Die Sehnsucht nach dem Einfachen

Viereinhalb Jahre ZU, was nimmt man da eigentlich mit? Ein Rückblick. Viereinhalb Jahre intensive Auseinandersetzung mit vielfältigen Perspektiven und irritierenden Charakteren, inmmiten der Anregungsarena, die immer mehr war als nur Universität. Am Strand der guten Hoffnung, wo insbesondere im Sommer die Grenzen zwischen Sonne, Arbeit und See verschwammen.

Aber auch viereinhalb Jahre voller Umbrüche, nicht nur die großen, sondern gerade auch die immer wiederkehrenden, kleinen: neue Lehrformate, neue studentische Projekte, neue Studiengänge, neue Gremien. Ein immerwährendes Entwickeln, Testen, Anpassen, Umsetzen. Oft aufwendig, mit wenig Zeit zum Ausruhen, vielleicht mit teils zu wenig Zeit zu selbstbewusster Reflexion — frei folgend den lauten Sprüchen auf den Merchandising Tassen der ZU: „die Lorbeeren von heute sind der Kompost von morgen“.

Das Ungewisse stand im Mittelpunkt, das Ausprobieren, das Scheitern-Können, der Freiraum — ein bestens ausgestatteter Trainingsplatz, auf dem wir uns auf die Suche machen durften, nach Antworten auf unsere ganz eigenen Fragen. Das mag inmitten von Exzellenzinitiativen, ECTS und Schlüsselkompetenzen nicht nach dem klingen, was die Karriere erfordert, doch gerade darum wurden Dinge möglich, die andernfalls schnell als nicht sinnvoll, rational nicht begründbar oder zu kostspielig abgetan worden wären.

Und doch entsteht vielleicht nur dadurch eine Reichhaltigkeit von Initiativen und ein Umfeld mit vielen forschungsbegeisterte Studierenden, indem es kaum ein Thema gibt, für das sich nicht andere Kommilitonen begeistern lassen. Die Innovationskraft dieser ungewissen Suche nach neuen Wegen irritiert, die unterschiedlichen Sprachen der einzelnen Perspektiven lassen sich nicht problemlos in ein Ganzes übersetzen. Die einfache Lösung ist nicht das Ziel, die Problemorientierung schon eher.

© Julian Stahl

Zur Mitte meines Studiums traf uns alle recht unvorbereitet der konfliktreiche, aufsehenerregende und umstrittene Führungswechsel, mit dem Abtritt des Gründungsteams rund um Stephan Jansen, eine von Controllern überbrückte Zwischenzeit und der oft als kompletter Neuanfang beschworene Start von Insa Sjurts am neuen Hauptcampus. Nach so viel Aufregung sind die Rufe nach Stabilität und Ruhe nachvollziehbar, der Wunsch nach einfachen Lösungen ist stark, insbesondere im nicht immer einfachen Zusammenspiel mit der Stadt Friedrichshafen. Die Gefahr ist groß, sich diesem Wunsch hinzugeben, sich in Floskeln zu verlieren, die Widersprüchlichkeit der Vergangenheit zu verleugnen und (zu) einfache, scheinbar eindeutige Antworten zu finden. Dabei war es doch gerade das, was wir hier mitgenommen haben: die Offenheit fürs Offene, den kritischen Blick und den Argwohn für einfache Lösungen komplexer Probleme, sowie die Freude am Experiment. Auf der Suche nach klarer Ordnung und dem Wunsche einfach endlich eine normale Universität zu sein (wie die wohl aussähe?), besteht nicht nur die Gefahr, dass eine utopische Idee der Universität verloren geht, sondern auch eine Rationalisierung der wunderbar irrationalen Möglichkeiten droht. Der einflussreiche Organisationstheoretiker James March hat in diesem Zusammenhang das Begriffspaar Sensible Foolishnes und Playfulness geprägt. Er wies damit darauf hin, dass Organisationen die Möglichkeit nutzen sollten, Dinge zu tun, die aus zweckrationaler Sicht nicht von vornherein als sinnvoll erscheinen. Um so mit Hilfe des Spielerischen im Geordneten durch eine zeitweilige Zurücknahme von Regeln alternative Wege zu entdecken, die nicht in die Logik und die Konsistenz des aktuellen Entscheidens passen müssen.

Keine Frage, zwischen naiv-großen Ideen (wo, wenn nicht als Studierende sollten große Ideen gedacht werden dürfen?) und regional-relevanten Projekten (welt_raum, Lange Nacht der Musik, … die Liste ist lang), zwischen dem Ruf der Stadt nach Transparenz und wenig gewollter Einmischung in politische Prozesse, auf dem schmalen Grat zwischen Marketing und Realität, der provokativen Irritation des Aktuellen und den vielen offenen Möglichkeiten, entstehen vielfältige Widersprüche. Einfache Lösungen lassen sich dafür nicht finden, wie stark sie auch herbei gesehnt werden.

Und wenn es einer von vielen Punkten ist, die ich an der ZU so schätze, ist es eben gerade dieser: Die Möglichkeit des komplexen Umgangs mit komplexen Beziehungen — zwischen Disziplinen, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Anspruchsgruppen, zwischen Routine und Zweifel. Ein Ort halt, an dem nichts außer Frage steht.

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