Schnell!

Der kleine Hase bei Alice im Wunderland spurtet immer wieder durch mein Leben in Form einer unerklärlichen Angst nicht genug Zeit zu haben. Das ticken seiner kleinen Uhr pocht dann laut in meinem Ohr und ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Die Zeit rennt mir weg, ein beständiges Gefühl.

Wir leben in einer Epoche der Menschheit in der wir es uns zum Ziel gemacht haben, uns alle ins Burnout zu stürzen oder uns totzuarbeiten. Kindergarten, Schule, Uni, Arbeit, zwischemdurch alles konsumieren was der Fernsehr uns anpreist und als lebensnotwendig verkauft. Lifestylenotwendig wohl eher. Ich habe keine Zeit krank zu sein, nie. Immer wenn ich krank werde ist das mit einem schlechten Gewissen gekoppelt, es mir eigentlich nicht leisten zu können krank zu sein. Sei es wegen Uni, Freunden oder der Familie. Gefühlt muss immer einer dieser drei Bereiche Einbüßungen machen die ich lieber vermeiden würde.

Wir leben in einer Zeit in der man lernen muss “nein” zu sagen, weil man sonst nicht mehr hinterherkommt. Man kommt dem Rennen des Sekundenzeigers nicht mehr nach, denn darauf haben wir uns irgendwie spezialisiert, das Rennen hinter diesem kleinen, dünnen, hyperaktiven Zeiger, der viel zu schnell, viel zu oft im Kreis rennt. Deswegen ist er wahrscheinlich auch immer der dünnste Zeiger, abgerannt, ausgezehrt, immer in Bewegung. Dieses “nein” sagen macht mich wahnsinnig weil ich wenn ich meine Zeit selbst einplanen dürfte nicht in diese Bedruille geraten würde. Ja ich würde mein Leben zeitl. gerne komplett selbst regeln, sprich ich möchte für die Uni lernen wenn ich lernen kann, weil mein Kopf frei ist nicht wenn ich merke, dass ich mich eigentlich mit anderen Dingen auseinandersetzten sollte. Hier kann der berechtigte Einwand kommen, dass es sich bei mir um Luxusprobleme handelt und Leute schon mit anderen Dingen fertig geworden sind. Diese Leute habe ich getroffen. Diese Leute stecken mit 40 oder 50 in der Mitlifecrisis oder sind so taub geworden, dass sie nichts mehr fühlen können und wollen. Leere Hüllen, einsame Geister in den überfüllten Straßen. Blind für alles um sie. Ich nehme mich selbst wichtig und statt in die Uni zitiert zu werden mit Anwesenheitspflicht träume ich von einem System dass es uns allen ermöglicht so zu lernen und zu arbeiten wie es für uns am besten ist, denn so können wir auch die besten Leistungen hervorbringen.

Noch ist es mein Traum und ich muss arbeiten oder in die Uni wenn ich weder physisch noch psychisch dazu in der Lage bin, körperlich bin ich da, doch bringen tut mir das ganze nichts außer mich noch mehr auszusaugen. Ich finde es lächerlich dass die Gesellschaft von mit verlang, 3 oder 4 Tabletten zu nehmen um halb-Zombie-gleich durch den Tag zu schlurfen und zumindest physisch anwesend zu sein wenn ich krank bin. Ist ja nur Aspirin oder Grippostat, was da drinnen ist meint man wage zu wissen und was es im Körper bewirkt ist sicherlich super, sonst gäbe es das ja nicht in der Apotheke. Dass Tabletten jeder Art eine Hemschwelle einreißen ist uns irgendwie doch allen bewusst. Man sensibilisiert sich für die Tatsache, dass das Leben “einfacher” ist wenn man sich ab und an doped. Ob es um den Husten, das Kratzen im Hald oder das unwohlsein nach zu schnellen, zu fettigem Essen geht. Gegen jedes Leiden ist eine kleine Pille gewachsen. Psychische Leiden werden zwar immer Größer im Volksdenken doch dass es mir nicht gut gehen kann wenn ich gerade 3 Pillen die mit verschiedensten Substanzen gefüllt sind, mit denen ich mich mein Lebtag nicht auseinandersetzten werde, einnehme um aus dem Bett zu kommen, interessiert irgendwie keinen . Stell dich nicht so an. Funktionieren. Immer funktionieren, denn sonst verpasst du ja was! Ja genau, du verpasst. Das ist das gemeine heutzutage. Uns wird eingeredet wir verpassen Dinge, Menschen, Möglichkeiten. Man verpasst die beste Partie, die schönsten Ausflüge, die wichtige Vorlesung, oder ähnliches. Und wenn du erstmal was verpasst, dann kommt ein anderer und schnappt es dir weg. Das wird uns erzählt.

Steine und Felsen werden einem in den Weg gelegt wenn man versuchen will etwas zu verändern. Ich versuche meine Welt etwas langsamer machen, denn die Tatsache dass alle immer nur noch rennen empfinde ich als hochgradig ungesund. Und irgendwie ist es auch lächerlich dass alle wie der Hase von Alice rumhoppeln und es ihnen nicht einmal auffällt. Ich gehöre da selbst zu, ich laufe nie gediegen zur Bahn oder Tram, ich renne, immer. Oder zumindest schneller Laufschritt. Keine Zeit verschwenden. Zeitmanagement, gute Zeiteinplanung. Alles muss wie im Tetris-Spiel in perfekt zusammenpassenden Zeitbauklötzen aufeinander aufbauen.

Wenn du früh 1 Stunde in die Uni fährst kannst ja noch eine Stunde effektiv in der Bahn Sachen für die Uni vorbereiten. So denke ich manchmal, ich bin absolut auf Schnelligkeit programmiert und fange erst langsam an das bewusst wahrzunehmen und mich zu bremsen. Entschleunigen ist mein neues Zauberwort. Ich möchte nicht zu den 25 and burned out Leuten gehören, da fühle ich mich eher noch zum Club der 27 hingezogen. Die starben wenigstens weil sie zu intensiv gelebt haben und nicht weil sie zu intensiv arbeiteten.

Und hier komme ich zu meiner größten Problematik, wenn du wirklich leben willst, dann gehört dazu auch Erholungszeit. Jeder von uns hat Dinge in seinem Leben erlebt die verdrängt wurden und uns unterbewusst beeinflussen und fernsteuern. Diese Dinge zu erkennen oder sich damit auseinanderzusetzten kostet Zeit. Viel Zeit. Und diese Zeit wird dir heute genommen. Wer kann von sich behaupten sich wirklich zu kennen und sich mit sich selbst und all seinen Macken auseinandergesetzt zu haben? Wer ist im Reinen mit sich? Irgendwer hat mir mal den Mythos in die Welt gesetzt, dass dies ein Stadium ist das man erst im höheren Alter erreichen kann, wahrscheinlich wieder mein Opa, der möchte dass ich arbeite und Geld verdiene. Deswegen warten die Meisten und versuchen dann mit 50 oder älter die festgefahrenen Brüche zu verarzten die bis dahin wahrscheinlich nicht mehr zu kitten sind. Das mir die Zeit dafür genommen wird in meinem Leben aufzuräumen weil ich schnell in die Uni oder schnell arbeiten muss oder sonst etwas tun MUSS, nervt mich enorm an. Denn ein in sich ruhender Mensch kann besser denken, fühlen und arbeiten. Man ist fokusierter und kann sein volles Potential ausschöpfen, also genau das was in dieser irre schnellen Welt eigentlich gebraucht wird. Leute die darauf klar kommen. Diese Leute brauchen aber auch erstmal Zeit sich zu entwickeln und das versteht bei uns so gut wie niemand.

Ich verstehe ja auch erst langsam und die Umsetzung der Entschleunigung ist schwieriger als gedacht. Ich fühle mich manchmal unzulänglich oder so als würde ich versagen, als Freundin die mal keine Zeit hat, als jemand dem das ganze Arbeits- und Uni- Ding zuviel wird, als Mensch der den Anforderungen der Zeit nicht gewachsen ist. Gleichzeitig geht es mir “seelisch” immer besser, was mich motiviert weiterzumachen und die Stimmen im Kopf, die mir sagen dass ich gerade faul bin oder nichts leiste und deswegen wertlos bin, zu ignorieren. Ich setzte mich mit Episoden meines Lebens auseinander die mich jahrelang beeinflusst haben und habe einen guten Überblick darüber was in meinem Leben bisher ich selbst war und was geprägtes Verhalten durch meine Umgebung war. Ein Psychologe würde das sicherlich anders nennen, aber ich bin keiner und schreibe nur meine eigens gemachten Erfahrungen in meinen Worten nieder. Kurzum, es wird in mir immer ruhiger und wärmer während ich gleichzeitig immer sicherer darin bin zu merken was ich will, auch wenn dafür alles um mich herum gerade zuviel ist. Das ist der Preis den ich zahle, etwas Rückzug aus dem Leben und ab in mich hinein. Ich werde viel verpassen, ich werde vieles nicht sehen und werde einen riesigen Berg an Uni-Sachen nachholen müssen. Doch zumindest kann ich mir zuhören und am allerwichtigsten ist, dass ich mir endlich für mich Zeit nehme. Alles andere kann ich später machen. Oder wie meine Oma gesagt hat, “Es kommt eh alles zu seiner Zeit”. Die Alten mit ihren Weißheiten.

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