Warum der Kontakt zwischen Leserinnen* und Journalistinnen bei Twitter wahrscheinlich unmöglich ist

leonceundlena
May 5 · 8 min read

Neulich, vor ein paar Tagen oder Wochen, passierte etwas Seltsames: Ich kritisierte öffentlich die Wortwahl eines Teasers einer großen Tageszeitung, der Tweet bekam ein paar Retweets und Favs, kurz darauf meldete sich die Zeitung, bedankte sich für den Hinweis und änderte den Artikel.

Der Schock war groß, denn dieses Verhalten entsprach nicht meiner Erfahrung. Mehr noch, er brachte mich dazu, die mögliche Erlebenswelt von Journalistinnen mit der meinigen zu kontrastieren. Nachdem ich einen weiteren Tweet als Frage in den Äther geschickt hatte und engagierte, jedoch von der Anzahl her wenige Antworten erhielt, wurde mir ein Teil derjenigen Dynamik deutlich, die wahrscheinlich langfristig echten Austausch verhindert und vermutlich strukturell nicht aufzulösen ist. Um die Entschuldigung vorwegzunehmen: Was nun folgt ist hochgradig subjektiv, wirft jegliche Theorie über Bord und steht daher für all die Dinge, die ich in den Onlinemedien sofort überlese.

Ich kann jederzeit aufhören, aber …

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts begann ich, jeden Tag zwei Tageszeitungen zu lesen. Kurz vor dem Millenniumswechsel reduzierte ich die Dosis auf eine Tages- und eine Wochenzeitung. Später kamen drei große Medienportale hinzu, was als tägliche Routine meiner Produktivität schadete, meinem Informationsbedürfnis jedoch sehr entgegenkamen. Sich verändernde Tagesarbeitszeiten führten zur Reduktion auf eine Print-Wochenzeitung, aber richtig clean wurde ich nie, war doch der schnelle Griff zur Website viel zu verlockend. Heute lese ich eine Wochenzeitung, sowie online auf mehreren Seiten nationaler wie internationaler Tageszeitungen.

Seit den 90er Jahren konnte ich die Veränderungen der Medienlandschaft beobachten: In den Printausgaben wurden die Bilder und Überschriften größer, die Redaktionen kleiner, und dann gab es da plötzlich diese ganzen freien Mitarbeiter*innen, und die Bezeichnung schien mir bereits damals bestenfalls ein Euphemismus zu sein. Zeitungen bezogen ganze Abschnitte aus ein- und derselben Quelle, ergänzt durch zusammengelegte Lokalredaktionen. Online tauchten irgendwann Artikel auf, die nicht mehr lesbar waren, in mehrfacher Hinsicht. (Nebenbei: Für mich hat das Modell mit den Bezahlschranken nie funktioniert. Wenn die spannenden Artikel bezahlt werden müssen, der Rest nicht aktuell, zu kurz [ich nenne das mal so] oder zu viel Copy-Paste von Agenturvorlagen enthält, denke ich sofort, dass der verborgene Inhalt nicht besser sein kann. Toll finde ich hier den Guardian, der in vielerlei Hinsicht sprachgewaltige und informierte Artikel vorlegt, um dann zur Spende einzuladen - eine Aufforderung, der ich gerne und regelmäßig nachkomme.)

Wie es um die Printausgaben steht, wurde mir im Kontext der Griechenlandkrise schmerzlich bewusst. Ich las zunehmend Texte, die mich kopfschüttelnd zurückließen, mit dem zunehmenden Eindruck, dass da Menschen schreiben, die vom Thema völlig überfordert sind. Beim Nachlesen der Berufsbiographien fiel auf, dass diese zumeist jüngeren Menschen zwar mit einer soliden oder gar flotten Schreibe daherkamen, zu beinahe allen Bereichen des Lebens etwas zu sagen hatten, aber wenig an einem Thema oder Ort verharrten. Ich schalte dann ab. Aus der Nummer bin ich seitdem nicht mehr rausgekommen.

Zur Dialektik von Kopf und Tisch

Mittlerweile stört mich recht viel von dem, was ich lese. Entweder ist es irgendwann in Mode gekommen, als ein inhaltliches Profil durch möglichst unterschiedliche Artikel aus konträren Ecken des politischen Sprektrums zu ersetzen, oder ich bin selber ungeduldiger geworden. Manche Zeitungen haben nach wie vor ein tolles Feuilleton, dann aber wieder Kommentare oder Gastautorinnen, die am rechten Rand fischen und damit die Grenzen des Schreibbaren nach und nach verschieben. Emotional fühle ich mich in keiner Zeitung mehr zu Hause, was eine interessante Replikation meines Klickverhaltens darstellt: Ich hätte in Printausgaben am liebsten manche Teile von einer, andere von einer anderen Zeitung, was das Lesen sehr unbefriedigend macht.

Eines schönen Abends meldete ich mich bei Twitter an. Dort folge ich mittlerweile relativ vielen Journalistinnen, manche folgen auch meinem Account - keine Ahnung, wie ich da hineingeraten bin. Twitter ist insgesamt eine sehr schöne Angelegenheit, weil es um etwas geht, das ich liebe, nämlich Sprache. In den letzten Monaten erlebe ich dort eine zunehmende Zurückhaltung von Menschen, die journalistisch tätig sind, sowie ein Klagen darüber, dass es doch nicht mehr wie früher wäre, sich Menschen ständig über irgendetwas aufregten, und Twitter keine Freude mehr mache.

Als mir das eine Journalistin und Autorin, die ich sehr schätze, in einem Gespräch per DM mitteilte, war ich seltsam beschämt. Ich fühlte mich auch als Person angesprochen, die ab und an Screenshots von Artikeln in kommentierter Fassung in den Umlauf bringt, und die die Erfahrung gemacht hat, dass diese mitunter etwas bissig formulierten Anmerkungen durchaus die Runde machen können. Ich bin da übrigens nicht stolz drauf. Als ich in der oben genannten Angelegenheit ins Nachdenken kam, wurde mir deutlich, dass sich solche Tweets aus meiner Perspektive wie eine legitime Antwort, bei genauerer Betrachtung beinahe wie eine Art Selbstverteidigung anfühlen. Und das funktioniert bei mir so:

  1. Ich lese einen Artikel und ärgere mich, weil er schlecht geschrieben oder - aus meiner Perspektive - fachlich falsch ist. Manchmal schreibe ich eine freundlich formulierte Antwort.
  2. Das mache ich zwanzig Mal (nicht mit demselben Artikel, versteht sich).
  3. Ich verzweifle innerlich: Was sind das für Leute, die so etwas schreiben oder in Auftrag geben, die sind doch klug, müssten es doch besser wissen. Um die Frage vorwegzunehmen: Selbstverständlich setze ich hier meine Haltung als die richtigere voraus. Ich kann das zumeist begründen, aber natürlich nicht immer. Ich sehe auch keinen übergeordneten Wert darin, mit konträren Perspektiven konfrontiert zu werden, sofern diese Blödsinn oder strukturell menschenverachtend sind. Dies hat zudem den Charakter einer strukturellen Entmündigung, als ob ich nicht selber in der Lage wäre, mich zu informieren.
  4. Irgendwann kippt mein Erleben in ein Ohnmachtsgefühl, und dann beginnt die innere Legitimation: Wenn das Medium durch Provokation Klickzahlen zu produzieren versucht, dann dürfen sie gerne von ihrer Medizin kosten, dann sind sie “fair game”, wie es so beschwichtigend auf Englisch heißt. Alle, die zur Feder greifen, werden durch die Feder umkommen. Wenn sie sich als Öffentlichkeit begreifen, dann bekommt sie eben die Öffentlichkeit zu spüren, und das bin an dieser Stelle ich. Tatsächlich erlebe ich ab hier nicht mehr den Wunsch nach wie auch immer geartetem Austausch, sondern mein Handeln als etwas armseligen, aber dennoch politischen Akt, in dem das Gegenüber sich entweder schon lange als Gegnerin bewiesen hat und daher in einer Konfliktlogik bekämpft werden darf, oder aber vielleicht durch Gegenwind doch noch zum Nachdenken gebracht werden kann.
  5. Dann schreibe ich einen entsprechenden Tweet und gucke ab und zu an, was mit diesem passiert, mitunter mit klammheimlicher Freude. Zustimmung zum Tweet ist angenehm, ich bin nicht allein und ausgeliefert.
  6. Zumeist passiert ansonsten nichts. Es gibt nur sehr selten Reaktionen der Autorinnen, die Zeitungsaccounts sagen sowieso nichts.

Meine Erfahrungen mit anderen Formen der Kontaktaufnahme zu Zeitungen sind im besten Falle gemischt. Ich habe erlebt, wie auf Kritik an einer von mir abonnierten Zeitung, die am 8. Mai eine Anzeige der Jungen Freiheit abdruckte, darauf verwiesen wurde, dass man formal alle Regeln eingehalten habe, wie ein Leserinnenbrief zusammen mit anderen Personen, die in ihrem Gebiet Rang, Namen und Titel hatten, von einer anderen Zeitung nicht gedruckt wurde, da die fachfremde Ressortleitung der Meinung war, dass die ebenfalls fachfremde Autorin des kritisierten Artikels mehr Ahnung als die Fachmenschen hätte. Gute Erfahrungen habe ich nur mit dem Deutschen Presserat gemacht, aber das sagt dann auch schon etwas über die Zeitung aus, deren Artikel beanstandet wurde.

Ein Herz für Tische

Bis hier liegt der Ball bei mir, und ob ich da in das Internet hineinschreibe oder nicht, muss eigentlich niemanden interessieren. Auf der anderen Seite schreiben bei den Zeitungen natürlich auch Menschen, die bei denjenigen Medien, die ich mir zu Gemüte führe, zu einem nicht geringen Prozentsatz zumindest nicht bösartig sind. Manchen haben sogar Gefühle, so heißt es. Wenn ich mich an ihrer Stelle einem anhaltenden Regenschauer negativer Kritik ausgesetzt sähe, würde ich wahrscheinlich auf mehrere Arten reagieren:

  1. Mich ärgern, weil ich Zeit und Energie in den Artikel gesteckt habe, oder darüber, dass ich nicht genug Zeit und Energie hatte, ihn so gut zu schreiben, wie ich es unter anderen Bedingungen getan hätte.
  2. Die ersten 20 Male ernsthaft antworten.
  3. Dann würde ich wahrscheinlich innerlich den Spieß umdrehen und die ganzen Besserwisserinnen am liebsten mal meinen Job machen lassen, und mich ärgern, weil zumindest manche von denen doch einigermaßen klug zu sein scheinen, es doch besser wissen müssten.
  4. Irgendwann würde das dann in eine Verteidigungshaltung kippen: Ich würde mich der eigenen Gruppe zuwenden, mich reflexartig mit den Mitbetroffenen in der Redaktion solidarisieren. Es könnte sein, dass ich dann auf die Kommentierenden herabschaue, genervt bin, mich insgeheim über sie lustig mache. Da ich in meiner professionellen Rolle nicht wirklich als Privatperson antworten darf, schweige ich, beiße mir auf die Zunge, schlucke und mache irgendwie weiter. Über mögliche Klickzahlen freue ich mich dennoch, habe aber gleichzeitig Sorge, wie sich das alles auf meine weitere Karriere auswirkt.
  5. Ich ziehe mich zunehmend aus Plattformen wie Twitter zurück, schalte alle, denen ich mal aus Höflichkeit gefolgt bin oder die oben genannte Kritiken schreiben, stumm.
  6. Twitter wird zunehmend zu einer anderen Form von Arbeit.

Warum das nicht funktionieren kann

Rückmeldung und Kritik anzunehmen benötigt Selbstöffnung, Selbstöffnung ein gewisses Maß an Vertrauen in das Gegenüber, und Vertrauen entwickelt sich nicht aus Kontrolle. Die implizite Anforderung, die sich aus dem Schreiben im öffentlichen Raum ergibt, nämlich die der persönlichen Greifbarkeit, schafft Verletzlichkeit und die Erfahrung, dass hier Personen und Rollen verwechselt werden. Auf der anderen Seite wäre es ein Trugschluss, zu glauben, dass dies wirklich trennbar wäre. Menschen, die schreiben und gedruckt werden, stehen so gut wie immer mit ihrem Namen dafür ein. Das Kürzel verliehen zu bekommen ist in seiner Bedeutung wahrscheinlich nur mit der Kutte in Motorradclubs vergleichbar, in mehrfacher Hinsicht. Journalistisches Schreiben ist Handwerk mit einem kleinen Kunstanteil, so dass das eigene Werk auch in der Person des Autors oder der Autorin verortet werden muss. Damit ist Journalismus eine gleichsam privatöffentliche Tätigkeit, was vermutlich für manche Beteiligte ihren besonderen Reiz ausmacht.

Gleichzeitig wäre es völlig unplausibel, auch nur in Ansätzen davon auszugehen, dass Journalistinnen per se Kritik von Personen annehmen, die sie nicht kennen, oder die keine Macht oder Bedeutung haben. Insbesondere im ersten Fall zählen die Annahmen über die Motive besonders. Menschen neigen dazu, denjenigen anderen in Bezug auf Rückmeldungen zu vertrauen, mit denen sie selber gute Erfahrungen gemacht haben, denen sie eine wohlwollende, fördernde Grundmotivation unterstellen, oder die Kraft äußerer Merkmale als besonders kompetent eingeschätzt werden. Die generalisierten Kommentarspaltenschreibenden fallen wahrscheinlich in keine dieser Kategorien. Hier liegt eine weitere Herausforderung im System: Wenn ich als Leserin die Erfahrung mache, nur mit Druck oder Provokation eine Reaktion zu erhalten, wird dies zu einem Rückzug der einzelnen Journalistinnen führen. Wenn Journalistinnen die Erfahrung machen, sich nur durch Rückzug schützen zu können, wird dies zu einem Nachsetzen derjenigen Leserinnen führen, die eine Reaktion wünschen. Diese Dynamik wird durch niedrige Gehälter, Konkurrenz um die wenigen festen Stellen sowie Konkurrenz in den Redaktionen natürlich nicht geringer.

Medien sind durch die Verbindung zu den Autorinnen via Twitter persönlicher geworden. Dadurch fehlen jedoch Filterfunktionen, und die Beschleunigung ist auch in Bezug auf den Austausch spürbar. Was im Gewand einer Demokratisierung der Kommunikation daherkommt, ist langfristig nicht mehr als die Illusion eines Austausches. Die Grenze der Möglichkeiten ist jedoch genau an dieser Illusion erreicht: Niemand hat ein Recht darauf, mit eigener Kritik gelesen, gehört oder in einen Diskurs einbezogen zu werden, genauso wenig, wie eine Zeitung ein Anrecht darauf hat, Exemplare zu Verkaufen. Niemand hat im Rahmen üblicher Anstellungsverhältnisse die Zeit für einen ernsthaften Austausch über Inhalte. Medienunternehmen sind keine privaten Blogs und unterliegen damit anderen Notwendigkeiten als Letztere. Selbstredend unterliegen Angestellte von Unternehmen ebenfalls anderen Regeln als Privatpersonen.

Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es aufgrund all dieser sich selbst verstärkenden Muster ein genereller, arbeitsbezogener Kontakt zwischen Leserinnen und Journalistinnen bei Twitter strukturell unmöglich ist. Ich bedauere dies sehr, sehe jedoch nicht, wie das Problem ohne die Entwicklung neuer oder Adaptation alter Kulturtechniken aufgelöst werden kann. Was ich aber noch mehr bedauere, ist, dass auch der private Kontakt an diesem Ort durch die Erfahrungen miteinander leiden kann, das Spielerische und Leichte, was den Reiz von Twitter ausmacht.

*Ich verwende im Text das generische Femininum, es sind selbstverständlich alle möglichen Geschlechter gemeint.

69

    69 claps
    leonceundlena

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    Eure Majestät, vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.