Regel nicht wohl gesonnen ist. Wenige sind selbst praktizierende Christen, die meisten sehen nur den verhassten Arbeitsgeber.
Die Passionsgottesdienste sind schlecht besucht. Sie finden wöchentlich wechselnd in den zwei evangelischen Kirchen statt und werden nur von denen besucht, die sich zu der jeweiligen Kirche zugehörig fühlen. Außerdem gibt es 2 Pastoren.
Die Menschen mit Behinderung aus der Komplexeinrichtung suchen die Chance ihres Lebens. Manchmal werden sie von übereifrigen Mitarbeitern und freikirchlichen Christen mitgezogen. Gemeinsam bilden sie 2/3 der Gottesdienstbesucher in den Passionsgottesdiensten. Sie alle sind die Kirche der Armen: die Menschen mit Behinderung und die, die sich für sie einsetzen. Auch der Fahrer des Behindertentaxis, der eine junge Frau im E-Rolli zur Kirche fährt und drin bleibt, weil es sich nicht lohnt, mal eben woanders hin zu fahren. Er setzt sich ganz nach hinten und freut sich, als eine Mitarbeiterin ihn nach vorne winkt.
Diese Kirche der Armen braucht die Gesunden, die ihr die Teilhabe ermöglichen. Aber die Gesunden kommen nicht zum Passionsgottesdienst. Die wenigen Gesunden, die kommen, freuen sich, können aber selbst wenig machen, weil sie alt und gebrechlich sind.
Wo sind die Gesunden? Wo sind die Reichen? Wo sind die Machthaber? Wo sind die Entscheidungsträger? Wo sind die Berufenen? Wo sind die Begnadeten?
Die Kirche der Zukunft ist die Kirche der Armen, denn sie war auch die Kirche des Anfangs.