Sie nennen es Bartei
Gestern Abend kam nicht zum ersten Mal die Frage auf, was ich denn arbeite. Ich antwortete — gewohnt ausweichend — dass ich vor allem deswegen bei Twitter sei, um endlich von der Arbeit loszukommen. Insgeheim ist mir das Thema seitdem zunehmend nahe gekommen, zunächst mit pralinenhaftem Locken, später einem energischen Hausbesuch. Als ich dann heute Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand ich mich von einem Kokon umsponnen, dessen zerbrechliche Fäden mich zwar wärmten, aber zugleich auf eine unbestimmte Weise traurig machten.
In dem Kokon liegt etwas, mit dem ich mich gerne näher beschäftigen möchte.
Fäden
Die Fäden sind weiß, knisternd liegen sie um meinen Körper, berühren sich nur, wenn ich mich bewege. Ich atme ihren Duft nach Sonne und Industrieverpackung. Sie trennen mich von der Welt wie sie mich mit ihr verbinden. Im Einatmen strömen die Fäden der Welt als Texte, Bilder und Empfindungen in mich hinein, im Ausatmen schießen sie in den Kokon und bleiben dann vibrierend liegen. Schnitt.
Vorweg: Ich arbeite gern, und erlebe das, was ich tue, als sinnvoll und erfüllend. Mein Job ermöglicht mir ein einigermaßen gutes Auskommen, und ich muss mir eigentlich keine Sorgen darum machen, jemals über einen längeren Zeitraum keinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Es gibt auf den ersten Blick wenig Grenzen zwischen dem, was ich tue, und dem wie ich lebe. Ich bin mit meinen Gedanken sehr oft bei den Inhalten, die mich beruflich beschäftigen, egal, was ich gerade mache. Es erfüllt mich, wenn mir Ideen gelingen, ich scheinbar Widersprüchliches zusammenbringe oder sich zumindest eine Prognose von mir bewahrheitet.
Ich verbringe ungefähr 40 % meiner wöchentlichen Lebenszeit im Arbeitskontext. Manchmal bin ich sehr fokussiert, dann wieder muss ich meine Gedanken einfangen, ihnen Zügel anlegen. Andere Menschen in meinem Umfeld arbeiten weniger. Dafür haben sie Hobbys, gehen spazieren, treffen sich regelmäßig mit Freundinnen und Freunden. Das alles macht mir ebenfalls Freude, so dass sich die Frage aufdrängt, warum ich auf diese schönen Dinge so oft verzichte.
Kokon
Wahrscheinlich hat der Kokon schon immer existiert, er wartete nur auf einem Berg auf den richtigen Moment, um sich zu zeigen. Oder mein Blick war zu bifokal, wechselnd zwischen Innen und Außen, dabei den Zwischenraum nur streifend. Ich tauche ein in das Gespinst, durchschwimme pulsierende Verästelungen, kein Grund in Sicht. Das Nachbild der hellen Fäden lässt es zunehmend dunkler werden, die Luft schmeckt nach Staub. Ich kann nicht mehr atmen. Schnitt.
Die Geschichte der Arbeit (und darunter mache ich es natürlich nicht) ist zumindest seit dem Mittelalter ein Spagat zwischen Notwendigkeit, Individualisierung und Gesellschaftslogik. Während der Bezug auf die Erbsünde im Sinne der Arbeit als Strafe in den ständischen Gesellschaften durch den Begriff der “Berufung“ abgemildert wurde, in denen das zu erschaffene Werk eine direkte Verbindung zu Gott darstellt, verlangten die neuzeitlichen Gesellschaften zunächst die Unterwerfung unter die Logik der Stechuhr, später, sich den Zwang der ständigen Optimierung zu eigen zu machen. Einerseits herrscht eine deutlich größere Wahlfreiheit in Bezug auf persönliche Lebenswege, gleichzeitig eine einengende Tendenz zur Beschleunigung. Ich finde mich in allen Perspektiven wieder.
Einerseits wirkt meine Tätigkeit wie eine Berufung, ich kann beinahe tun, was ich möchte. Dennoch, oder gerade deswegen, fühle ich mich in manchen Momenten wie auf der Galerie. Das Fehlen eines eifersüchtigen, aber zumindest bezogenen Gottes lässt das Grauen, das die Romantik von Jean Pauls Rede des toten Christus vom Weltgebäude bis zu Stephen Kings Revival beschäftigt, auch in die Arbeitswelt hineinsickern. Wenn kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater kommt, kann es nie gut werden. Nebenbei, auch von der protestantischen Ethik bleibt ohne die Idee eines Gottes eine anstrengende Hülle, die in ihrer Sinnlosigkeit an die Fabriken des Planet Eden von Stanisław Lem erinnern. Und das Problem der Beschleunigung muss erst noch von Hartmut Rosa gelöst werden.
Das Soziale kann ich nicht abstreifen, es tröstet mich eher, zu wissen, dass ich mit den Themen nicht alleine bin. Weniger klar erscheint mir die persönliche Ebene.
Melancholie
Mir träumte, ich sei auf einer großen Bühne und ginge in etwas auf, das ich seit neun Jahren mit abnehmender Schmerzlichkeit vermisse. Dann ein Riss, zuerst besorgte Berührungen an den Armen, Stimmengemurmel, dann gleißendes Licht. Auf den Augenliedern Wächter, deren Speere argwöhnisch die Netzhaut im Schach halten. Operationssaal. Schnitt. Beim Aufwachen gedanklich mit den Fäden spielen, die sich aus der Haut ranken. Plötzliche Schwere, als diese mich mit der Matratze zu verbinden scheinen, mühevolles Hochstemmen, bis der Kokon sich seufzend löst. Vorsichtiger Blick in den Spiegel. Schnitt.
Bleibt also der eigene Antrieb. Ich kenne mich gut genug, um zu wissen, wie sehr meine Ansprüche die Leichtigkeit des Denkens mit Senkblei auskleiden, dass die Dinge, die ich erledigt habe, aus meiner Perspektive hinter dem unsichtbar werden, was auf der Arbeitsliste steht. Dass ich diese Liste selber schreibe, macht es nicht notwendigerweise einfacher. Mir ist die Logik der vorauseilenden Entgrenzung bewusst, das präventive Involvieren in Projekte, um mir reale Chancen und Möglichkeiten zu sichern, mit dem Nebeneffekt der anschwellenden Bugwelle des Unbearbeiteten. Es gibt kein Ankommen, die Zeitstruktur löst sich auf, und das kreative Fließband wird vom inneren Vorarbeiter nach Belieben beschleunigt.
Warum ist es nie genug? Die Außenperspektive könnte im Blick der anderen liegen; sich erst beweisen zu müssen, bevor andere mir freundlich begegnen. Das wäre so etwas wie eine prometheische Scham, aber in der Annahme, dass die anderen die Maschinen sind. Gleichzeitig schützt mich das Arbeitspensum vor der Verlegenheit, die Gegenhypothese überprüfen zu können. Wahrscheinlicher scheint mir beim Schreiben, dass es noch mehr darum geht, ob ich mich selber mögen kann, wenn ich das nicht erreiche, was in meiner Brust wohnt, antreibt, fordert, herrscht und mordet. Dieser Teil lässt sich schwer in seiner Absolutheit auflösen, da ich mich in der Logik gefangen wähne, niemals hinter die aktuelle Leistung zurücktreten zu können, aus Angst, diese Seite und ihre Unabhängigkeit aufgeben zu müssen.
Dieses Spannungsfeld ist nicht leicht zu bestellen. Wahrscheinlich wünsche ich mir, aus den Fäden einen Mantel zu weben, den ich an- und ausziehen kann, und dass mir im Kokon heimlich Flügel wachsen.
Daran arbeite ich also.