Am 16. November 2015, Place de la République in Paris. © Christoph Soeder

Ein besonderer Tag

Das Unfassbare dringt ins Bewusstsein, die plötzliche Nähe des Todes. Eine ganze Stadt versucht, sich zu besinnen.

Draußen in den Straßen von Paris sind die Menschen anders als gewöhnlich. Sie schauen sich zugleich mit Sympathie und mit Misstrauen an. Sie sind auf der Hut, sie schauen und lauschen aufmerksam. Plötzlich hat sich das Interesse am anderen erhöht. Dieser rennt, dieser hat einen schwarzen Koffer.

Die Atmosphäre ist nicht die eines alltäglichen Freitagabends. Vor ein paar Minuten hat man durch Freunde oder Medien gehört, dass Menschen sich in die Luft gesprengt haben, beim Stadion und auch auf der Place de la Nation. Mehr als zehn Menschen sind erschossen worden in diesem kambodschanischen Restaurant, wo man selbst vor zwei Monaten gegessen hat. Ein gutes Restaurant. Feine, originelle Küche, lockere Stimmung. Und dann findet noch eine Gei- selnahme statt, in einem Konzertsaal. Man wagt nicht daran zu denken, dass Hunderte Leute drinnen sind.

Es ist zu gefährlich, auf der Straße zu bleiben. Auf Empfehlung der Polizei hat man sich in Sicherheit gebracht bei Freunden oder in der Wohnung eines Unbekannten. Stunden vergehen. Man will erfahren, wie diese Gei- selnahme zu Ende geht. Endlich kommt die Zahl. ‹Ungefähr hundert›. Im TV-Studio wird es still. Ein Journalist will etwas sagen, aber hält sich doch zurück. Noch drei Sekunden die unbequeme Stille verlängern. Ist es ein Schock? Ja. Und doch: Alle wussten es schon. Hundert Tode. Ein paar Minuten noch, dann beginnt man zu weinen.

Die Untaten von Paris lassen uns keine Wahl: Etwas müssen wir machen. Aber was? Man muss schon entscheiden, was man nach den Kerzen anzünden wird. Neben ‹Alptraum› und ‹Horror› steht das Wort ‹Krieg› auf vie- len Lippen. Ein Krieg, also? «La France est en guerre», lautet der erste Satz des Leitartikels der Zeitung ‹Le Monde› am nächsten Tag. Die Presse und Politik meinen es: Frankreich führt einen Krieg. Und vorbereiten sollte man sich gegen alle Erscheinungen, die den Krieg begleiten: verstärkte Grenzen, Propaganda, Lüge, weitere Attacken auf dem Boden Frankreichs. Man sagt, dass man weiter ein Leben mit Vergnügungen führen wird, das den Extremisten zeigen wird, dass sie ihr Ziel nicht erreicht haben: in Cafés gehen, Miniröcke tragen, Rockmusik hören und sich küssen. Doch kann das reichen?

Einen Krieg zu führen und die französische ‹joie de vivre› aufzubewahren, kann nicht genügen. Wer zum starren Soldat wird, akzeptiert das Schlachtfeld des Terrors. «Hass bewirkt Hass, Krieg ernährt sich vom Krieg», erinnert uns der ehemalige französische Premier Dominique de Villepin 2014 in einem Interview.

Viele Pariser haben Bekannte, die von den Anschlägen betroffen sind. Diese plötzliche Nähe einer ganzen Stadt mit dem Tod hat eine starke Wirkung. Steht man vor dem Tod, so wird alles auf das Wesentliche zurückgebracht. Plötzlich begreift man, dass das menschliche Leben nichts Selbstverständliches ist. Sokrates sagte, Philosophie sei eine Vorbereitung auf den Tod. Der Philosoph hat in jedem Moment das Bewusstsein, dass er und seine Mitlebenden sterben werden. Dieses Bewusstsein seiner Sterblichkeit ermöglicht ihm, hinaus aus dem ‹Jetzt› zu blicken, um einen Erkenntnisweg anzutreten. Lauscht man hin, fordert uns die Tragödie auf, diesen Erkenntnisweg anzutreten.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in Das Goetheanum am 20. November erschienen.