Wer anderen eine Grube gräbt, fällt manchmal lieber selbst hinein

Wenn sich meine Oma um uns kümmert, dann fühlt es sich an, wie Urlaub. Mein Bruder und ich, wir sind etwa gleich alt, spielen mit Bauklötzen in der Stube. Nie hätten uns Vater und Mutter das genehmigt. Nicht einmal an Weihnachten dürfen wir in der Stube spielen.

So sehr wir es auch genießen, auf dem weichen Teppich Türmchen zu bauen, wird eines der Bauwerke umgestoßen. Das schönere zuerst. Ich stehe auf. Mit der Schuhspitze wische ich sanft die untersten Klötzchen aus Jannes Konstrukt.

„Dir werd’ ich’s zeigen, du Arschkrampe!” Mein Bruder ist rasend. Um seinen Mund herum glänzt es, weil er seine Zunge angespannt herausstreckt, sobald er sich konzentriert.

„Du hast das letzte Mal angefangen. Das hättest du dir vorher überlegen sollen!” Ich schiebe ihm die Schuld in die Schuhe. Das bringt ihn noch mehr in Rage.

Jannes fällt mich an und wir beginnen zu rangeln. Die Klötzchen stechen uns in den Rücken. Erst, als wir Omas Gang auf dem Flur hören, entflechten sich unsere Arme und Beine.

Ihre Söhne verlor sie im Krieg. Meine Mutter und wir — ihre Enkelkinder — scheinen alles zu sein, was ihr zu Glückseligkeit verhilft. Nie hat sie auch nur versucht, mit dem Rohrstock auf uns einzudreschen. Mein Vater hat einmal auf meinen Arm geschlagen, da ist er geplatzt, wie eine Bockwurst.

„Gib Gas, Jannes! Oder willst du die Klötze wegräumen?”

„Ich komm’ ja schon. Weißt du noch, als ich dir von meiner Idee erzählt hab’? Hol’ schnell Sylvias Puppenbesteck! Irgendwas. Ein, zwei Tassen oder so.”

Hastig stürme ich in ihr Zimmer. Sie ist nicht Zuhause. Meine Eltern fahren mit ihr zu einem Arzt. Sie leidet unter starkem Fieber und allem, was dazu gehört. Ich greife zwei Tassen und eine große Kanne.

Durch das Treppenhaus schallen unsere kleinen, schnellen Füße. Jeden Schritt versuchen wir, so laut knallen zu lassen, wie wir nur können. Nichts macht mehr Spaß, als unsere Nachbarn ihrer Ruhe zu berauben. Ohne ein Wettrennen sind wir nur die Treppe hinunter, als Jannes sich ein Bein gebrochen hatte. Ein paar Mal haben wir uns unsere Gesichter demoliert, wenn wir vor Eifer stolperten und uns nicht mehr halten konnten.

Unser Wohnhaus blieb von Bombardements unversehrt. Ich erfreue mich oft an der schönen Fassade: Balkone in jedem Stockwerk und künstlerisch verzierte Fenster. Uns offenbart sich herrliches Herbstwetter. Warm genug, um Dinge auszufressen, aber zu kalt, um faul im Gras zu liegen. Nackte Bäume gewähren uns einen freien Blick auf den blauen Himmel.

„Komm’ mit! Da lang!” Jannes streckt seinen Arm aus. Wir eilen auf die gegenüberliegende Straßenseite.

„Nicht so schnell! Ich kann nicht mehr. Nur um Puste zu sparen, hast du mich im Treppenhaus gewinnen lassen.” Wir werfen mit Beschuldigungen um uns, wir können es nicht ertragen, wenn einer besser ist, als der andere.

Wir hetzen unachtsam über die breite Straße, klettern über Trümmerhaufen, bis Jannes mich zu seinem Versteck führt. Kein Spielplatz ist spannender, als die Überbleibsel des Krieges. Hinter vier intakten Wänden hält mein Bruder. Er hat einen kleinen Vorsprung.

„Warte! Bleib da stehen, Joschka!” Das würde seine Sache spannender für mich machen.

„Okay, jetzt kannst du kommen!”

Er kniet vor zwei Beuteln, umgekrempelt, merkwürdiges Pulver offenbarend.

„Was ist das, Jannes? Hast du Mehl geklaut? Willst du mich auf den Arm nehmen?”

„Nein, du Dummkopf. Sieh her. Das hier ist Kaliumnitrat und das hier ist Schwefel.” Seine Augen leuchten. Desinteresse könnte sein gesamtes Vorhaben kaputtmachen. Aber das wäre gelogen.

Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu.

„Ich habe vorgestern in die Zeitschrift von Papa reingeschaut. Dort stand: „Kaliumnitrat und Schwefel wird zu Schwarzpulver.” Ich habe mir besorgt, was wir brauchen. Das rumst, wie sonstwas!”

Ich weiß immer noch zu wenig, um vor Begeisterung zu sprühen.

„Nun gib schon die Tässchen von Sylvia… Gib her!”

„Jannes, weißt du, was du tust?”

„Aber klar. Wir müssen nur auf unsere Finger aufpassen.”

Es dauert nicht lange und die Pulver sind vermengt in die Tasse gestopft. Mit Knete verdichtet Jannes die Öffnung. Steckt dann ein gewachstes Stück Sachsband hindurch. Die Konstruktion ist gekippt, damit die Lunte brennt.

„Achtung, Joschka! Ich zünde jetzt an. Guck nicht hin!”

Er reibt das Streichholz und legt Feuer an das Band. Hastig schwingt er sich zu mir hinter eine erhaltene Wand. Wir beide versäumen, die Hände vor die Ohren zu halten. Es kracht scheußlich laut. Alles Hören ist getrübt von Piepen. Die Krähen schrecken auf und kreisen durch ihre Bäume. Splitter von der Tasse klirren kreuz und quer durch die Ruine.

„Boah!” Wir rufen im Chor vor Begeisterung.

„Du bist ein Genie, Jannes! Das nächste Mal will ich anzünden!”

Und nochmal verschwinden wir im Sprengstofflager. Diesmal füllen wir die ganze Kanne, etwa dreimal so groß, wie die Tasse.

Den Sprengsatz in der Hand, wandern wir stolz, wie zwei junge Könige über die Kopfsteinpflaster-Straße. Neben unserem Wohnhaus ist eine ähnliche Ruine. Nur kennen wir hier jeden Winkel — das macht sie uninteressant.

Hinter Bergen von Schutt erwartet uns der erhalten gebliebene Schornstein. Alle Ofenrohre münden in diesen.

„Wir müssen dann schnell ins Haus laufen, Joschka! Wir dürfen nicht verpassen, wie sie sich ärgern!”

Kühler wird’s und das Tageslicht nimmt ab. Es wird tatsächlich Zeit, nach Hause zu gehen. Wir machen schnell. Jannes stellt die Kanne in die Klappe am Schornstein. Wenn sie hochgeht, dann wird jeder Ölofen im ganzen Haus seinen Ruß versprühen.

Ich darf zünden. Langsam führe ich den Streichholz an die Lunte und sobald sie brennt, rennen wir ins Haus. Kurz vor der Eingangstür scheppert es. Viel lauter als vorher. Wie durch einen Lüftungsschacht arbeitet sich der Knall in jede Stube vor.

„Hör mal, wie sie sich beklagen, Joschka!”

„Du hattest eine gute Idee!”

Fast jede Tür verlockt uns zum Stoppen, wir wollen lauschen, wie sie fluchen. Wir haben alles richtig gemacht.

Langsam gehen wir zurück in den obersten Stock, in unsere Wohnung. Ein seltsames Gefühl beschleicht uns. Wir vergaßen, dass Oma Zuhause war. Wir stürmen in die Stube.

Wir bleiben im Türrahmen stehen. Oma liegt dort. Sie wollte die Wohnung einheizen. Alles ist voller Ruß. Ihr Gesicht ganz schwarz. Sie muss sich erschreckt haben. Dann auf ein Klötzchen getreten sein, gestolpert und sich den Kopf an der Tischkante zerdeppert haben.