Wenn wegen dem Corona Virus deine Schule plötzlich geschlossen wird

Als ich am Freitagabend die Schule verliess, war ich ziemlich vollbepackt, ich musste alles nach Hause nehmen, um jetzt von zu Hause aus Schulaufgaben zu erledigen. Anweisungen gibt es von den Lehrpersonen per Mail. Wir Schüler untereinander hatten Mühe, die Situation zu fassen und waren überfordert. Es wurden Witze gemacht: «Darüber werden wir im Altersheim reden: Weisst du noch, damals als sie die Schulen wegen dem Virus schlossen? Ich war da dabei und habe das erlebt.»

Zugegebenermassen habe ich mich im ersten Moment gefreut, dass ich in den nächsten Wochen zu Hause bleiben kann. Die letzte Zeit war anstrengend, und wie alle Schüler führe ich ein Leben strikt nach Stundenplan. Da ich neben der Schule noch viel Sport treibe, bleibt wenig Zeit übrig, die ich selbst einteilen und frei nutzen kann. Was jetzt folgen wird, ist das komplette Gegenteil: wenig Stundenplan, viel freie Zeit. Doch der Moment der Freude hielt nicht lange an, bald sickerte bei uns durch, was das alles eigentlich bedeutet. Die grösste Motivation in der Schule sind die Freunde, die lustigen aufheiternden Momente, die die Aufmerksamkeit aller mal kurz vom Unterricht ablenken und alles menschlich und erträglich machen. Doch ab Montag sollten wir zwar gleich viel Unterricht haben, aber alleine zu Hause, ohne Freunde und ohne gegenseitiges unterstützen. Als nächstens brach also unter uns Panik aus. Wir fielen uns wild in die Arme. Alle waren überzeugt, sie würden innert kürzester Zeit vereinsamen. Also verabredete man sich schleunigst zu hunderten von Treffen und gegenseitiges Besuchen, um ja den Anschluss untereinander nicht zu verlieren. Was mit etwas Abstand betrachtet absurd ist, wir sind über das Handy sowieso die ganze Zeit in Kontakt.

Angst vor dem Corona Virus habe ich im Moment nicht. Ich schaffe es nicht, davor Respekt zu haben. Vielleicht ist es jugendlicher Leichtsinn oder Egoismus, da ich nicht zu der Risikogruppe gehöre. Es könnte auch an meinem Umfeld liegen, da ist der Corona Virus auch nicht greifbar, niemand ist infiziert, nur wenige gehören zu der Risikogruppe und unter Freunden wird sich auch aus lauter Gewohnheit munter weiter umarmt.

Die Frage, die mich im Moment am meisten beschäftigt, ist die, wie ich die nächsten Wochen verbringen werde und mit der ungewohnten Freiheit umgehe. Der grösste Feind werden sämtliche Social Media Apps, mit denen man so wunderbar prokrastinieren und versumpfen kann. Ich werde mir eine Technik aneignen müssen, um mich am besten zum Arbeiten zu bringen. Dadurch, dass ich am Morgen das Haus nicht mehr verlasse und dann in der Schule bin, fehlt der Übergang zwischen Kopf an-und ausschalten.

Sicher haben beide Unterrichtsformen ihre Vor-und Nachteile. Viele Dinge werden sich auch erst noch zeigen, zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass ich weniger für Prüfungen lernen muss, da ich im Unterricht manchmal abschweife oder mich nicht konzentrieren kann und mir dann zu Hause alles noch einmal anschauen muss. Wenn ich aber von Anfang an alles selber anschauen muss, muss ich konzentriert sein und kann wahrscheinlich die Zeit selbst besser so wählen, wie ich aufnahmebereit bin. Wenn ich dadurch von Beginn an aufmerksam bin, könnte es sein, dass ich am Ende weniger Zeit ins Repetieren vor der Prüfung stecken muss, was natürlich ein enormer Vorteil wäre.

Mir ist es wichtig, mein Leben in den nächsten Wochen so abwechslungsreich wie unter den Umständen möglich zu gestalten und mich zu zwingen, regelmässig rauszugehen. Am liebsten möchte ich möglichst viel Zeit mit Freunden verbringen, damit wir uns gegenseitig motivieren können. Sich selbst zu motivieren ist immer unglaublich schwierig, vor allem über einen längeren Zeitraum, in dem wahrscheinlich nur weniges für Abwechslung sorgen wird. Ausserdem werden wir wahrscheinlich oft miteinander telefonieren, nicht um die ganze Zeit miteinander zu reden sondern nur um die Anwesenheit des anderen irgendwie zu spüren.

Wie die nächsten drei Wochen werden, ob ich genügend Selbstdisziplin habe und wie diese Erfahrung mein Leben verändern wird, kann ich jetzt natürlich noch nicht sagen, doch ich bin gespannt und sehe darin die Möglichkeit mein Horizont zu erweitern und mir selbst zu beweisen, dass ich mein Leben auch ohne ständige Kontrollblicke und fix vorgegebene Strukturen führen kann. Ausserdem werde ich diese Zeit nutzen, um mich von den letzten Wochen, in denen ich immer nur meinem Stundenplan und den vielen Terminen hinterher gerannt bin, etwas zu erholen und endlich Dinge zu erledigen, die nicht in meinen üblichen Wochenplan hinein passen.

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