Mein erstes Mal Trump (live)
Zum ersten Mal live habe ich Trump im Herbst 2015 gesehen. Auf der anderen Seite des Potomac hat er eine Rede in Virginia gehalten. Mitten im Nirgendwo, in einer Scheune eineinhalb Stunden von Washington entfernt. Mein Kameramann war vor seiner Arbeit in den USA für Al Jazeera in Afrika, mein Techniker war für das ZDF in der ganzen Welt unterwegs — ich hatte zuletzt aus einem Hamburger Newsroom mit Blick auf den Hafen über Wirtschaft und Verbraucherthemen geschrieben, war ein Rookie in der US-Politikberichterstattung.
Wir besaßen zwar Presseausweise, aber keine Credentials für die Veranstaltung (ihr erkennt das Schema…). Geleitet von unserem Wahlkampf-erprobtem Kameramann stellten wir Stativ, Kamera und Tongeraffel zu dem der anderen TV-Crews. Während die Polizeihunde unser Equipment auf Sprengstoff abschnupperten, kamen der Mann an der Einlasskontrolle und ich ins Gespräch. Ach, deutsches Fernsehen, wie aufregend. Ja, er wäre auch mal in Deutschland gewesen. Nein, deutsch spreche er nicht. Irgendwann mischte der Polizist mit, Deutschland sei wirklich toll. Da vorne rechts abbiegen in die Halle und einfach in den Pressebereich, rauf auf die Empore. Schwups, waren wir drin. Mit der selben Selbstverständlichkeit sind wir den amerikanischen Kollegen hinterher, vorbei an der Einlasskontrolle zum Pressepodium (Spoiler: zum ersten und letzten Mal kamen wir so in eine Trump-Rally).
Es war früh in der Kampagne, Trump war weit weg von einer ernsthaften Kandidatur, dem Schutz des Secret Service und prall gefüllten Hallen. Immerhin: die kleine Scheune war bis gut gefüllt, ein Teil der Menge musste draußen warten. Die Atmosphäre erinnerte mich an die Rockkonzerte bei uns auf dem Dorf. Lokale Bands spielten in wohnzimmergroßen Kneipen, alle wollten zwar dabei sein, aber auch mal zwischendurch frische Luft schnappen, sich unterhalten oder sich ein Bier holen. Nur, dass auf dem öffentlichen Trump-Event kein Alkohol ausgeschenkt wurde — Amerika eben.
Kameramann und Techniker waren gefangen auf dem Pressepodium, ein zweites Mal würden sie die strenge blonde Mittfünfzigerin am Absperrband nicht austricksen können. Toilette, Frischluft, alles keine Option. Irgendwann brachte ich ihnen eine Automatencola, die keine Cola sondern irgendein noch zuckeriger Abklatsch war.
Später als angekündigt schwebte Trump auf das Podium und begrüßte vor einem grässlichen Vorhang die wartende Menge: Weiße Mittelschicht, gekleidet in Patriotismus — mal nur im Geist, manche jedoch tatsächlich mit Flaggen-Shirts oder Cappies. Kleine Kinder rannten herum während Trump von bösen Mexikanern und der Mauer sprach.
Seine Rede war lang und unkoordiniert, nicht nur die Presse wurde irgendwann müde, auch sein Publikum zerstreute sich. Wir sprachen draußen mit einer Gruppe junger Amerikaner, sie wollten sich ein Bild von Trump machen. Sprachen mit Veteranen, die auf der Suche nach dem Kandidaten waren, der sich endlich für ihre Belange einsetzen würde. Es waren damals noch wenig passionierte Fans, sondern viele unentschlossene Wähler, die sich endlich ernst gefühlen wollten von einem der Kandidaten. Wer sollte das werden — Jeb Bush? Marco Rubio? Hätte man damals schon ahnen können, dass es Trump werden würde?
