Worum es bei Handke alles nicht geht

leonceundlena
Oct 13 · 6 min read

Seit der Ankündigung der Schwedischen Akademie, Peter Handke den Literaturnobelpreis 2019 zu verleihen, schwappt eine seltsame Welle von Jubel über die „krachende Ohrfeige“ (Denis Scheck) für das, was er als ‚politische Korrektheit‘ versteht, aber auch Apologetik und Ausweichbewegung durch die deutschen Feuilletons. Dagegen erhebt eine Gruppe von Menschen ihre Stimmen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen entsetzt sind: Entsetzt über die Preisverleihung, entsetzt über die Reaktionen. Diese Gruppe, unter ihnen Autor/innen, Wissenschaftler/innen, Journalist/innen und viele andere, wird mittlerweile nach allen Regeln der Kunst, in diesem Falle gerne auch rassistisch („Menschen deren südosteuropäischer Migrationshintergrund deutlich erkennbarer ist als ihr literarischer Konsumationsvordergrund“ [Fleischhacker]), attackiert. Diese Attacken werden wahrscheinlich weitergehen und langfristig Konsequenzen für Menschen haben, die auf das Wohlwollen von Leuten wie Denis Scheck angewiesen sind.

Dann gibt es noch eine Gruppe von Menschen, die in den sozialen Medien im lauten Überlegen zeigen, dass sie sich persönlich gemeint fühlen, wenn jemand Handke kritisiert. Weil ich beim mir selber diesen eigentümlichen Impuls des Innehaltens verspürte, dieses mehrfache innere Rückversichern, dass es in Ordnung, sogar geboten ist, die Entscheidung des Komitees anzugreifen, möchte ich ein paar Gedanken teilen, worum es bei Handke alles nicht geht.

1. Es geht nicht darum, irgendjemandem eine biographisch wichtige Leseerfahrung nehmen zu wollen. Alle Lesenden werden Texte kennen, die ihnen etwas bedeutet haben, deren Verfasser/innen jedoch veritable Arschlöcher waren und/oder politisch völlig inakzeptabel. Ich mag Gemälde von Picasso und Schiele, ich höre mitunter Wagner, habe schon zu Michael Jackson getanzt. Es schmerzt, die Idealisierung aufgeben zu müssen, insbesondere, wenn diese mal wichtig war. Andererseits sollte die ansonsten wichtige Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz nicht die Urteilskraft in anderen Dingen verwässern.

2. Es geht nicht darum, einem Gesamtwerk im Nachgang jegliche Qualität abzusprechen. Gleichzeitig müssen Entwicklungen wie bei Handke dazu anhalten, die Entwicklung von Autor/in und Werk im historischen Kontext zu verstehen. Das Sendungsbewusstsein als Teil einer privat-politischen Konstellation, der Rückzug ins Private aus Enttäuschung oder Kränkbarkeit heraus, die offizielle Beschäftigung mit Moosen, Flechten und Pilzen bei gleichzeitiger politischen Betätigung findet Parallelen in der deutschen Romantik, dem deutschen Faschismus, der deutschen Linken nach ´68, sowie dem ‚gesunden Volksempfinden‘, das aktuell von Konservativen, Rechtsextremen und rechten Querfrontleuten allenthalben aufgewärmt wird. Literatur kann und darf eben nicht im Phantasma eines ästhetischen Vakuums betrachtet werden.

3. Es geht nicht darum, dass sich niemand eine eigene Meinung zu Handke bildet, oder dass es innerhalb dieser Meinungen keine Unterschiede geben dürfte. Aber: Die eigene Meinungsbildung ist oftmals zeitabhängig und wird ohne äußeren Anlass oftmals nicht von alleine revidiert. Ich habe Handke zum Beispiel vor 20 Jahren gelesen, damals auch nur die frühen Sachen. Was seit Mitte/Ende der 70er Jahre kam, fand ich nicht ansprechend, das, was ich aus den 80ern mitbekam, ließ ihn mir wie einen gekränkten Zausel vorkommen, der sich in den 90ern noch mal eine verzweifelte Bühne bei den serbischen Rechtsextremen suchte. Für mich, nicht als Person selber betroffen von den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien, war er ein weiterer Spinner und Kriegstreiber, dem möglichst wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Auf diese Haltung kann ich mich heute nicht mehr zurückziehen und hätte das aus jetziger Sicht auch seit den 90ern nicht mehr machen sollen. Und: Ich hätte das auch früher wissen können.

4. Es geht nicht darum, dass die Jugoslawienkriege nicht komplex gewesen wären, mit sehr unterschiedlichen Interessenslagen. Aber es ist Augenwischerei, auch nur anzunehmen, dass es Kriege und Kriegsverläufe gäbe, die nur von hehren Idealen geprägt gewesen wären. Allerdings: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich viele Menschen des klassischen weißen deutschen Bildungsbürgertums die Mühe gemacht haben, sich tatsächlich mit Geschichte und Gegenwart des Balkan als Region auseinanderzusetzen. Ebenso habe ich nicht den Eindruck, dass die gut dokumentierten Kriegsverbrecherprozesse wirklich gelesen wurden. Das ist auch deshalb bedeutsam, weil das alles etwa zwei Flugstunden von deutschem Hoheitsgebiet passiert ist, und das Desinteresse im Vergleich dazu doch beeindruckt. Im Gegenteil passt es sehr zu alten imperialistischen und rassistischen wilhelminischen Stereotypen der „Wilden“ aus der Region, die zumindest durch Österreich-Ungarn, aber insgesamt durch eine harte Hand regiert werden müssen, da sie sonst nur Unheil anrichten, was ja ein Teil der ideologischen Grundlage für den 1., viel mehr noch für den 2. Weltkrieg war.

5. Es geht nicht darum, dass die Jugoslawienkriege nicht insbesondere für die Reste der deutschen Linken ein Problem dargestellt haben, von dem sie sich bis heute nicht wirklich inhaltlich erholt hat. Wie geht man damit um, dass in großer Nähe Kriegsverbrechen, also Ermordungen und Gräueltaten an Menschen, begangen werden, die zu dem Zeitpunkt nicht mehr politisch gestoppt werden können, wenn man weiß, dass die eigene Regierung darauf zusteuert, auch wieder militärisch auf der Welt eingreifen zu wollen, um das, was als ‚deutsche Interessen‘ bezeichnet werden, zu wahren? Wie geht man mit der Augenwischerei um, dass Deutschland schon lange Kriege mitfinanziert hat, nur ohne Truppen zu schicken? Wie damit, dass die Grünen, die doch eigentlich für Prinzipien wie Pazifismus standen, nun in der Regierung damit konfrontiert waren, solche Entscheidungen zu treffen? Auf der anderen Seite ist die Welt nun einmal komplexer, als der eigene Wunsch nach Eindeutigkeit es sich wünscht, und das Dilemma zwischen Verantwortungsübernahme und Schuld ist aus politischen Entscheidungen nicht wegzudenken.

6. Es geht nicht darum, die historische Verpflichtung, die sich aus den Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht nicht nur, aber auch in Serbien, ergibt, zu leugnen. Es geht auch nicht darum, die Verbrechen des Ustascha-Staates und seiner Einheiten wie der Schwarzen Legion zu leugnen. Allerdings kann der politische Rückzug in die Beobachtung nicht die Antwort auf diese Dinge sein. Vielmehr drängt sich die Frage auf, ob neben der historisch verstehbaren Scheu, wieder deutsche Soldaten auf den Balkan zu schicken, nicht auch eine klammheimliche Erleichterung im Sinne einer Schuldentlastung spürbar wird, nämlich, dass die ehemaligen ‚Opfer‘ der eigenen Gewalt nun endlich ‚auch Täter‘ geworden sind, und dass man sie auch deshalb schützen und verteidigen muss, um die eigene Schuld zu relativieren.

7. Es geht nicht darum, dass auch Menschen, die heute als Serb/innen bezeichnet werden, Leid erlitten haben. Im Gegenteil: Das Leid Einzelner gegeneinander aufzurechnen und zu benutzen ist der Beginn einer Dehumanisierung und Vernebelung von historischen Fakten auf einer politischen Ebene. Ich persönlich habe sowohl mit Menschen in Belgrad gesprochen, die beim Klang der Sirenen irgendwann einfach nicht mehr in die Luftschutzeinrichtungen gelaufen sind, sondern sich ins Bett gelegt haben und wegdissoziiert sind, bis der Angriff der Nato-Flugzeuge vorbei war. Ich habe aber auch mit Menschen aus anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens gesprochen, auch mit solchen, deren Familie ausgelöscht wurde, die das zum Teil mit ansehen mussten, die auf der Flucht missbraucht wurden und in Deutschland jahrelang nicht wussten, ob sie bald wieder zu den Nachbarn abgeschoben werden würden, die damals an den Verbrechen beteiligt waren. Wichtig ist hier, dass das Leid der Einzelnen in der Debatte missbraucht wird, wenn es als Währung der politischen Auseinandersetzung gegeneinander ins Feld geführt wird. Individuell ist natürlich die Frage von Schuld eine wichtige, wie Herta Müller übrigens in Bezug auf Serbien anmerkte. So können sich Literaturnobelpreisträger/innen nämlich auch zu Wort melden.

Sondern es geht darum:

1. Soll einer Person, die Genozid und Kriegsverbrechen leugnet, die höchste Auszeichnung der Literaturwelt zugesprochen werden? Die Person ist hier wichtig, denn der Preis wird ausschließlich einem Menschen zugesprochen, der noch lebt.

2. Wenn einem/r Genozide egal sind, sondern die Innerlichkeit und der Rückzug ins Private als Maßstab ausreicht: Wie kann es sein, dass die Akademie, deren Komitee aufgrund von Skandalen unter anderem um sexuellen Missbrauch sich neu zusammensetzen musste, einem Mann den Preis zuspricht, der frei zugibt, seine Partnerin geschlagen und getreten zu haben, um dann nachzulegen, dass er sich damit auch nicht so gut gefühlt hätte?

3. Ist die Schwedische Akademie überhaupt eine Institution, der weiterhin zugebilligt werden kann, eine ausreichend und der Bedeutung des Preises angemessene fachliche und moralische Einschätzung abgeben zu können?

Zu guter Letzt: Vielleicht gibt es ja Menschen, die die Sache zum Anlass nehmen, über die Grundlagen ihres eigenen Urteils nachzudenken, die sich öffnen und reflektieren, warum sie initial Impulse hatten, Handke zu verteidigen, wo diese Impulse herkommen, und was sie aus dieser Angelegenheit lernen können. Zudem ist es unsere Pflicht, denjenigen Menschen zuzuhören, und zwar sehr genau, die Handke und die Preisverleihung kritisieren. Dann wäre in Bezug auf das Leid zwar immer noch alles umsonst, aber vielleicht etwas für die Gegenwart gewonnen. Das sind wir auch den Menschen schuldig, die heute nicht mehr sprechen oder schreiben können, und denen, die sich aktuell in einer ähnlichen Situation befinden.

    leonceundlena

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    Eure Majestät, vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.