Namaste

„Nummer 56!“ sagte er, während er im Münzfach des Portmonees rührte. Von der anderen Seite des Tresens antwortete die Bedienung: „Gebratene Nudeln mit doppelter Portion Ente…Kommt sofort.“ Der Bestellende schielte über die undurchsichtige Sonnenbrille, prüfte die Summe und warf gleichgültig vier-sechzig auf den Tresen. „Guten Appetit!“ wünschte die Bedienung und sammelte die vier-sechzig ein, die über den Tresen gerollt waren. Er ließ die Sonnenbrille in einer der Furchen seiner Nase einrasten und nahm den dampfenden Container. Als hätte ein Spieler den Turm von C7 nach H7 gesetzt, schritt er über die Schachbrettmuster-Fliesen zum Ausgang des Schnellrestaurants. In der Parkverbotszone, unmittelbar vor dem Eingang, hatte er seinen Chevrolet Corsica gehalten. Er stellte sein Frühstück aufs Dach und drückte mit beiden Händen die Scheibe der Fahrertür hinunter, griff den Türöffner von innen, den Container von oben und stieg ein. Das Kinn schob er über das Lenkrad, während seine Hände in der Nähe des Lochs für den Zündschlüssel an Kabelbäumen wühlten, braun und rot aneinander rieben, die Batterie den Anlasser fütterte, die Karre ansprang. Jeden Tag führte ihn der Weg zur Arbeit durch die gleichen Vorstadt-Fassaden, vor dessen Hässlichkeit selbst der Lama die Nase rümpfen würdeEr rauchte eine Zigarette, bis sie seine Finger verbrannte und zündete eine neue an. Dead Yuppies von Agnostic Front drehte sich im CD-Laufwerk. Zu Mike Gallos Bass klapperte die Armatur, bis er sich gezwungen fühlte, mit der flachen Hand in der Hoffnung auf Besserung auf sie einzudreschen. Die Kippe hing ihm schräg aus dem Mund, Asche brannte ein Loch zu einigen anderen in sein Hawaiihemd. Nun kräuselten sich Härchen aus der Bauchnabelgegend durch die Öffnung von geschmolzenem Polyester an die Freiheit. Und er verdrosch nicht mehr das Armaturenbrett, sondern unter Klatschen den möglichen Brandherd. Straße, Bauch, Straße, Bauch. Das Klappern ließ nicht nach. „Scheiße, man!“, schrie er dem Lenkrad aus adrigem Hals mitten auf die Hupe. Als der Punk verstummt, das Autoradio irgendwo auf der Rückbank wenig befriedigend (ohne Scheppern) auf der Polsterung gelandet war, griff er nach dem Essen.

An der nächsten roten Ampel faltete er den Karton auf, stellte sich die lauwarme Kost in den Schoß, band sich einen Zopf und schaufelte triefende, schwitzige Nudeln sowie Ente in seine schmalen Lippen. Die Ampel schaltete auf Grün. Ein Radfahrer fuhr bei Rot. Ein Knie am Lenkrad, ein Fuß am Gas, dabei den Kopf zum Frühstück gebogen, konnte er es nicht verhindern, ihn am Vorderrad zu streifen. Sofort sprang der Gestürzte wieder auf, richtete seinen roten Helm und stürmte zum Corsica. Der Radfahrer steckte seinen Kopf durch das Fenster der Fahrerseite und sagte: „Verzeihen Sie! Ich habe einen wichtigen Termin beim BfS und da hab’ ich einfach nicht… Wissen Sie, ich gebe ihnen schnell meine Adresse. Haben Sie einen Stift?“ Der Radfahrer schaute auf die weiße Hose des Fahrers, auf der das Fett umhergeflogener Nudeln und Entenstücke Rückstände abgezeichnet hatte wie Strahlenkrankheit.

Ohne aufgeschaut zu haben und nur noch einen Brillenbügel hinter dem Ohr, wischte er mit entspannten Bewegungen sein Frühstück von der Kleidung in den Fußraum. Er blickte auf, starrte dem Radfahrer aus der schiefen Sonnenbrille in die Augen. „Das ist alles überhaupt kein Problem“, sagte er im Ton des besten Kundenservices. Er schaute mit mütterlicher Zufriedenheit am Ohr des Radfahrers vorbei. Ein Moment Stille. Er begutachtete seine rechte Handfläche. Die kleinen fettverschmierten Finger schob er gleich darauf in die Belüftungsschlitze des roten Helms und zog dem Radfahrer den Hals lang, kurbelte das Fenster zu, bis der Wissenschaftler um Atem ringte, japste, Autos hupten und er schließlich aufs Gas trat. Von der Außenseite versuchten die Hände des Hinterhergeschliffenen alles, um den zugehörigen Kopf aus der Klemme zu bekommen, klopften und drückten. Der Corsica bog rechts ab und nach zwei Autolängen der Tortur und des Schreckens, kurbelte er das Fenster runter und entließ den Radfahrer in seinen Tag.

Drei Straßen weiter hielt er den Corsica in zweiter Reihe und ließ den Wagen absaufen. Er stieg aus, klopfte eine übersehene Nudel aus dem Hawaiihemd und trottete in einen Laden, über den das Schild sagte: „Jivamukti Yoga Center“. Aus einem Spint kramte er ein muffiges Shirt und eine Kompressionshose. In neue Schale geworfen, heftete er dahin, wo die Brille war, ein Mikrofon. Durch einen Türvorhang, der Shiva abbildete, tauchte er seine kleine Hand und trat vor das Publikum, das im Halbkreis vor ihm kniete. Er sagte: „Namaste!“, verbeugte sich mit vor die Brust gefalteten Händen, atmete tief ein, während das Publikum wiederholte. Er sagte: „Heute gehen wir durch die leichten Figuren des Vinyasas…“