Lebwohl, Disco — Warum ich mich vom DJ-Dasein im Club verabschiede

Das war’s, es reicht: nicht mehr werde ich regelmässig meine Facebook-Freunde mit Events zuspamen, meine Platten und meine digitalen Tracks sortieren, meinen Kumpels für den Abend absagen, ermüdet zum Club fahren, mein Equipment einrichten, auf meinen Slot warten, für einen vollen, halbvollen oder leeren Dancefloor spielen, warten bis die Sause vorbei ist, und dann noch müder nach Hause fahren. Ich habe genug vom Auflegen. Mit 34 Jahren auf dem Buckel und meinem halben Leben als DJ, ist es Zeit zu gehen.

Tschüss Club

Es war ein zaghafter Abschied von der DJ-Kanzel, lange habe ich damit gehadert, endlich aufzuhören, lange wollte ich nicht realisieren, dass es bereichernder ist für mich, meine Energie in andere Tätigkeiten zu investieren. Doch seit Anfang Jahr ist Sense, die DJ-Ambitionen abgelegt wie damals meine Baseball Caps: Irgendwie wehmütig und beschlichen vom Gefühl, der kindische, fidele Teil würde dem Spiessbürger in mir weichen ­– aber auch mit einem befreienden Seufzer und einem gewissen (erwachsenen) Stolz, der daher rührt, dass ich die Aussichtslosigkeit der Lage endlich eingesehen habe: Meine DJ-Laufbahn stagnierte seit längerem.

Dennoch: Sich vom Auflegen zu lösen ist schwierig, schliesslich ist die Tätigkeit für die Hedonisten dieser Welt ziemlich verlockend: Deine Musikauswahl dröhnt aus den Club-Boxen, der Alkohol fliesst und am Ende des Abends kriegst du noch eine Gage in die Hand gedrückt. Obwohl du meistens nachts spielst, bewegst du dich auf der sonnigen Seite des Lebens, kannst zudem noch reisen und hey!, du bist nun mal ein DJ.

Von der Sucht, aufzulegen

Ich meine aber, dass es neben den hedonistischen auch andere Gründe gibt, wieso auflegen einen in seinen Bann ziehen kann. Wie wohl alle Tätigkeiten, bei denen man einem Publikum seine eigenen Ideen und Emotionen vermittelt, hat auch das Auflegen seinen ganz besonderen Reiz. Als DJ bist du in erster Linie ein Musikliebhaber, der gerne Musik teilt, und das ist eine sehr persönliche Sache: Du entscheidest mit deinem Geschmack, was die Leute am Abend hören. Ob der Abend für die Anwesenden eine gelungene Sache wird oder eine Zeit- und Geldverschwendung, liegt ­– zumindest ein Stück weit — in deinen Händen. Du kommst also entweder wie ein König mit erhobenem Haupt von der DJ-Kanzel oder verkriechst dich wie ein geschlagener Hund. Als DJ pendelst du hin und her zwischen narzisstischer Zuversicht und desillusionierter Resignation.

DJs, die ich kenne, spielen regelmässig mittelmässige und nervenzerreibende Gigs, nur um dann wieder einen Auftritt wahrzunehmen, bei dem alles stimmt: die Leute, die Anlage, die Musikauswahl, die Stimmung, die Magie. Als DJ bist du — wenn du deinen Job ernst nimmst — dafür zuständig, dass deinem Publikum die Flucht aus dem Alltag gelingt Ein erfolgreicher Gig ist immer eine Bestätigung deines Geschmacks, deiner Fähigkeit und in letzter Konsequenz deiner Existenz als DJ.

Enttäuschung und Euphorie in derselben Nacht

Wie unterschiedlich DJ-Erfahrungen sein können, habe ich in der vergangenen Silvesternacht erlebt. Dort spielte ich zwei Gigs. Der erste gehörte zu denen, die ich schnell wieder vergessen wollte, weil schon zu oft erlebt: Technische Probleme und ein Publikum, das man nur mit einem Dauerbombardement an Peak-Time-Tracks oder Hits am Leben erhalten konnte. Es war nervenaufreibend und kräftezerrend. Der zweite Gig in einem dunklen, engen Keller gehörte hingegen zu den Highlights der letzten Jahre: Die Anlage versorgte die tanzfreudige, eng aneinander gedrängte Meute mit druckenden Bässen und einer fantastischen Soundqualität. In diesem engen, überfüllten, dunklen Keller konnte ich tun, was ein DJ wirklich tun muss: die vorhandene Energie aufnehmen und sie steuern. Als DJ bist du nämlich nicht der Motor, du bist der Katalysator der Party. Emotionen und Biografien der Clubber, Schweiss, Rauch und Parfumgeruch werden miteinander vermengt und lassen diesen ephemeren Zustand, dieses euphorische Ganze entstehen.

Auflegen um jeden Preis

Ich habe, wie wohl die meisten, in der Pubertät angefangen aufzulegen. Es war eine Teenie-Leidenschaft und ich war so versessen in das Auflegen, dass ich für jeden noch so aussichtslosen und unspektakulären Gig bereit war, für wenig bis gar kein Geld meine Platten (und ab und zu auch meinen Mixer und meine Plattenspieler) mit dem Velo oder dem Bus bis ans Ende der Stadt zu tragen. Meine Persistenz und mein Enthusiasmus zahlten sich aus: Ich bespielte mehr Clubs, legte vor mehr Leuten auf und verdiente mehr Geld. Beim nationalen Redbull-Threestyles-DJ-Wettbewerb schaffte ich es sogar auf das Podest: Eine gute Voraussetzung für den weiteren Schritt auf der Treppe der DJ-Karriere.

Aber es war schon zu spät.

Aus folgenden Gründen wandte ich mich zunehmend vom Auflegen ab: Erstens führten zu viele musikalische Kompromisse und zu viele Gigs, die wenig Freude bereiteten, dazu, dass ich mich als DJ zu sehr verausgabte. Zweitens erforderte meine musikalische Umorientierung von Hip Hop zu House einen Image-Neustart, die Hip-Hop-Hörner abzustossen, war jedoch schwerer als erwartet. Drittens musste ich durch den Einstieg ins Berufsleben im Alltag grössere Verantwortung tragen Und viertens kam ich im Verlauf meines DJ-Daseins zu der Erkenntnis, dass viele DJs da draussen es wesentlich besser verstehen, wie man eine Tanzfläche zum Kochen bringt. Ich würde nicht behaupten, dass ich ein schlechter DJ bin, aber Leute mit einem Repertoire an Hits bei Laune zu halten ist das eine, mit unbekannten und nicht ausschliesslich funktionalen Tracks einen Moment zu kreieren, den die Leute nicht so schnell wieder vergssen werden ist das andere. Letzteres war meine Anforderung an mich selbst, dem wurde ich nicht gerecht.

Die Party wird zum Alltag

Die Kommerzialisierung und der Hype, der Club-Musik gegenwärtig umgibt, fordern ihren Tribut. Der Club ist keine Domäne mehr, in der Anderssein und Alltagsferne gefeiert wird, viel mehr herrscht Uniformität und Routine. Die Clubber sind so gelangweilt, dass selbst MDMA sie nicht mehr aufpeppen kann; die Acts sind wegen des dichten Tour-Plans und der vielen Arbeit fix und fertig. Die Clublandschaft ist ein gedüngtes, auf Ertrag ausgerichtetes Kornfeld, in dem es kein sonderbares Gewächs, keine farbigen Blumen mehr gibt. Die Clubs werden austauschbar, von der Inneneinrichtung über die Acts bis hin zu den Gästen. Kein Wunder sind die guten Partys die inoffiziellen, die ausserhalb der Klubmaschinerie stattfinden: In Kellern von Wohnhäusern, auf Dachterrassen von Industriegebäuden, am Hafen oder im Wald. Dort werden die Produktionskosten tiefgehalten, Dosenbier und Eintritt ist günstig oder kostet nichts und die Atmosphäre ist intim. Hier spürt man den Enthusiasmus und die Ausgelassenheit und fühlt sich als DJ oder als Gast nicht bloss auf die Funktion des Konsumenten reduziert — sondern als gestaltendes Individuum.

Die Leidenschaft Musik bleibt

Weil ich meine DJ-Ambitionen hinter mir gelassen und keinen Bock mehr auf regelmässige Gigs habe, heisst das aber nicht, dass ich mich vollständig von der DJ-Bühne verabschieden werde. Ich bin weiterhin getrieben davon, Musik zu verstehen und zu ergründen. Die Entwicklungen in der Musikindustrie beobachte ich genau so wie neue Musik-Produktionsmittel und musikalischen Entwicklungen. Und wenn ein einzelner Gig winkt, der spassig klingt, packe ich auch wieder meine DJ-Sachen.