Um Himmelswillen! Nicht nüchtern in ‘ne Oper

Meine Pobacken und der Rückenansatz vergraben sich wie Zähne in einen Marshmallow, in bordeauxroten Sitzen. Ein Schwall der penetrant Duftenden, der die Nase überfordert und dem Kopf das klare Denken entsagt, wie bei einem Zuckerschock nach drei Stücken Bienenstich-Torte — ich bin gänzlich fehl am Platz. An den Hälsen und in der Luft schwirrt genug Parfüm, dass es scheint, ein Streichholz könne die Oper in Asche legen. Mit dem Ellenbogen auf der Armlehne, so, dass meine Hand zumindest ein Ohr vor dem Glas-zerreißenden Geschrei schützt und den anderen gezwungenermaßen um Julie geschwungen, höre ich noch immer zu viel, als mir lieb ist. Julie ist nicht abzubringen, sie ist viel zu sehr gebannt an die Opernsängerin, deren Stimmbänder meinen Sakkosaum vibrieren lassen, die ihr Kinn in die Höhe hebt, als riefe sie nach dem Rest des Rudels. Wenn ich sie so sehe, gefesselt und von der selben Reizüberflutung eingenommen, die Statham-Blockbuster auftischen, schenkt mir nur ihre Silhouette Trost. Von den letzten Strahlen der Scheinwerfer berührt, fegt ihre Schönheit jede Subjektivität hinweg. Niemand könnte ohne zu lügen behaupten, sie hätte auch nur einen Makel. „Julie!” zische ich zwischen Gaumen und Zungenspitze. Ich will ihre Augen sehen, wissen, ob ich den Hauch einer Chance habe, dem Ganzen hier mit ihr zu entkommen. Einen kleinen Gewinn einfahren, gegen die Sängerin im Kampf um Julies Aufmerksamkeit. Keine Regung. „Julie!” wieder nichts. Gebe ihr einen kleinen Klaps auf die Schulter, stehe auf und wackle mit den Knien, halte mir dabei die Hände in den Schritt, ganz in der Manier des schlimmsten Bettnässers. Im Bruchteil eines Takts dreht sie ihren Kopf mechanisch in meine Richtung und wirft ihre Finger in die Luft, als solle mich der zugefächerte Luftstoß aufs Scheißhaus begleiten. Als die Saaltür hinter mir zufällt, ist der Tinitus in D-moll verbannt. Stille. Ich bin entlassen.

Nur die drückende Blase war als Entschuldigung hinreichend, um mich aus dem Staub zu machen. Anderes hätte sie mir nicht durchgehen lassen. Julie denkt mit striktester Rücksicht an ihre Mitmenschen. Mich durch die Sitzreihe zum Gang zu schieben, die Beine eines jeden Knackers und ihren verstaubten Gemahlinnen zu berühren, von dem Stück ablenken, nur um mir die Füße zu vertreten? Ein Unding wär’s für sie. Ich aber würde es zehnmal machen. Kein Laut dringt durch die Schallschutztür. Verliefe ich mich auf dem Weg zum WC, verlängerte ich meine Auszeit um eine Zigarette, dann sind mir knapp zehn Minuten geschenkt. Um die restlichen zwei Stunden des akustischen Waterboardings durchzustehen, muss ich mich besaufen oder dergleichen. Ich muss sofort Initiative ergreifen. Ein schneller Blick auf die Uhr: noch acht Minuten. So schnell mich die glatten Sohlen der Anzugschuhe auf den polierten Bohlen tragen, gleite ich in Richtung Ausgang — wie eine Powerwalker-Eisläufer-Kreuzung. „Beeilung, Beeilung, Gabriel. Nicht langsamer werden!” spreche ich zu mir selbst. Es ist kaum eine Woche her, da waren Julie und ich in einem dieser Dunkelrestaurants. Läden, deren Biotonne immer leer ist, die archaische Tomaten in Stir Frys unterbringen und trotzdem isst jeder auf. Mir ist — und ich bin todsicher — etwas den Gabelstiel hinauf auf die Hand gewandert, eine Kakerlake oder eine Fliege, etwas, dessen krachenden Chitinpanzer ich nicht zwischen meinen Zähnen spüren wollte. Ein Dinner Crasher in Reinkultur. Dunkelrestaurants sind wie Lieferdienste, deren Küchen nie jemand zu Gesicht bekam, eine kulinarische Wundertüte, die seltener sättigt, als den Körper mit Staphylokokken zu fluten. Julies Plan eines außergewöhnlichen Abends ließ ich also platzen und schliff sie in den Wagen. Gewissensbisse zwangen mich, zu versprechen, in die Oper zu gehen. Ihre Eltern schwärmten dauernd von der magischen Virtuosität, die klassische Stücke zu bieten hätten. Niemand könne mehr das Radio anschalten, ohne eine Enttäuschung, sagten sie. Symphonien würden Türen öffnen, zu neuen musikalischen Welten. Und so überschrieben Julies Eltern uns die gebuchten Plätze, für die im Terminkalender von Frau und Herr Mainz ohnehin kein Platz war. Den ganzen Tag wollten ihre Grübchen nicht aus dem Gesicht verschwinden.

Verloren vor dem Opernhaus stehend, abwägend, ob ich links oder rechts entlang schneller auf Supermärkte stoße, zähle ich runter: „Drei, zwei, eins…” Und das geistige Münzwerfen schickt mich übers Kopfsteinpflaster zu meiner Rechten. Als käme ich den dritten Tag in Folge verspätet ins Büro, durchfährt mich eine Unruhe. Noch nicht mit voller Gewalt, aber durchaus auf dem Vormarsch, ist der nervositätsbedingte Phantom-Durchfall. Vipassana-Atemtechniken und auch Voltaire, der mir ins Ohr flüstert, Probleme würden sich in der Ewigkeit verlieren, sind kein Balsam. Kein fünf-Kilo-Eimer Ameisen-Ex könnte die durch Arme und Beine rauschenden Krabbeltiere lahmlegen. Vorbei an Frisören und Fahrradreparaturshops, stürme ich in ein Tattoostudio. Ein Exot im Sakko zwischen tätowierten Glatzen, die aussehen, als müssten sie sich seitwärts durch die Eingangstür schieben und die jene summenden Nadeln zum Halt bringen, deren Tausende von Stichen Jobträume platzen lassen und Teenager aus Elternhäusern befördern. „Was platzt’n du hier so rein, Freundchen? Hat dein Sohnemann sich ein paar scheiß Flammen auf den Unterarm stechen lassen? Tut mir leid, das geht so schnell nicht wieder weg…” Der Gothic-Gimli rangiert sich vor den Tresen. „Nein, nein! Habt ihr Schnaps da?” Die Uhr über der schwarzen Couch im Chesterfield-Stil gibt mir noch fünf Minuten. Scheiße. „Was denkst du denn, Popper? ‘Ne ganze Menge sogar. Moonshine von Klaus! Aber warum die Eile?” Ich habe hier eine Chance, wie’s scheint. „Die Sache ist, Julie, meine Freundin, hat mich in die Oper geschliffen. Ich gab vor, aufs Klo zu fliehen, will aber nur voll sein, um die Stunden zu überstehen. Ich bezahl auch!” Der kleine bullige Typ dreht sich um und verschwindet in eine Tür, er spricht zur Wand: „Dass du bezahlst, weiß ich…”

Wie ein Schweißer, der sich von der Qualität seiner Naht vergewissert, begutachtet ein anderer, ganz ähnlich dem Gimli, der wohl jener Klaus ist, die Outlines des Motivs auf dem Oberschenkel einer Frau, deren Gesicht im Loch der Massageliege verschwindet. Wie mir wohl ein Tattoo stünde? Was hielte Julie davon? Ein ganz kleines vielleicht, am Oberarm oder Unterschenkel. Was, wenn ich süchtig werde, aussehe, wie ein menschgewordener Kanarienvogel? Bunt und ohne sichtbaren Tan? Die zehn-Minuten-Marke ist fast geknackt. Soll ich gehen, mich auf den Rückweg machen? Die Alkoholfahne macht nichts in der Oper, wo’s sowieso riecht, als sei das Publikum voll von Huren. Unter Stress schmieden sich keine guten Pläne und Option B scheint nicht vonnöten zu sein, als er zurückkommt, in der Hand ein Tablett balancierend, mit etikettloser, schlanker Flasche und zwei kleinen Gläsern. „Schenk’ schnell ein!“ Fahre ich ihn an, befehlender als geplant. „Hast du gehört, Klaus? Der Oper-Fuzi will sich mit mir anlegen!“ Er nimmt Kurs auf den Wandschrank und bedient sich der Zahnstocher. Als griff er nach einer Kippe, legt er einen auf der unteren Kauleiste ab und stiert mich an. Ganz relaxed, er selbst ist Herr der Zeit. Währenddessen verstummt die Maschine in Klaus’ Händen und ich muss direkt an Voltaire denken. Meine Miene bleibt entspannt observierend, doch mein Körper morpht zu einem Termitenhügel. Klaus bricht die Arbeit ab, richtet sich auf und als ich schon rückwärts zur Tür gehen will, verschluckt mich sein Schatten. „Komm, wir trinken, kleiner Mann.” Gimli setzt den Korkenzieher an. „Ich wollte gerade gehen, sonst…” „Deine Süße wird warten müssen. Ohne den Moonshine gekostet zu haben und ein Bild auf der Stirn kommst du hier nicht raus, Freundchen!” Fast fällt der Zahnstocher aus seinem Grinsen auf die Schachbrettmuster-Fliesen. „Ein Bild auf der Stirn? Das könnt ihr nicht machen. Verdammt, lasst mich raus! Ich wollt’s nicht so sagen und schon gar nicht Stress machen!” Was ist das für ein Alptraum? Gefangen in einer schwarzen Leder-Gruft, den unkontrollierbaren Impulsen der Kreativen ausgesetzt, denen ich nichts als eine Leinwand bin. „Wart’ ab!” ächzt mir Klaus in den Rücken. Ein Ploppen und gleich darauf sind die Gläser voll. Nur Teenagern auf Schützenfesten geht der Schnaps so schnell die Kehle runter, wie einem Sakko-Träger, der in einem Tattoostudio festhängt, in die Mangel genommen von verrückten Preisboxern.

„Okay, du darfst dir ‘ne Stelle aussuchen, doch das Motiv ist unsere Sache, klar?” „Ich lass mir doch nichts stechen einfach so und warum überhaupt?” Da stößt mich Klaus’ Pranke auf den Stuhl und jeder Versuch von Gegenwehr wird erstickt von Popeyes Armen im Doppelpaket. Meine Schulter ist freigelegt, das Hemd hochgekrempelt und das Sakko halb ausgezogen. „Bleib’ sitzen oder wir pflastern dir richtig eine!” Das ist die Antwort auf ein letztes vergebliches Strampeln. Die Schulter in Desinfektionsmittel getränkt und los geht’s, meine Haut wird zum Übungsplatz für Gimlis Stick ’n’ Poke Versuche im altertümlichen Stil. Hätte ich doch nur die Kakerlake vernascht, im Dunkelrestaurant. Und wie gerne säße ich in den Marshmallowstühlen. Eine Viertelstunde ist vergangen, seit mein Platz neben Julie auskühlt. Ob sie sich wundert, wo ich bleibe? Noch dazu muss ich ihr ein Tattoo erklären, das vielleicht ein Pimmel ist, vielleicht ‘ne Rose oder ein schlecht gestochenes Paar Möpse? „Was wird’s denn?” Genervt gefragt, als stünde ich im Stau. „Ein Porträt!” Erst jetzt beginnt das Zwinkern, um die Tränen zurückzuhalten und genauso der Phantom-Durchfall, gegen den ich mein gesamtes Becken verkrampfe. „So, das wär’s. Du kannst jetzt zu deinem Julius…” „Julie heißt sie. Kann ich’s sehen?” Bei aller Eile, das muss drin sein. Der Stuhl rotiert in Richtung Spiegel und das Porträt ist ein Smileyface. Klaus kümmert sich um den Kunden, Gimli säubert das Werkzeug und ich schütte einen brennenden Schluck Moonshine ins frisch geschlüpfte Magengeschwür. Mit dem Hochziehen der Nase stürme ich auf den Gehweg und als sei nicht alles genug, brechen die Wolken über mir und die letzten Meter zur Oper gebe ich den Look eines triefenden Neureichen am Tag des Börsencrash. Das Tattoo kann ich später erklären, nur regnet’s nicht auf der Toilette. Zurück über den Boden im Trab und schließlich nur noch im Gleiten eines Eisläufers, rassel ich in die Schwingtüren eines WCs, trockne Haare und Outfit unter dem Gebläse für die Hände. Wie das Paradies erscheint mir das Geschrei der Sängerin und als hätte ich eine Schlacht gewonnen, wackle ich mit allen Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung durch die Reihe der antiken Alten, nur um auf dem Klappstuhl zusammenzufallen, dessen rechter Platz unbesetzt ist. Wo ist Julie? Mich interessiert das Entertainment der Knacker einen Scheiß und mitten im musikalischen Klimax warte ich auf ihre Stimme nach dem Freizeichen mit zitternder Hand am Telefon.

„Wo bist du, Schatz?” „Ich bin schon im Auto, warte auf dich. Das hält ja keiner aus da drinnen! Wo warst du eigentlich? Schatz? Gabriel?”