Die drohende Verwüstung im Lokalen

Lokaljournalismus ist fundamental wichtig für eine demokratische Gesellschaft. Der Markt scheint ihn nicht mehr lang überall gewährleistet zu können — es braucht Alternativen.

Lorenz Matzat
Nov 3, 2018 · 8 min read

Es steht schlecht um die “Vierte Gewalt” im Lokalen. Redaktionen werden zusammengelegt oder Zeitungen schließen gar; die Zahl der “Zombizeitungen”, die zwar noch ihren alte Hülle tragen, aber viele ihrer Inhalte aus anderen Redaktionen erhalten, wächst. Private Lokalradios und öffentlich-rechtliche Radio- und TV-Sender bilden in der Regel nur Regionales ab — der wirkliche lokale Level, also der auf Stadtteil-, Dorf- oder Straßenebene findet im Journalismus nicht systematisch, sondern höchstens punktuell statt.

Nun war es nicht so, dass Lokaljournalismus in den letzten Jahrzehnten Hort der kritischen Begleitung des lokalen Geschehens war: Die Medienforscherin Wiebke Möhring stellte 2011 fest:

“Der Lokalteil ist unter anderem zu stark ereignisbezogen und zu wenig kontinuierlich (‘Terminjournalismus’), beinhaltet zu wenig Hintergrundinformationen, zu wenig Politisches, er ist zu wenig reflektierend (‘Verlautbarungsjournalismus’), die lokale Elite ist überrepräsentiert und insbesondere gegenüber dieser wird zu wenig Kritik geübt (‘Hofberichterstattung’)”

Jüngst erschien eine Studie der Uni Trier, die eine Woche Berichterstattung in gut 100 Lokalzeitungen im Print und Online untersuchte (“Die Leistungen des Lokaljournalismus. Eine empirische Studie zur Qualität der Lokalberichterstattung in Zeitungen und Onlineangeboten”). Dort heißt es im Fazit:

Die Ergebnisse der empirischen Studie, bei der die Lokalteile von 103 Tageszeitungen sowie ihre Online-Auftritte in einer umfangreichen Inhaltsanalyse untersucht wurden, zeichnen mit Blick auf die Qualität ein ambivalentes Bild des Lokaljournalismus in Deutschland. So lassen sich einerseits Stärken ausmachen: Qualitätsdimensionen wie die Themenvielfalt und die Unabhängigkeit weisen überdurchschnittlich hohe Punktwerte auf. (…) Gleichzeitig zeigen die Werte anderer Qualitätsdimensionen, dass es weiterhin auch Defizite gibt, die sich von früher bis heute fortsetzen: Die Zeitungen sind relativ unkritisch und enthalten in der Regel nicht allzu viele kontroverse Artikel, auch Hintergründe werden nicht immer erläutert. (…) Auch die Relevanz der Artikel fällt vergleichsweise niedrig aus; dies kann allerdings auch mit der — im Vergleich zur nationalen Ebene — kleineren Zahl an bedeutsamen Ereignissen erklärt werden. Die Zeitungen sind bei Grafik und Text nur eingeschränkt unterhaltsam und bieten zumeist nur Berichte und Meldungen; der Anforderung einer anschlussfähigen Selbstbeobachtung der Gesellschaft werden sie somit nicht immer gerecht. Auch bei der Partizipation — die insbesondere aus räumlich-geographischer Perspektive von Bedeutung ist — besteht Potenzial nach oben.”

Nachrichtenwüsten

Doch in der Theorie sollte Lokaljournalismus als Korrektiv zur Politik, Wirtschaft und den diversen Interessengruppen dienen. Als unabhängiger und unparteiische Beobachter fungieren, der Öffentlichkeit herstellt und garantiert. Damit kommt dem Journalismus eine wesentliche Rolle in einer Demokratie zu, die die (Eigen-)Bezeichnung “Vierte Gewalt” rechtfertigt. Und selbstverständlich sorgt ein lokales Medium als Idenditätsbinder, der den Charakter eines Orts oder Region nach innen wie nach außen widerspiegelt. Beides — kritische Lokalberichterstattung und Identitätsspiegel — sind wesentlich Bestandteil einer funktionierenden Gesellschaft.

In den USA ist das immer wieder Gegenstand der Forschung. So wurde dort gezeigt, dass in “news deserts” — Gemeinden über die und in der faktisch kein Journalismus stattfinden — zivilgesellschaftliches Engagement und die Wahlbeteiligung sinkt. Unlängst veröffentlichten US-Wissenschaftler eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen der Schließung von Lokalzeitungen und dem Schuldenverhalten von Kommunen (“Financing Dies in Darkness? The Impact of Newspaper Closures on Public Finance” [pdf]). Sie zeigen anhand Zahlen seit 1996, dass wenige Jahre nach dem Verschwinden der Zeitung in der Regel die Kommunen schlechteres Finanzgebaren an den Tag legen: Der “Watchdog” fehlt und an seine Stelle ist kein adäquates Medium getreten.

Solch Untersuchungen belegen zwar, welche Rolle Lokaljournalismus spielen kann. Allerdings ist sie nur bedingt auf Deutschland zu übertragen. Zum einem ist entgegen den USA Investigativjournalismus auf lokaler Ebene äußerst selten. (So erklärt sich etwa das Versagen des Journalismus beim Desaster rund um dem Flughafenneubau in Berlin: Keine der zahlreichen Redaktion in der Region hatte vorab offenbar auch nur ein Hauch einer Ahnung, dass die Eröffnung des BER durch massive Probleme in Frage gestellt wurde.) Aber es ist auch die Situation und Vielfalt des Zeitungswesen in den USA eine gänzlich anderen. Das sogenannte Zeitungssterben, bei dem dort derzeit dutzende Titel pro Jahr verschwinden, hat es hierzulande auf andere, auf drastischere Art längst gegeben.

Dem Markt geht es schlecht

Zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten gab es über 4000 Zeitungstitel im damaligen Deutschen Reich. Im Jahr 1938 — nach der vollzogenen Gleichschaltung der Presse — war diese Zahl auf 1200 gesunken und fiel bis Ende des Krieges dann auf unter 1000. In Westdeutschland hatte sich die Zahl der Titel Mitte der 50er Jahre auf rund 1500 erholt. Allerdings erschienen diese Titel in 225 “publizistischen Einheiten” (PE): Der Mantelteil der Titel innerhalb solch einer Einheit sind inhaltlich gleich. Bis 1989 sank die Zahl der PE auf 119 und 1350 Titel. In der DDR gab es 1989 knapp 300 Titel, die in 37 PE erschienen. Von den verschwanden nach der Wiedervereinigung rasch 19, so daß im Jahr 2016 die Zahl der PE in der Bundesrepublik bei 121 und die Titelanzahl bei etwa 1500 lag.

Zählte 1991 die verkaufte Auflage der Zeitungen inkl. Sonntags- und Wochenzeitungen insgesamt 27 Millionen, sank sie bis zum 1. Quartal 2018 auf circa 14 Millionen. Zwar kompensierten die Verlage ein Teil der Verluste von Abonnenten — in jüngster Zeit bis zu eine Million im Jahr — durch Online-Abos (ePaper) und Bezahlschranken. Doch wiegt das die Verluste im Printbereich nicht annähernd auf. (Fast alle Zahlen stammen aus dem BDZV-Jahrbuch 2016/2017 S. 312ff.)

Der Werbeumsatz betrug 2016 2,5 Mrd. Euro — nur 40 Prozent des Umsatzes aus dem Jahr 1999, berichtete der Medienforscher Hörst Röper dieses Frühjahr. (“Zeitungsmarkt 2018: Pressekonzentration steigt rasant”). Ebenfalls zeigt er, dass die Konzentration im Zeitungsmarkt stetig zunimmt: Fast 62 Prozent aller Titel werden mittlerweile von den zehn größten Verlagsgesellschaften kontrolliert (z.B. Axel Springer, Funke, Madsack, DuMont). Röper:

“Wird ein Lokalteil vollständig übernommen, ist das zugleich regelmäßig das Ende einer vielfältigen Berichterstattung im betroffenen Verbreitungsgebiet. Zum einen gibt es, von wenigen Großstädten abgesehen, kaum noch Gebiete, wo eine weitere Zeitung für einen Rest an Vielfalt sorgen könnte. Zum anderen ist mit der Übernahme der Lokalberichterstattung einer Zeitung zugleich auch die Übernahme des redaktionellen Materials für digitale Angebote, etwa Onlineportale, verbunden. Nicht nur die Zeitungsinhalte werden ähnlich oder gar gleich, sondern auch digitale lokaljournalistische Angebote.”

Was also tun, in Zeiten, in den vor allem in strukturschwachen Regionen die Tageszeitungen verschwinden? Oft erfüllen hier höchsten noch Anzeigenblätter — also kostenlose wöchentliche gedruckte Zeitungen — die sich rein über Werbung finanzieren die Aufgabe der Lokalberichterstattung. (Sie werfen weiterhin recht gute Gewinne ab. Siehe Quartalsbericht zur deutschen Medienwirtschaft, April bis Juni 2018, S. 7.) Doch ein Geschäftsmodell, das der lokalen Wirtschaft nicht vor den Kopf stoßen will und mit auf das minimalste reduzierten Redaktionen operiert, kann der notwendigen Rolle eines unabhängigen Beobachters nicht ausfüllen.

Neue Ansätze

Das Schwinden des klassischen Lokaljournalismus wäre insgesamt kein großes Drama, wäre in den letzten 15 Jahren im Internet eine Alternative erwachsen. Eine Alternative, der es gelingt Öffentlichkeit zu bieten und abzubilden. Zwar haben Plattformen wie Facebook und andere Dienste (Kleinanzeigen, Terminportale, Sport (z.B. fupa.net), interaktive Karten wie Google Maps) Teile der Aufgaben von Zeitungen übernommen, doch ihnen fehlt das Selbstverständnis des Tageszeitungs- und Lokaljournalismus: Ein professioneller Rundumblick auf Politik, Wirtschaft, Kultur, und Sport durch dazu ausgebildete und befähigte Personen.

Zwar finden sich Ansätze neuer Formen — etwa Bürgerjournalismus und Lokalblogger — doch keiner davon hat sich flächendeckend und nachhaltig etabliert noch die grundlegende Frage geklärt: Wie lässt sich sich finanzieren? Vielleicht gelingt es Nachbarschaftsnetzwerken (z.B. nebenan.de,) im Internet zu Nachfolgern der klassischen Lokalzeitung heranzureifen. Warum Verlage sich dieses Format online kaum zu eigen machen, ist erstaunlich, weil sie Vehikel für eine moderne Transformation des althergebrachten Mediums Lokalzeitung sein könnten. In Abschlussbericht des vhw-Forschungsprojekts “Vernetze Nachbarn” aus diesem Sommer heißt es über die Nachbarschaftsnetzwerke: “Sie bieten Potenziale, um gesellschaftlichen Herausforderungen wie der sozialen Integration unterschiedlicher Teilgruppen oder auch der Alterseinsamkeit im Lokalen zu begegnen.” Die Studie stellt aber auch fest, dass in den untersuchten Netzwerken Lokalpolitik bislang so gut wie keine Rolle spielt.

Eine andere Option ist der Weg der Gemeinnützigkeit. Bislang listet die Abgabenordnung, nach der sich Steuer- und Stiftungswesen richten müssen, Journalismus nicht unmittelbar als Zweck. Doch werden seit einigen Jahren Stimmen laut, die dafür werben, journalistische Vorhaben unmittelbar als dem Gemeinwohl dienlich anzuerkennen. Nahezu einzigartig in diesem Gebiet ist “Vor Ort NRW”, eine Stiftung der Landesmedienanstalt von Nordrhein-Westfalen. Die erklärt ihr Ziel so: “Wir möchten einen Beitrag für ein stabiles und unabhängiges Mediensystem in NRW leisten und Raum für Innovation schaffen, Impulse setzen und zu neuen Wegen und Experimenten ermutigen”. Neben Beratung vergibt die Stiftung dafür Fördergelder.

Den Weg in die Gemeinnützigkeit hat auch “Correctiv” eingeschlagen. Das 2014 gegründete Vorhaben orientiert sich an dem US-Vorbild ProPublica. Durch eine großzügige Förderung einer Stiftung konnte Correctiv starten und veröffentlichte seitdem meist Recherchen im Gespann mit klassischen Medienhäusern. Doch legt das “gemeinnützige Recherchezentrum” nicht zuletzt seinen Fokus auf das Lokale. Neben dem Ableger “Correctiv Ruhr” wurden in mehreren Städten Crowdsourcing-Aktionen gestartet, bei denen Bürger helfen können, z.B. die Frage zu klären: “Wem gehört Hamburg”. Vor kurzem wurde zudem angekündigt, das in Großbritannien etablierte Modell von “Bureau Local” für Deutschland zu übernehmen: Um investigative Recherchen auf lokalem Level zu stärken, soll ein Netzwerk von lokalen Journalist aufgebaut werden, das von zentraler Stelle Unterstützung für Recherchen erhalten kann.

Correctiv greift für seine Projekte auch immer wieder auf Gelder von Google und Facebook zurück; beide Konzerne versuchen seit Jahren sich mit großzügigen Förderungen in Deutschland und Europa als Gönner im journalistischen Sektor zu profilieren. Wie und wen bislang nahezu hundert Millionen Euro vergeben wurden, hat das Online-Magazin netzpolitik.org vor Kurzem aufgearbeitet (“Citizen Google: Wie ein Konzern den Journalismus dominiert”).

Öffentlich-rechlicher Lokaljournalismus

Will man größere Projekte jenseits von Verlagen starten, führt tatsächlich derzeit an den Geldern der Internetgiganten kaum ein Weg vorbei. Denn hierzulande mangelt es an Fördermöglichkeiten (was nicht zuletzt an besagter Gemeinnützigkeitsproblematik liegt). Dabei ist in gewisser Weise ein Lösungsansatz für das Problem des schwindenden Lokaljournalismus längst vorhanden. Mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖR) hat sich die hiesige Gesellschaft eine Infrastruktur gegeben, die kollektiv finanziert mit acht Milliarden Euro jährlich ausgestattet ist. Deren Auftrag wird durch politische Entscheidungen immer wieder nachjustiert. In Zeiten von Privatsendern und Internet kann dem ÖR eine längst überfällige strukturelle Neuordnung nur gut tun und so nicht zuletzt die Akzeptanz in weiten Teilen der Bevölkerung fördern. Die Landesanstalten der ARD betreiben zwar Regionaljournalismus, müssen aber — nicht zuletzt, um den Lokalzeitungen keine Konkurrenz zu machen — im wesentlich auf flächendeckenden Lokaljournalismus verzichten.

An anderer Stelle hatte ich dafür geworben, dass ZDF zu schließen und mit dem so freiwerden Geld eine öffentlich-rechtliche Lokaljournalismus-Struktur aufzubauen (“Das Märchen vom Lokaljournalismus”). Ein anderer Ansatz wäre der in Großbritannien durch die BBC praktizierte “Local Democracy Reporting Service”, der nach einer Einigung mit Lokalzeitungsverlagen 2017 gestartet wurde: 90 Verlage und Sender nehmen Teil. Dank einer finanzielle Zusage durch die BBC können langfristig Journalisten angestellt werden, die explizit über Lokalpolitik berichten sollen. Auch stellt die BBC die technische Infrastruktur für den Austausch von Informationen und Artikel zu Verfügung. In einem Bericht von NiemanLab über das Vorhaben heißt es:

“A number of these reporters have written about their experiences, some of them noting their surprise at how interesting local government coverage can be and how important they felt their work was to the democratic process.”

Tatsächlich hört man eher selten, dass jemand den Berufswunsch Lokaljournalist äußert. Die Talente verlassen das Lokale sobald als möglich. Viel Anerkennung erfährt das Genre auch nicht, obwohl hier die meisten Journalisten im Land arbeiten: Nur ein Bruchteil der Preise — das einzige an dem es in der Journalistenzunft nicht mangelt — zeichnet Arbeiten im Lokalen aus. Die oft schnarchige Anmutung diesen Sektors tut ihr übriges. Doch gerade weil hier soviel Luft nach oben ist, gerade weil er für die Gesellschaft eigentlich so wichtig ist, sollte der Lokaljournalismus ein attraktives Betätigungsfeld sein. Um hier eine Aufbruchstimmung zu erzeugen, muss eben diese Gesellschaft aktiv werden und Lokaljournalismus als kollektive Aufgabe verstehen. Auf den freien Markt sollte sie sich nicht verlassen.

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Politik & Journalismus